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Einzige Brauerei Pakistans: Geheime Pilskunde

Der Hopfen kommt aus Bayern, auf einem Schild steht: Ziemann 1966. In der einzigen Brauerei Pakistans gedeihen die Geschäfte prächtig. Was erstaunlich ist. Denn einheimischen Muslimen ist der Alkoholgenuss sogar per Gesetz verboten.

Hat er schon mal oder hat er noch nicht? Khalid Fayyaz lässt im Halbdunkel der Lagerhalle einige Gerstenkörner durch seine Finger rinnen. Was fast überall auf der Welt eine banale Frage wäre, bringt den 25-jährigen Lebensmittelwissenschaftler in Verlegenheit. Denn es geht um Alkohol. Fayyaz ist Pakistaner und wie 97 Prozent seiner Landsleute Muslim. Seit 1977 verbietet ihnen ein Gesetz strikt den Genuss von Alkohol. Fayyaz aber arbeitet in der einzigen Brauerei des Landes.

"Nein", sagt er schließlich und greift noch einmal in einen der prall gefüllten Körnersäcke. "Ich hatte noch nicht ein Bier an meinen Lippen." Viele andere Pakistaner trinken gern und wollen immer mehr Alkohol. Anders sind die steigenden Gewinne der Murree-Brauerei in Rawalpindi nicht zu erklären.

Fayyaz bleibt dabei. Er sagt, dass er Bier nicht trinken muss, um dessen Qualität zu testen. Er steht neben einer mit Messing beschlagenen Anlage im Brauhaus und zählt die wichtigsten Merkmale auf: Geruch, Aussehen, Zusammensetzung – und dann sind da auch "andere Personen". Es ist sein erster Job und die Freunde an der Uni in Faizalabad haben ihn aufgezogen, als er ihnen von der Zusage erzählte. Das hat ihn getroffen. Aber die Brauerei sei nun mal der einzige Ort im Land, wo er solche Erfahrungen sammeln könne, sagt Fayyaz. Es hört sich an, als wolle er sich selbst überzeugen.

"Classic Lager" ist der Bestseller

Im Brauhaus geht es verwinkelt treppauf, treppab über ausgetretene Stufen durch feucht-heiße Räume, vorbei an silbern glänzenden Kesseln. Der Hopfen kommt aus der Hallertau in Bayern, und auch die Anlage mit den Messingteilen ist deutsch. "Ziemann 1966" steht auf dem polierten Schild. Die Maschine leistet noch immer gute Dienste. Hinter einem Fenster sprudelt die aktuelle Produktion vorbei: 7,5-prozentiges "Millennium Bier". Der Bestseller ist "Classic Lager" mit 5,5 Prozent, sie produzieren aber auch 3,5-prozentiges "Export" und seit Neuestem "Strong Brew" (8,5). Die alkoholfreien Varianten heißen "Cindy" oder "Malt 79".

In der Abfüllhalle rumpeln Flaschen auf Fließbändern erst zur Kronkorkenmaschine, dann weiter zum Etikettieren. Ist eine Flasche nicht ganz gefüllt oder fehlt ein Verschluss, greifen Männer mit Schutzbrillen sie heraus und deponieren sie in einem gelben Kasten. Große Teile der Produktion werden inzwischen in Dosen abgefüllt, sie sind leichter zu transportieren, und natürlich erschwert auch keine Pfandregelung den Verkauf. Haben die Kartons schließlich ihren Kontrollstempel erhalten, werden sie im Hof auf einen der bunt verzierten Trucks verladen.

Das Logo: ein Fass, drei Ähren, zwei Löwen

Drinnen zapfen derweil zwei Mitarbeiter Bier zur Kontrolle in einen Erlenmeyerkolben ab. Sie tragen die blaue Firmenkleidung mit Logo: ein Fass, über dem drei Ähren sprießen, mit je einem Löwen rechts und links. Das Bier, es sieht aus wie Düsseldorfer Alt, tragen sie ins Büro des Chefs. Sabih ur-Rehman ist zwar offiziell nur Assistent des Firmeneigners, aber seit der Seniorchef vor fünf Jahren nach einem Unfall starb, kümmert sich der pensionierte Major intensiv um die Geschäfte. Er galt als enger Vertrauter des angesehenen Politikers und in Oxford ausgebildeten Geschäftsmannes Minocher Bhandara. Sein Sohn, Isphanyar Bhandara, kann sich auf Sabih ur-Rehmans Wissen und dessen Netzwerk fest verlassen.

Ständig klappt die Tür zum Büro des Majors. Ein Mitarbeiter braucht eine Unterschrift, der nächste bringt einen Geschäftspartner. Sabih ur-Rehman ist kein großer Mann, aber einer mit Einfluss. Permanent klingelt eines seiner Telefone, das Smartphone hängt schon zum Laden am Kabel. Die Brauerei hat ihre eigene Versorgung und leidet nicht wie andere Betriebe unter den ständigen Stromausfällen. Die Geschäfte laufen blendend: In den ersten drei Monaten des laufenden Finanzjahrs steigerte Murree seine Verkaufssumme wieder einmal um rund 30 Prozent. Zwar verkauft die Brauerei längst auch Apfelschorle und Litschi-Limo, die Zuwächse hat das Unternehmen aber vor allem dem Alkohol zu verdanken, der 65 Prozent des Geschäftes ausmacht.

Die Kolonialherren brauten schon 1860 in den Bergen des Himalaja

Das Murree-Phänomen ist einer der zahlreichen Widersprüche in Pakistan. Denn die vielen Gallonen Bier werden nicht allein von den rund fünf Millionen Nicht-Muslimen oder den Ausländern im Land getrunken, die in einigen Fünf-Sterne-Hotels und lizenzierten Shops Alkohol kaufen dürfen. Vielmehr halten es viele Muslime in Pakistan wie die Katholiken im Rheinland. Auch dort ist nicht alles erlaubt, aber, wie sie in Köln sagen: „Et hät noch immer jot jejange.“

Das Eis in Höhlen diente zur Kühlung

Pakistans einzige Brauerei kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Das Unternehmen ist schon sehr viel älter als der 1947 aus der Teilung des Subkontinents hervorgegangene Staat. Die Firma wurde 1860 gegründet, das Bier sollte den Durst der britischen Soldaten stillen. In den Anfangsjahren brauten die Kolonialherren in Ghora Gali, einer sogenannten Hill Station. In den Bergen des Himalaja konnten sie Eis in Höhlen lagern und die Produktion auch im Sommer gewährleisten, wenn die Hitze im Land schon mal 50 Grad erreicht. Später zog die Murree-Brauerei nach Rawalpindi, das heute direkt neben der am Reißbrett entstandenen Hauptstadt Islamabad liegt. Die Bhandaras sicherten sich 1947 die Mehrheitsanteile, der Grundstein aus Ghora Gali ziert heute einen der mächtigen Ziegelbauten. Inzwischen ist Murree nicht nur eine der ältesten Firmen, sondern wohl auch der am besten geschützte Betrieb des Landes, denn er liegt mitten im streng abgeschirmten Militärbezirk. Zutritt nur mit Sondergenehmigung, der Armeechef residiert nebenan.

Das Ringen in Pakistan mit extremen islamistischen Kräften verlief auch für die Brauerei nicht ohne Ärger. Zwar hat es nach Angaben des Majors „nie eine direkte Drohung von Islamisten gegeben“, aber Eiferern war der Betrieb immer ein Dorn im Auge. Die Prohibition führte 1977 allerdings der eher liberale Premier Zulfikar Ali Bhutto ein, er wollte damit die ultrakonservativen Kräfte besänftigen. Nach der Schreckensherrschaft von Zia ul-Haq wagte niemand mehr, das Gesetz zu kassieren.

1700 Leute arbeiten bei Murree

Als die Brauerei vor Jahren geschlossen werden sollte, zogen die Bhandaras vor Gericht – und bekamen Recht. Sie sind keine Muslime, sondern Parsen und die Verfassung garantiert den Minderheiten Rechte. Inzwischen sitzt Juniorchef Ishphanyar, der Oldtimer sammelt (gern Mercedes) und auch sonst das luxuriöse Leben zu schätzen weiß, für die parsische Minderheit im Parlament. Den Sitz im Kontingent der regierenden Muslimliga hat er quasi vom Vater übernommen. Auch das ist nicht schlecht fürs Geschäft.

In Spitzenzeiten arbeiten 1700 Leute bei der Murree-Brauerei, 189 sind fest angestellt. Sie werden gut bezahlt. Ein ausgebildeter Brauer verdient nach Firmenangaben umgerechnet bis zu 60.000 Dollar im Jahr. Die Angestellten erhalten medizinische Versorgung und können mietfrei wohnen.

Bei Murree verlässt inzwischen immer mehr Schnaps den Hof

Jedes Mal, wenn die Brauerei einem Angriff der Eiferer entkommen war, atmeten auch hohe Militärs bis hinauf zu Ex-Diktator Pervez Musharraf auf. Aber nicht nur der wusste immer einen guten Schluck zu schätzen. Praktisch jeder Mittelklassehaushalt führt eine gut ausgestattete Hausbar. Wenn mal etwas fehlt, ruft der Hausherr in Islamabad, Karatschi oder Lahore einen Händler seines Vertrauens an. Der verlangt dann zwar etwas mehr Geld, aber in einer Viertelstunde wird geliefert. Auch einfachere Leute wissen, wo sie sich eindecken können. "Ich zahle 800 oder 900 statt 630 Rupien, dann kriege ich auch mein Bier", sagt ein Kleinhändler. Selbst der eine oder andere Mullah genehmigt sich gern mal einen kräftigen Schluck in geselliger Runde. Zu Festtagen wie dem Fastenbrechen Eid, dem Lichterfest Diwali, aber auch zu Weihnachten, Neujahr, dem Valentinstag oder Ostern wird der Hochprozentiges schon mal knapp. Ober- und Mittelschicht decken sich zwar ganz gern mit prestigeträchtigeren internationalen Marken ein, aber das war zeitweise schwierig, etwa, als wegen monatelanger Differenzen mit den Amerikanern die Nato-Lieferrouten nach Afghanistan blockiert waren. Damals meldeten sich auch Botschaften.

Der Gin leuchtet blau

Bei Murree verlässt inzwischen immer mehr Schnaps den Hof. Gegen ihren Single Malt, besonders den 21 Jahre alten, lässt sich nach Expertenmeinung geschmacklich wenig sagen. Außerdem stapeln sich in der Destillerie Kartons mit Wodka, dessen Aufmachung der Marke Smirnoff auffallend ähnelt. Die blaue Flasche des "Bombay Sapphire" zu kopieren, machte allerdings Probleme. Jetzt strahlt "Murree's Sapphire" zwar trotzdem blau, doch das liegt nicht wie beim Original am Glas, sondern an der Lebensmittelfarbe im Gin. Not macht eben erfinderisch.

Murree konkurriert bisher nicht im internationalen Geschäft: Es gilt ein Exportverbot für Bier, Whisky, Wodka und Gin. Allerdings will der Firmenchef die Hoffnung nicht aufgeben. Oft lässt sich Bhandara junior mit den Worten zitieren: "Pakistan exportiert tausende Tonnen Ethanol, das zu 99 Prozent Alkohol ist. Aber es in Form alkoholischer Getränke auszuführen, ist ein Tabu."

Der Regierung schaut genau hin

Dabei könnte sich das für die Regierung möglicherweise lohnen. Pakistan hat große Probleme, öffentliche Aufgaben zu finanzieren, weil kaum jemand Steuern zahlt. Murree aber gehört schon jetzt zu den größten Steuerzahlern des Landes: "Bei einem Umsatz von sechs Milliarden Rupien zahlen wir gut 1,5 Milliarden Steuern", sagt Sabih ur-Rehman. Dass der Staat von jedem Tropfen auch seinen Anteil bekommt, wird direkt an der Quelle kontrolliert. In der Brauerei arbeiten sechs Regierungsangestellte. Macht die Brauerei Überstunden, bleiben auch sie länger.

Ein historischer Entschluss: Murree will Wein machen

Sabih ur-Rehman schmiedet schon wieder neue Pläne. Während der Kettenraucher sich die nächste „Benson and Hedges“ ansteckt, schafft ein Mitarbeiter ein Mäppchen herbei. Der Major zückt einen Stift und streckt sich zufrieden über seinen Tischkalender, den ein Bild von Mona Lisa schmückt. "Ich mache jetzt eine historische Notiz: Wir werden Wein machen!" In Pakistan betreiben sie zwar keinen Weinanbau, aber vor ein paar Jahren hat ein Freund dem Major 200 Kilo chilenische Merlot-Trauben überlassen. Es blieb zwar beim Experiment, aber inzwischen fragen Kunden öfter auch nach Wein.

Ein Land der anonymen Alkoholiker

Wer vorbei an großen Holzfässern hinüber zur Schnapsabfüll-Halle geht, muss doppelt aufpassen. Die Gabelstaplerfahrer gucken weder rechts noch links, warnt Khalid Fayyaz, während er die Hände in die Taschen seines weißen Kittels gräbt. In der Halle wird im Akkord gearbeitet. Auf einem Fließband rattern Flachmänner vorbei, an dessen Ende greifen sich zwei Männer die Flaschen und verstauen sie eilig in Kartons, zwei andere stapeln die Kisten auf Paletten. Direkt daneben sitzen drei Männer zum Falten der Kartons am Boden. Fayyaz kickt einen beiseite und bleibt vor einer glänzenden Etikettier-Maschine stehen. "Die beste", sagt er, lacht und zeigt auf den Namen: Krones Robusta. Auch aus Deutschland.

Ein letzter Versuch. Wirklich noch nie, keinen einzigen Schluck? "Nein", insistiert Fayyaz. Dann schiebt er hinterher: "Wenn ich probiere, würde es mir vielleicht schmecken." Er macht eine Pause: "Und dann wollte ich möglicherweise mehr." So wie der Rest des Landes.

Erschienen auf der Dritten Seite.

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