Künstliche Intelligenz : Wir sind hier die einzigen Menschen!

Filme, Feuilletons und Juristen schreiben Robotern immer mehr menschliche Eigenschaften zu. Warum das gefährlich ist. Ein Essay.

Julian Nida-Rümelin Nathalie Weidenfeld
Die zunehmende Vermenschlichung von Robotern und Künstlicher Intelligenz ist ethisch mindestens fragwürdig.
Die zunehmende Vermenschlichung von Robotern und Künstlicher Intelligenz ist ethisch mindestens fragwürdig.Foto: Fabian Bimmer/REUTERS

Früh am Morgen. Detective Spooner, ein cooler Typ in Ledermantel, Chucks und mit einer Mütze auf dem Kopf, macht sich bereit, zur Arbeit zu gehen. Als er die Tür aufreißt, schreckt er zusammen. Vor ihm steht ein metallener humanoider FedEx-Roboter, der ein Päckchen für ihn unter dem Arm hält. „Guten Morgen, Sir“, begrüßt dieser ihn höflich und fährt fort: „Und wieder eine pünktliche Lieferung von …“ Doch weiter kommt er nicht. Spooner greift dem Roboter unsanft ins Gesicht: „Aus dem Weg, Blechbüchse!“ Der Roboter blickt ihn scheinbar verwirrt an, wünscht ihm aber dennoch einen schönen Tag.

Wir schreiben das Jahr 2035. Roboter kommen nicht nur in Fabriken zum Einsatz, sondern auch in Privathaushalten. Sie laufen selbstverständlich neben Menschen auf der Straße, bringen den Müll weg, erledigen Einkäufe und gehen mit den Hunden ihrer Besitzer Gassi. So sieht es zumindest in der Welt von „I, Robot“ aus, ein Film des Regisseurs Alex Proyas von 2004. Dienstbar sehen die Roboter aus. Und ein bisschen unterwürfig. Besonders gut behandelt werden sie nicht. Wenn sie angerempelt werden, sind sie es, die sich entschuldigen. Ihr Status entspricht dem von Sklaven.

Zu Beginn des Films wird durch eine Einblendung klargemacht, dass Roboter ausschließlich Pflichten zu erfüllen haben. 1. Ein Roboter darf einem Menschen weder Schaden zufügen noch durch Untätigkeit zulassen, dass ein Mensch zu Schaden kommt. 2. Ein Roboter muss den Befehlen der Menschen gehorchen, außer solchen Befehlen, die ihn in Konflikt mit dem ersten Gesetz bringen. 3. Ein Roboter muss seine eigene Existenz verteidigen, solange er dabei nicht in Konflikt mit dem ersten und zweiten Gesetz gerät. Diese Gesetze stammen im Übrigen nicht aus der Feder des Drehbuchschreibers, sondern wurden erstmals in der Erzählung „Runaround“ des Wissenschaftlers und Romanautor Isaac Asimov im Jahr 1942 veröffentlicht.

Spooner, der Held des Films, hat für die Roboter nur Verachtung übrig. Zudem stehen sie für ihn unter Generalverdacht. Wenn in der Stadt ein Diebstahl geschieht, verdächtigt er zuallererst Roboter, nicht Menschen. Doch nicht nur Spooner, die Gesellschaft insgesamt hat wenig Mitgefühl mit ihren Robotersklaven. Wenn diese einmal nicht mehr gebraucht werden und ausgedient haben, werden sie am Rande der Stadt entsorgt und in Container gesteckt, wo sie den Rest ihrer digitalen Existenz verbringen müssen. Dort stehen sie dann, eng aneinandergeschmiegt, so als wollten sie sich trösten. Auf den Gesichtern der Roboter spiegelt sich auch eine Art noble Leidensfähigkeit. Roboter, die nicht verstehen, warum man sie so schlecht behandelt.

Mehr zum Thema

Proyas will uns vor Augen führen, dass eine diskriminierende Behandlung von Robotern ungerecht und unmenschlich ist. In der Realität ist bisher noch niemand auf die Idee gekommen, die Normen des deutschen Tierschutzgesetzes auf Roboter anzuwenden oder ihnen gar Menschenrechte zuzuerkennen. Es besteht ein praktischer Konsens darüber, dass Computer und Roboter keine mentalen Eigenschaften haben. Wir sind uns weitgehend einig darüber, dass im Gegensatz zu Tieren – denen Leidensfähigkeit zugesprochen wird – Roboter keine Empfindungsfähigkeit aufweisen. Nichts spricht dafür, dass auch die komplexesten Softwaresysteme über Bewusstsein verfügen. Wäre es so, müssten wir den weiteren Umgang mit ihnen ab sofort streng reglementieren und die Grund- und Menschenrechte auch auf diese anwenden. Auch die schmerzlose Tötung, die bei Tieren zulässig, bei Menschen ethisch und gesetzmäßig unzulässig ist, wäre dann untersagt. In Analogie zum Projekt „Menschenrechte für die Großen Menschenaffen“, das den Speziesismus überwinden und Tieren in dem Umfang Menschenrechte zugestehen wollte, in dem diese vergleichbare Eigenschaften haben, müssten Robotern und autonomen Softwaresystemen ebenfalls Menschenrechte zuerkannt werden. Wenn wir davon ausgehen, dass von uns geschaffene Roboter personale Wesen sind, die mit einer Identität, mit Handlungsverantwortung, Autonomie und der damit einhergehenden individuellen Würde ausgestattet sind – eine sogenannte e-Person (elektronische Person) also –, dürften die betreffenden Softwaresysteme dann in Analogie zum informationellen Selbstbestimmungsrecht menschlicher Individuen nicht mehr manipuliert werden, denn dies widerspräche dem kantischen Instrumentalisierungsverbot von Vernunftwesen.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

7 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben