Kampf um Google-Campus : Die Berliner Politik hat im Fall Google ihre Aufgabe versäumt

Bezirk und Senat haben monatelang zugesehen, wie sich der Konflikt hochschaukelte, statt zu vermitteln. Verlierer ist die Stadt Berlin. Ein Kommentar.

Unter dem Motto Kick Google aus dem Kiez protestieren Anwohner gegen den geplanten Google-Campus.
Unter dem Motto Kick Google aus dem Kiez protestieren Anwohner gegen den geplanten Google-Campus.Foto: imago/snapshot

Es gibt Kämpfe, an deren Ende die Sieger über die Verlierer triumphieren. Und irgendwie scheint es in der ehemaligen Frontstadt Berlin eine anhaltende Lust zu geben, solche Siege zu erringen. Koste es, was es wolle. Seit Monaten tobt in Kreuzberg der Kampf um den sogenannten „Google-Campus“. Hier der Mammutkonzern, dem es sich entgegenzustellen gilt – dort die bedrohten Kiezbewohner. Vor ein paar Wochen gipfelte die Auseinandersetzung schließlich in der Räumung des ehemaligen Kreuzberger Umspannwerkes, das Hausbesetzer einer „Fuck-Off-Google“-Initiative besetzt hatten.

Mal ganz abgesehen davon, dass man Zweifel daran haben kann, ob „Fuck-Off-Google“ wirklich in erster Linie die Interessen der Nachbarn im Auge hat. Nun sind die Schlachten geschlagen und Sieger wie Verlierer klar identifiziert: Google hat sein Projekt aufgegeben. Und der Protest gegen die vermeintlich Google-getriebene Gentrifizierung hat gesiegt. Vernehmbaren Applaus spendet die Bezirksregierung, Senatsvertreter nicken zufrieden.

Doch was wird wirklich gewonnen sein, wenn der Pulverdampf verzogen ist? Schon jetzt ist klar: Verloren haben auf jeden Fall die Anwohner und Gewerbetreibenden im Kiez. Denn ihre Sorgen vor Verdrängung sind grundsätzlich berechtigt. Kreuzberg gehört zu den teuersten Pflastern der Innenstadt. Doch dieses Problem wird sich nicht in Luft auflösen. Auf den 3000 Quadratmetern, die Google im Umspannwerk gemietet hat, werden auch nach dem Ende des „Google- Campus“ Unternehmen angesiedelt.

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Google Campus in Silicon Valley (USA)
Google-Campus: In Kreuzberg wächst der Protest

Dass es nun keine Start-up-Unternehmen im engeren Sinn sind, wie Google einst wollte, sondern zum Beispiel die größte Online-Geldsammelstelle für gemeinnützige Projekte, Betterplace: geschenkt. In spätestens fünf Jahren müssen dort alle Geld verdienen und Google kann dann neu entscheiden. Die Eigentümer der umliegenden Häuser werden bis dahin trotzdem sanieren, Mieten anheben, verkaufen.

Ob Google nun am Klingelschild steht oder nicht. Der Standort ist attraktiv. In Wahrheit ist er längst durchgentrifiziert und auch, wenn die Protestierenden es nicht wahrhaben wollen: Man kann nicht jede Entwicklung aufhalten.

Verloren hat Berlin insgesamt

Verloren hat in diesem Kampf aber auch Berlin insgesamt. Weniger, weil nach der Google-Campus-Sache andere Investoren vor Berlin zurückschrecken würden. Dafür ist die Affäre zu klein. Schlimmer ist die Botschaft an Tüftler, Studenten und Kreative, die Berlin jahrelang angezogen hat und für die die Stadt immer mehr Attraktivität verliert. Arm, aber sexy, das war auch ihnen einmal eine Verheißung, eine Chance für die Zukunft. Berlin hat von ihnen profitiert. Doch die Stadt wird immer weniger cool, innovativ und vor allem lebenswert.

Weil die Wohnungsmieten rasant steigen und es kaum noch Räume gibt, in denen Jungunternehmer für kleine Kosten ihre ersten wirtschaftlichen Gehversuche machen können, sollte die Stadt eigentlich glücklich sein über die Googles der Welt, die mitten in Kreuzberg einen Standort zum Campus entwickeln. Und sich denen offen entgegenstellen, die behaupten, Start-ups beschleunigen die Verdrängung von Einheimischen und treiben die Preise hoch. Jeder, der einmal in diese Start-up-Welt hineingesehen hat, der weiß, dass das Unsinn ist. Von wegen Jetset: Dort wird malocht für wenig Geld.

Die Furcht vor sozialer Verdrängung aufzunehmen, Anwohner, Gewerbetreibende und Investoren an einen Tisch zu bitten und zwischen ihren Interessen zu vermitteln: Das wäre die Aufgabe der Berliner Politik gewesen – auch im Fall Google. Doch Bezirk und Senat haben monatelang schweigend zugesehen, wie sich die Konflikte hochschaukelten, und dabei aus den Augen verloren, dass es ihre Aufgabe, die Aufgabe von stadtentwickelnder Politik gewesen wäre, diese Stadt mit eigenen Vorstellungen zu entwickeln und Fehlentwicklungen zu korrigieren. Damit die in einer wachsenden Metropole zwangsläufig entstehenden Konflikte nicht immer wieder zu Kämpfen werden, in denen alle Sieger sein wollen – und am Ende viele Verlierer übrig bleiben.

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