Historiker rettet die Stimmung : US-Korrespondentendinner wieder ohne Trump

Kein Präsident, kein Komiker, aber ein Biograf mit Humor: Das traditionelle Dinner der Korrespondenten, die über das Weiße Haus berichten, geht neue Wege.

Präsidenten-Biograf Ron Chernow beim Korrespondentendinner in Washington.
Präsidenten-Biograf Ron Chernow beim Korrespondentendinner in Washington.Foto: James Lawler Duggan/REUTERS

Die Erwartungen an das Unterhaltungsprogramm waren gelinde gesagt überschaubar. "Wie die Vereinigung der Weißen-Haus-Korrespondenten ihren Humor verlor" überschrieb die "Washington Post" ihren Artikel am Samstag, mit dem sie das traditionelle Dinner der US-Hauptstadtpresse am selben Abend ankündigte. Und tatsächlich: Es dauerte lange, bis im Washington Hilton so etwas wie eine gelöste Stimmung zu beobachten war.

Zu groß war der Dämpfer, den der US-Präsident der Feier weniger mit seiner eigenen Absage, als vielmehr mit seiner Aufforderung vom Dienstag an sämtliche Regierungsmitglieder, der Veranstaltung fernzubleiben, verpasst hatte. Dass Donald Trump an einem solchen Abend mit den von ihm als "enemy of the people", als Volksfeinde geschmähten Journalisten keine große Freude haben würde, war keine große Überraschung. Dass er es allen anderen in seinem Lager verbot, schon eher.

Dabei hatte die White House Correspondents' Association (WHCA) nach ihrem Dinner im vergangenen Jahr, das bei vielen durch die derben Witze der Komikerin Michelle Wolff auf Kosten der Trump-Regierung einen schalen Nachgeschmack hinterlassen hatte, doch extra auf den traditionellen Comedian verzichtet und stattdessen mit Ron Chernow einen renommierten Historiker um einen Festvortrag gebeten. Seriös wollte man werden, notfalls eben etwas langweiliger: Hauptsache nicht irrelevant.

Trump fehlte das dritte Mal in Folge

Es half alles nichts: Trump boykottierte den Abend das dritte Mal in Folge - und buhlte stattdessen mit einer seiner "Make America Great Again"-Rallys im fernen Green Bay im Bundesstaat Wisconsin um Aufmerksamkeit. Dabei konnte er nicht anders, als auch dort über die "Fake News"-Journalisten herzuziehen, die nichts anderes als "Fälscher" seien. Bei seiner Absage zuvor hatte er die WHCA-Veranstaltung als "so langweilig und so negativ" bezeichnet, dass er gar nicht teilnehmen müsse.

Ziemlich lange schien der Abend ihm Recht zu geben, er plätscherte vor sich hin, und manch ein Gast sehnte nach etwas mehr als zwei Stunden schon das Ende herbei. Amerikaner beenden solche Dinner gerne mal pünktlich-abrupt. Vielleicht macht diese Art von Veranstaltungen in solch konfrontativen Zeiten auch einfach keinen Sinn mehr. So hat sich beispielsweise die "New York Times" schon seit längerem entschieden, an der Gala nicht mehr teilzunehmen.

Ron Chernow spricht den Journalisten aus der Seele

Doch die Stimmung änderte sich, als Ron Chernow die Bühne betrat. Der Biograf des ersten US-Finanzministers Alexander Hamilton und Pulitzer-Preisträger sprach über das Verhältnis der amerikanischen Präsidenten zur Presse - und den versammelten Journalisten aus der Seele. Auch zeigte er bei seinem knapp halbstündigen Vortrag, wie Humor gelingen kann, wenn er mit dem Florett und nicht mit dem Vorschlaghammer eingesetzt wird.

Chernow bekannte, sich gut vorbereitet zu haben, indem er "Ein Volksfeind", das Stück des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen, gelesen habe. "Ich wusste gar nicht, dass der Präsident ein Fan norwegischer Literatur ist!" Großes Gelächter. Das Theaterstück handelt von einem Mann, der trotz aller Widerstände an der Wahrheit festhält. Wenn also Trump künftig die über ihn berichtenden Journalisten mit diesen Worten verunglimpfe, so Chernow, sollten die Betroffenen "in einem norwegischen Sinne" darüber denken und den Titel als Ehrenabzeichen tragen.

Über Alexander Hamilton, der auf einer Karibikinsel geboren wurde, sagte er, dieser sei ein Migrant gewesen, der Gott sei Dank angekommen sei, "bevor das Land voll war" - und nahm damit Bezug auf einen Satz, den Trump vor kurzem gesagt hatte, um zu rechtfertigen, warum es unbedingt einer Mauer an der Grenze zu Mexiko bedürfe. Auch hier wurde die Botschaft lachend aufgenommen.

Standing Ovations bekam der Historiker aber, als er die Arbeit und Verdienste der Medien würdigte. Groß scheint das Bedürfnis zu sein, in diesen Zeiten auch mal wieder gelobt zu werden. Kritik gibt es ja schon genug. Im nächsten Jahr soll allerdings trotzdem wieder ein Comedian sprechen, hieß es. Dass Trump kommt, darf schon alleine deshalb als ausgeschlossen gelten. Humor ist seine Sache nicht - zumindest, wenn es auf seine Kosten geht.

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