Landtagswahl in Bayern : Die Theorie der unveränderten Lager ist falsch

Eigentlich nichts passiert in Bayern? Rechtes und linkes Lager seien im Prinzip gleich stark geblieben, so eine Theorie. Doch so einfach ist es nicht.

Wohin ist der Wähler gewandert? Die Spitzenkandidaten der Landtagswahl Bayern von FDP, AfD, Grünen, Freien Wählern, CSU und SPD.
Wohin ist der Wähler gewandert? Die Spitzenkandidaten der Landtagswahl Bayern von FDP, AfD, Grünen, Freien Wählern, CSU und SPD.Foto: Peter Kneffel/dpa-Pool/dpa

Unter den Legenden, die sich nach der Bayern-Wahl verbreiten, bringt es eine im Moment zu ganz besonderer Prominenz. Sie besagt, dass im Freistaat eigentlich so gut wie nichts passiert sei – im „bürgerlich-rechten“ Lager seien die Stimmen nur anders verteilt worden, und auch im „linken“ Lager hätten bloß Grüne und SPD die Plätze getauscht. Die Theorie wird mit den nackten Zahlen des Wahlergebnisses untermauert. Doch nackte Zahlen reichen oft nicht aus.

Auf den ersten Blick sind sie in der Tat frappierend. Die SPD hat fast elf Prozent verloren, die Grünen knapp neun gewonnen – das gleicht sich grob aus. Die CSU hat gut zehn Prozent verloren, AfD, Freie Wähler und FDP bekamen zusammen fast 15 Prozent dazu – der Unterschied könnte mit der gestiegenen Wahlbeteiligung zusammenhängen. Wer „linkes“ und „rechtes“ Lager aufsummiert, kommt zum gleichen Schluss: „links“ wählten diesmal etwa 27 und vor fünf Jahren 29 Prozent, „rechts“ stehen heute 64 gegen damals 60 Prozent.

Dass es so einfach aber doch nicht ist, zeigt ein genauerer Blick auf die Wahlkreise. Der Landeswahlleiter hat die Zahlen veröffentlicht und in ein aufschlussreiches Kartenwerk verarbeitet. Es zeigt für jede Partei die Hochburgen und die Diaspora-Regionen, und es zeigt in einem zweiten Schritt, wer wo am stärksten  gewonnen oder verloren hat.

Erhebliche regionale Unterschiede

Die Theorie der unveränderten Lager verliert dabei schnell ihre plakative Überzeugungskraft. Denn es zeigen sich erhebliche regionale Unterschiede. So stehen die vergleichsweise am wenigsten dezimierten  Bataillone der SPD weiterhin im nördlichen Franken, die Hochburgen der Grünen liegen dagegen südlich der Donau.

Auch den stärksten Zuwachs verzeichnete die Öko-Partei außer in den Städten in den wohlhabenden Landkreisen vom Münchner Umland bis zur Zugspitze. Die SPD hatte dort aber gar nicht so viel abzugeben, wie die Öko-Partei hinzugewann. Umgekehrt verloren die Sozialdemokraten in ihren fränkischen Stammlanden fast durchweg mehr, als die Grünen zulegen konnten. Auf beide Regionen passt das Bild von den kommunizierenden Röhren nicht.

Die Verluste der CSU kurzerhand gegen die Gewinne von Freien Wählern und AfD zu verrechnen, geht aber ebenfalls nicht auf. Es bleibt durchweg ein Überschuss der CSU-Konkurrenz von rechts. Der wieder passt gut zur Karte der gestiegenen Wahlbeteiligung, die sich grob mit den Hochburgen der AfD und der Freien Wähler deckt.

Das Muster auf der Rechten zeigt sich übrigens ebenso in den größeren Städten. Auch dort gewann vor allem die AfD  mehr als die CSU verlor. Rechnet man die Freien Wähler dazu, gewannen beide zusammen sogar weitaus mehr.

Am rechten Rand war die Mobilisierung ungewöhnlich stark

Aus alledem lässt sich keine simple Theorie ableiten. Schon die deutlich gestiegene Wahlbeteiligung macht es schwierig auszudeuten, welche Wähler der CSU wohin abhanden kamen. Klar ist nur: Am rechten Rand war die  Mobilisierung in ganz Bayern ungewöhnlich stark; mit Abwanderung von der CSU allein sind die AfD-Zahlen bei Weitem nicht zu erklären.

Das setzte umgekehrt jedem Versuch der Christsozialen von vornherein enge Grenzen, von ihr Wähler zurückzugewinnen. Selbst in dem Gedankenspiel, dass etwa in der AfD-Hochburg Freyung-Grafenau so viele Bürger CSU gewählt hätten wie 2013, wären diesmal für Freie Wähler und AfD immer noch fast 12.000 Wähler  übrig geblieben.

Auf der anderen Seite des Spektrums sind die Grünen zwar nicht im ganzen Land, aber in ihren Hochburgen als Konkurrenz der CSU ebenfalls stärker geworden. Dort passt dann sogar die „Sandwich“-Theorie, dass die einstige Staatspartei von der liberalen wie der rechten Flanke her eingeklemmt worden ist.

In anderen Landesteilen wäre sie falsch. Sie zeigt das ganze Bild so wenig wie die Theorie von den unveränderten Lagern. Beide sind mehr interessengeleitet als aus dem Wahlergebnis ableitbar. Nur eins kann die gebeutelte Regierungspartei  mit einiger Sicherheit aus den Zahlen lesen: In ohnehin unruhigen Zeiten die Wähler auf den Baum zu jagen mobilisiert nicht eigene Anhänger, sondern treibt ungleich stärker andere ins Wahllokal – im Moment überall die von rechts, manchmal auch noch die von links, aber jedenfalls immer die Anderen.

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