zum Hauptinhalt
First Lady. Annalena Baerbock führt die Grünen in den Wahlkampf

© Annegret Hilse/AFP

Tagesspiegel Plus

Auf dem Weg ins Kanzleramt?: Wie es Baerbock aus Habecks Schatten schaffte

Geschlossen nach innen, entschlossen nach außen: Mit Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin erfüllen die Grünen politische Sehnsucht - doch reicht das?

Jetzt steht sie allein auf der Bühne. Die Scheinwerfer an, alle Mikrofone und Kameras auf sie gerichtet. Nur eine kleine Sonnenblume – das Logo der Partei – im Hintergrund, kein Wahl-Slogan, keine Bilder. Der Fokus liegt zum ersten Mal einzig auf ihr. Sie ist die Kanzlerkandidatin, sie hat das Wort.

Annalena Baerbock ist an diesem Montagvormittag am vorläufigen Ende eines langen Weges. Die letzten Meter hat ihr gerade ihr Co-Parteivorsitzender Robert Habeck bereitet. Er betritt als Erster das Podium und verkündet die Entscheidung, über die im Land in den vergangenen Wochen viel gerätselt worden war. Vertraulich, vertraut, intensiv und offen habe man um die beste Lösung gerungen. Beide hätten sich darauf vorbereitet, beide hätten es gewollt, sagt Habeck und legt dann endlich die Karten auf den Tisch. „Am Ende kann es nur eine machen.“ Baerbock, die nur zwei Schritte neben ihm steht, huscht ein ganz vorsichtiges Lächeln übers Gesicht. „Liebe Annalena“, sagt er mit etwas zittriger Stimme, „die Bühne gehört dir“. Abgang Habeck.

Vielleicht ist es an diesem Tag die größte Geste. Während zeitgleich und seit Tagen bei der Union hart und mit allen Mitteln um die Kanzlerkandidatur gekämpft wird, überlässt er ihr die erste grüne Kanzlerkandidatur in der 41-jährigen Parteigeschichte. Seit dreieinhalb Jahren führen Baerbock und Habeck gemeinsam die Partei.

Robert Habeck überlässt Baerbock die Bühne und die Kanzlerkandidatur.

© imago images/Christian Thiel

Unter ihnen haben sich die Grünen erstmals nach 20 Jahren wieder ein neues Grundsatzprogramm gegeben. Die Zahl der Mitglieder hat sich fast verdoppelt auf inzwischen mehr als 100000. Mit Habeck und Baerbock an der Spitze eilte die Partei von einem historischen Wahlsieg zum nächsten und in Umfragen hat man sich bis auf wenige Prozentpunkte an die Union herangearbeitet. Das Kanzleramt ist möglich, doch genau deshalb zerbricht in diesem Moment das Duo. Aus Gleichberechtigung und Augenhöhe wird Machtgefälle. Die Macht liegt bei Baerbock.

Lange galt die 40-Jährige etwas despektierlich als „Fachpolitikerin“, die Frau an Robert Habecks Seite. Während er über den Dingen schwebte und wortgewaltig Politik erklärte, arbeitete sie kühl und kontrollierte. Seine Beliebtheitswerte waren ihren meilenweit voraus. Noch vor zwei Jahren erschien er als der natürliche Kanzlerkandidat der Grünen. Doch sie hat aufgeholt. Schritt für Schritt. Erst erhielt sie die besseren Wahlergebnisse in ihrer Partei – bei ihrer Wiederwahl als Parteivorsitzende 2019 sogar das beste Ergebnis einer Grünen-Vorsitzenden aller Zeiten. Zuletzt überholte Baerbock Habeck sogar bei den Demoskopen. Und so ist es am Montag keine Überraschung mehr, dass ihr das Rampenlicht in der Schöneberger Malzfabrik gehört.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden.

Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können.

Dort umreißt sie ihre Version einer grünen Kanzlerschaft. Es ist eine Rede, mit der Baerbock die Breite der Gesellschaft ansprechen will. Explizit spricht sie Landwirte, Pfleger, Lehrerinnen, Handwerker, Industriearbeiter und den Mittelstand an. Sie äußert Verständnis für den Frust vieler Jugendlicher in der Pandemie und lobt die ältere Generation für ihren erfolgreichen Wiederaufbau. Anders als bei vielen Grünen-Veranstaltungen gendert sie nicht. Es ist eine Rede, die niemandem weh tut. Vor der früheren Verbots-Partei soll niemand Angst haben. Überzeugend spannt sie den Bogen über die Generationen hinweg, vom Land bis in die Großstadt.

Baerbocks eigene Biografie ist die eines wiedervereinten Deutschlands im Herzen Europas. 1980 in Hannover als Tochter einer Sozialpädagogin und eines Maschinenbauingenieurs geboren, wächst sie in einem kleinen Dorf in Niedersachsen mit ihren beiden Schwestern und zwei Cousinen auf. Zur Schule muss sie jeden Tag mit dem Bus, ein Jahr absolviert sie im Ausland in Florida. Später studiert sie Völkerrecht in Hamburg und London, dann macht sie ein Praktikum bei der Europaabgeordneten Elisabeth Schroedter.

Auch Annalena musste manchmal rennen

Grünen-Politikerin Elisabeth Schroetder über ihre frühere Praktikantin Baerbock

„Sie konnte gut recherchieren, war ziemlich fit und extrem schnell“, erinnert sich die frühere Chefin am Telefon. Für sie sei es keine Überraschung, dass sich Baerbock aus dem Schatten Habecks herausgearbeitet habe. Schon damals seien ihr die Stärken Baerbocks aufgefallen: Fachlich versiert, sie könne strategisch denken, klar formulieren und habe nie die Bodenhaftung verloren. Und die selbstbewusste Baerbock muss sich unterordnen. „Wenn ich im Sitzungssaal gesessen habe und Zuarbeit oder ein Dokument gefehlt hat, dann mussten meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auch mal rennen. Auch Annalena musste manchmal rennen“, sagt Schroedter. Doch meistens fehlte wohl nichts, denn nach ihrem Praktikum machte Schroedter Baerbock zur Büroleiterin.

Mit 28 Landesvorsitzende, mit 32 in den Bundestag, mit 37 Parteichefin

2005 war das. Das Jahr, in dem Baerbock bei den Grünen Parteimitglied wird– und Angela Merkel erste Kanzlerin der Bundesrepublik. Von nun an macht Baerbock schnell Karriere. Mit 28 wird sie Landesvorsitzende der Grünen in Brandenburg, mit 32 einzige grüne Bundestagsabgeordnete der Mark, mit 37 Jahren Bundesvorsitzende. Ihr ganzes politisches Leben – vom Praktikum bis zum Parteivorsitz – hat sie an der Spitze des Landes nur eine Person beobachtet. Nun also schickt sie sich an, Merkel zu beerben.

Steile Karriere: Annalena Baerbock im Bundestagswahlkampf 2017.

© imago images/Martin Müller

Auf den ersten Blick eine 180-Grad-Wende – nicht nur wegen des Parteibuchs. Ja, sie habe keine Regierungserfahrung, sei nie Kanzlerin oder Ministerin gewesen, räumt Baerbock in ihrer Rede offen ein. Geschickt verkauft sie ihre Schwäche als Stärke: „Ich trete an für Erneuerung. Für den Status Quo stehen andere.“ Später sagt sie vor Journalisten, wenn es nur um Erfahrung gehe, könne die GroKo einfach weitermachen. „Demokratie lebt vom Wechsel.“ Wer gewillt ist, bei dem verfängt der Ausweichschritt. In Hintergrundgesprächen mit Baerbock-Anhängern hat man in den vergangenen Wochen immer wieder Vergleiche mit den jungen Ministerpräsidentinnen Finnlands und Neuseelands gehört.

Ich komme aus einer Generation, die nicht mehr jung ist, aber auch nicht alt

Annalena Baerbock

Tatsächlich wäre Baerbock nicht nur die unerfahrenste, sondern auch die mit Abstand jüngste Person, die jemals ins Kanzleramt einzieht. „Ich komme aus einer Generation, die nicht mehr jung ist, aber auch nicht alt“, sagt Baerbock in der Malzfabrik. Mit ihren eigenen beiden kleinen Töchtern und ihrem Mann lebt sie seit vielen Jahren in Potsdam.

Meine Kinder wissen, wo mein Zuhause und mein Herz ist

Annalena Baerbock

Der Spagat zwischen Mutter und Spitzenpolitikerin ist – das hat sie oft bekannt– nicht immer leicht, schärft aber auch die politischen Sinne. Vehement forderte sie in der Pandemie, die Belange von Kleinkindern und Schülern nicht zu vergessen, machte sich für Betreuungsangebote und soziale Angebote auch im Lockdown stark. Die Kindergeburtstage ihrer beiden Töchter seien ihr „heilig“, bekannte sie im Tagesspiegel-Interview vor zwei Jahren. Mindestens ein Abend pro Woche sei für gemeinsame Abendessen geblockt. Am Montag sagt sie: „Meine Kinder wissen, wo mein Zuhause und mein Herz ist. Meine Familie unterstützt mich voll und ganz.“

Es ist nicht das einzige Mal, dass sie über ihre Kinder spricht. Gleich zu Beginn ihrer Rede erinnert sie an das Jahr 2015. Damals sei sie bei den Klimaverhandlungen von Paris gewesen. Als der damalige französische Außenminister Laurent Fabius mit seinem Holzhammer auf den Tisch schlug und damit das historische Abkommen besiegelte, sei ihre damals sechs Monate alte Tochter neben ihr im Kinderwagen im Saal gewesen. In diesem Moment sei ihr klar geworden, dass dieses Abkommen für Menschen wie ihre Tochter gemacht worden sei. Bis 2050 müsse man klimagerechten Wohlstand schaffen.

Im Scheinwerferlicht: Annalena Baerbock steht jetzt allein an der Grünen-Spitze.

© Kay Nietfeld/dpa

„Klimaschutz ist die zentrale Aufgabe unserer Zeit“, sagt Baerbock und führt den Punkt auch am längsten in ihrer Rede aus. Die Politik der neuen Bundesregierung müsse den Klimaschutz zum Maßstab für alle Entscheidungen machen, um die Beschlüsse von Paris noch zu erreichen. „Es wird nicht immer leicht“, sagt Baerbock. Es brauche Mut für Veränderung, nicht Versprechen und eine Politik des Auf-Sicht-Fahrens, sagt Baerbock. Es ist eine Spitze gegen die Bundeskanzlerin, deren Politik oft so beschrieben wird. Von ihr will sich Baerbock absetzen, auch wenn sich die beiden Frauen bekanntermaßen gut verstehen.

Beim Klimaschutz habe ihre Generation die Aufgabe, „das Gute, das Beste in die Zukunft zu tragen“. Für Baerbock ist der Klimaschutz eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und so inszeniert sie, die 40-jährige Grüne, die Ost- und West-Deutschland kennt, zwei kleine Kinder hat, sich als Scharnier zwischen den Milieus. Die Botschaft: Die Grünen wollen anschluss- und mehrheitsfähig sein und ihre Spitzenkandidatin ist es auch: „Die Verbundenheit der Generationen ist für mich die Grundlage für eine starke Gesellschaft“, sagt Baerbock.

Bislang haben die Grünen noch in jedem Bundestagswahlkampf Federn gelassen

Sie sagt aber auch Sätze, die gut klingen, inhaltlich jedoch nicht immer konkret werden. Sie wolle ein Land, in dem „Klimaschutz das zukünftige Fundament legt für Wohlstand, Freiheit und Sicherheit.“ Darunter machen es die Grünen an diesem Tag nicht.

Doch der Auftritt in der Malzfabrik erfüllt eine politische Sehnsucht. Geschlossenheit nach innen, Entschlossenheit nach außen. Ein politischer Wandel, der nicht nur an Inhalten bemerkbar wird, sondern auch an Gesichtern. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der Glanz des Moments noch heller scheint, weil es bei der Konkurrenz gerade düster zugeht.

CDU-Chef Armin Laschet gratuliert den Grünen zu ihrer Entscheidung.

© Michael Kappeler/dpa

Doch parteiinternen Streit vergisst die Öffentlichkeit schnell. Was, wenn die Union bald wieder zur alten Geschlossenheit zurückfindet? Noch haben die Grünen es geschafft, in jedem Bundestagswahlkampf am Ende Federn zu lassen.

Baerbock weiß das alles, sie kennt die Partei so gut wie fast niemand. Auch deshalb ist sie zur ersten Kanzlerkandidatin der Grünen geworden. Große Teile der Bundestagsfraktion, der sie seit 2013 angehört, stehen bedingungslos hinter ihr. Vor allem bei den jüngeren und weiblichen Abgeordneten ist Baerbock extrem beliebt. Habeck, der sein Amt als Landwirtschaftsminister von Schleswig-Holstein zu Gunsten des Parteivorsitzes aufgeben musste, verfügt nicht über solche Seilschaften.

„Natürlich hat auch die Frage der Emanzipation eine zentrale Rolle gespielt“, sagt Baerbock bei der Pressekonferenz nach ihrer Rede. Auch hier tritt sie allein auf, steht am Pult, notiert Fragen und erklärt sich. Vor Ostern habe man sich entscheiden, mehr will sie über den Prozess nicht sagen. Habeck scheint schon fast vergessen. „Ich bin nicht die bessere Kandidatin“ wird sie am Abend im ersten größeren Gespräch sagen. Bei ProSieben bekommt sie 45 Minuten zur Primetime - und hat auch dort Heimspiel. Am Ende applaudieren die beiden Moderatoren.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
true
showPaywallPiano:
false