„Ihr habt versagt“ : Die Kritik der politisierten Jugend trifft ins Mark

„Die Welt wird wärmer, egal, was ihr getan habt.“ Dieser Satz zwingt Eltern auf die Knie, auch am Internationalen Kindertag. Ein Kommentar.

„Fridays for Future“-Demo in Wien
„Fridays for Future“-Demo in WienFoto: Leonhard Foeger/REUTERS

Alle Eltern eint der Wunsch, nicht nur am Internationalen Kindertag, dass ihre Kinder es einmal besser haben. Dafür fördern sie sie, dafür arbeiten sie, dafür gehen sie wählen – in der Hoffnung, dass die fähigsten Politiker die größten Probleme anpacken.

Nun werden die Eltern mit einer Generation konfrontiert, die ihnen vorwirft, die Welt in einem schlechteren Zustand zu hinterlassen: „Ihr habt versagt.“ Der Vorwurf trifft ins Mark, er bedroht einen Teil des elterlichen Selbstverständnisses.

Entsprechend hart wird retourniert. Alle Klimagipfel, von Rio über Kopenhagen bis Paris, werden aufgezählt, globale Lösungen angemahnt, die Komplexität des Themas wird ebenso betont wie die Notwendigkeit, keine Arbeitsplätze in der Braunkohleindustrie zu gefährden.

In der Steigerungsform wird den „Fridays-for-Future“-Jugendlichen Unreife, Naivität und Moralismus attestiert. Abschließend folgt der Ratschlag, lieber zu lernen statt zu demonstrieren.

Doch der Einwand auf sämtliche Vorhaltungen bleibt hart und unbestreitbar: „Die Welt wird wärmer, egal, was ihr getan habt.“ Und es bleibt kaum noch Zeit, das zu ändern.

Der Klimastreit erinnert an „Des Kaisers neue Kleider“

Der generationsübergreifende Klimadialog erinnert an das Märchen von Hans Christian Andersen über „Des Kaisers neue Kleider“. Zwei Gauner hatten dem Kaiser weisgemacht, sein neues Gewand könne nur von Menschen gesehen werden, die klug seien. Also macht jeder mit – der Kaiser, weil er eitel ist; seine Untertanen, weil sie Angst um ihre Stellung haben. Bis schließlich ein Kind ausruft, dass der Kaiser nackt sei. Doch obwohl selbst er erkennt, dass er nichts anhat, setzt der Hofstaat den Festumzug fort.

Man müsse Kurs halten in der Klimapolitik, heißt das heute. Das Problem wird bagatellisiert, vor Aktionismus gewarnt. Wer die Jugendlichen dagegen ernst nimmt, muss sich den Vorwurf der Anbiederei anhören.

So ähnlich war es wohl bei der Parade des Kaisers. Vor die Alternative gestellt, die Wahrheit auszusprechen oder den eigenen Wohlstand zu riskieren, entschieden sich die Erwachsenen für ihre Pfründe. Nur das Kind, gerade weil es in die Erwachsenenlogik und Erwachsenenzwänge nicht eingebunden ist, sprach das Offenkundige aus.

„Die Welt wird wärmer, egal, was ihr getan habt.“ Dieser Satz zwingt Eltern auf die Knie. Er durchdringt den Panzer ihrer Schönrednereien. Denn sie wissen, dass er stimmt. Sie wissen, dass früher, entschiedener, durchgreifender hätte gehandelt werden müssen – und zwar von den Vertretern ihrer Generation. „Ihr habt versagt.“ Es schmerzt, so etwas gesagt zu bekommen. Aber Hand aufs Herz: Ganz frei von Trägheit, Bequemlichkeit und Ignoranz waren nur wenige.

In vielen anderen Gebieten hat sich die Welt verbessert

Zur vollen Wahrheit gehört auch, dass die Welt auf vielen anderen Gebieten – von der Kindersterblichkeit bis zur Armutsbekämpfung, von der Alphabetisierungsrate bis zur Zahl der Kriegs- und Katastrophentoten – in den vergangenen Jahrzehnten durchaus ein besserer Ort geworden ist. Wer nur auf die Möglichkeit einer Klima-Apokalypse fixiert ist, verliert die positiven Entwicklungen leicht aus dem Blick.

Ein umfassend gerechtes Urteil aber sollte beides einschließen: die uneingeschränkte Akzeptanz der „Fridays-for-Future“-Sorgen – und ebenso die Öffnung der globalen Bilanz, über das Klimathema hinaus. Jung und Alt teilen sich die Eine Welt. Mit einem Streit der Generationen retten sie deren – und ihre – Zukunft jedenfalls nicht.

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