Hütchenspieler : ...und wieder glauben, es zu wissen

Als Kind habe ich "Pronto Salvatore" geliebt - und 30 Jahre später führt mich ein Hütchenspieler in Versuchung. Eine Kolumne.

Deniz Utlu
Such' dir die Kugel! Gegen Hütchenspieler kommt man nicht an. Aber manche meinen doch....
Such' dir die Kugel! Gegen Hütchenspieler kommt man nicht an. Aber manche meinen doch....Foto: DPA/DPAWEB

Ich hatte Jahre lang trainiert. Ich wusste, wie es geht. Und jetzt waren sie wieder da, die Hütchenspieler, Mitten in Berlin. Fünfjährig saß ich vor dem Fernseher und studierte bei Franco Campana die Kunst des Hütchenspiels. Wer erinnert sich noch an ihn und seine Sendung „Pronto Salvatore“? Mit öligen Haaren und Sonnenbrille stand er vor einem roten Varieté-Vorhang und ließ die grüne Kugel verschwinden. Ich weiß nicht, wie oft ich seine Sendung gesehen hatte in dieser Zeit, aber es war oft. Wenn ich Hütchenspielern begegnete, war ich der festen Überzeugung, dass ich es mit ihnen allen aufnehmen könnte. Natürlich akzeptierten sie nie den Einsatz aus meinem Taschengeld-Budget. Und meine Eltern untersagten mir jeden Kontakt mit den Tricksern. Das machte mich wütend, denn wie oft hatte ich bei „Pronto Salvatore“ gewusst, wo die Kugel liegt, wenn die Anrufer scheiterten, wie oft hatte ich kniend vor einem Hütchenspieler auf der Straße die Kugel erfolgreich verfolgt.

Nur ein einziges Mal konnte ich meine Mutter überreden, mir den Einsatz zu bezahlen. Natürlich nicht bei einem illegalen Hütchenspieler, sondern bei einem Stand auf dem Schützenfest. Ich wusste, dass das meine einzige Chance war, mich zu beweisen und studierte lange die Finger des Spielers, bevor ich meine Spielmarken auf den Tresen legte. Ich verlor. Meine Mutter hatte Mitleid und ließ noch ein Spiel zu. Und ich verlor wieder. Fortan schaltete ich bei „Pronto Salvatore“ weg. Meine Eltern hatten recht: Wenn Trickser verlieren, dann weil sie verlieren wollen, als Investition in den Schein ihrer Authentizität.

Jemand tippte mir auf die Schulter und schüttelte den Kopf

Ich weiß nicht, warum ich heute, 30 Jahre später, stehen blieb. Ich beobachtete die Finger des Spielers, wie ich das in meiner Kindheit unzählige Male getan hatte. Ich schätze, es gehörte zum Spürsinn dieses Tricksers, dass er unter all den Leuten, die vor ihm standen, gerade mich erspähte. Er hob seinen Finger und zeigte auf mich: „Du, weißt du, wo die Kugel sich befindet?“ Die Menschentraube öffnete sich, sodass wir jetzt ohne Hindernisse einander gegenüberstanden. „Ja“, sagte ich, „ich weiß es“ und zeigte auf die entsprechende Schachtel. In dem Moment passierte etwas. Mein Herz schlug schneller. Das Gefühl aus meiner Kindheit, abermals ausgetrickst worden zu sein, stellte sich in mir wieder ein. Gleichzeitig wollte ich wiederbekommen, was ich damals verloren hatte. Der Trickser hielt mir das Geld vor die Nase, sagte, dass ich ihm mein Geld zeigen solle, damit die Wette gilt. Mir gingen tausend Dinge gleichzeitig durch den Kopf. Würde ich mich mit dem Einsatz strafbar machen? Jemand tippte mir auf die Schulter: Eine junge Touristin, die rot angelaufen war und mir kopfschüttelnd zu verstehen gab, dass ich die Wette nicht eingehen sollte. Vermutlich hatte sie gerade Geld verloren.

Ich steckte mein Portemonnaie zurück in die Tasche, obwohl ich mir sicher war, wo die Kugel lag und bereit war, alles zu verwetten, was ich bei mir hatte. Jemand anders sprang zu dem Spieler, zeigte ihm sein Geld und wies auf die Schachtel, auf die ich vorher gezeigt hatte. Ich hatte recht gehabt. Erst dachte ich, so bestimmen die Erfahrungen aus der Kindheit, die Handlungen der Erwachsenen – deshalb ist Veränderung so schwierig, auch politische. Dann dachte ich, gut, dass ich nicht Geld bekommen habe, das vorher jemand anders aus der Tasche gezogen wurde. Schließlich kam der Gedanke, dass ich es dem Touristenmädchen hätte zurückgeben können. Aber hätte ich das getan?

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