Landtagswahl in Bayern : Warum die AfD in den Prognosen zu hoch lag

Der Politikwissenschaftler Thorsten Faas im Interview über die Probleme der Umfrageforschung bei der Bayernwahl.

Regina Wank
Die Briefwahl ist Fluch und Segen zugleich.
Die Briefwahl ist Fluch und Segen zugleich.dpa/Arne Dedert

Herr Faas, in den Prognosen lag die CSU bei 32-34 Prozent, am Ende erreichte sie 37,2 Prozent. Auch der SPD wurden bis zu 12 Prozent prognostiziert anstatt der erzielten 9 Prozent. Woher kommen diese Abweichungen?

Man muss sehr deutlich unterscheiden zwischen den Befragungen vor der Wahl und der 18-Uhr-Prognose am Wahltag selbst. Bei Umfragen im Vorhinein gibt es immer rein statistische Schwankungen von zwei bis drei Prozent. Das ist einfach der Preis, den man zahlt, wenn man 1000 Leute befragt, aber etwas über Millionen Wahlberechtigte sagen will. Wichtig erscheint mir dabei: Vorfeldumfragen müssen nicht unbedingt präziser werden. Entscheidend ist, in der Kommunikation den Faktor der Unsicherheit deutlicher zu thematisieren. Anders ist es bei der 18-Uhr-Prognose. Hier ist die Datenbasis sehr viel größer, da mehrere tausend Leute befragt werden. Man würde also eigentlich erwarten, dass die statistische Fehlerquote deutlich kleiner ist. Dass es gestern bei der CSU dann 1,7 Prozentpunkte Abweichung waren, deutet darauf hin, dass das kein Zufallsfehler war, zumal ARD und ZDF zu exakt den gleichen Zahlen gekommen sind. Hier scheint ein systematisches Problem vorzuliegen: diese Abweichung ist eigentlich nur durch die Briefwahl erklärbar.

Welchen Einfluss haben denn Briefwähler und die kurzentschlossenen Wähler auf Umfragen?

Das sind gegenläufige Entwicklungen: Einerseits steigt die Anzahl von Menschen, die vor dem Wahltag per Briefwahl schon ihre Stimme abgegeben haben. Das schafft natürlich erstmal ein Trägheitsmoment auf der Zielgeraden. Auf der anderen Seite haben wir diese steigende Anzahl von Spätentscheidern, die für viel Spannung sorgen. Für Demoskopen ist beides Fluch und Segen. Für die Prognosen im Vorfeld sind Briefwähler erstmal gut, weil sie davon ausgehen können, dass ein bestimmter Anteil von Wählern sich nicht mehr umentscheidet. Am Wahltag selber, beispielsweise bei der 18-Uhr-Prognose, die ja auf Befragungen vor den Wahllokalen basieren, werden die Briefwähler zum Problem für die Wahlforscher. Sie erschweren die Prognose eingeschränkt, weil sie nicht unmittelbar einfließen können.

Die AfD ist erstmals im bayerischen Landtag vertreten. Wie gut sind Wahlforscher bei der Vorhersage der Ergebnisse vergleichsweise neuer Parteien?

Demoskopen arbeiten mit bestimmten Erfahrungswerten, die bei neuen Parteien natürlich fehlen. Gerade, wenn es um eine Partei geht, die eher am politischen Rand unterwegs ist, wollen die Leute in den Umfragen vielleicht nicht zugeben, dass sie diese Partei wählen. Oder deren Anhänger misstrauen den Medien und verweigern daher die Teilnahme an einer Umfrage. Das macht es für Demoskopen nochmal schwieriger, diese Ergebnisse vorherzusagen. Gestern bei der 18-Uhr-Prognose wurde die AfD dann sogar leicht überschätzt. Das könnte darauf hindeuten, dass die Institute das Ergebnis etwas nach oben „überkorrigiert“ haben, in dem Wissen, dass die reinen Befragungsdaten oftmals zu niedrig ausfallen.

Wie genau können Umfragen überhaupt noch sein?

Klar ist, dass das Umfragebusiness schwieriger geworden ist. Setzt man auf Festnetz-Umfragen, schließt man systematisch Leute aus, die nur mobil zu erreichen sind. Wenn Sie auf Online-Umfragen setzen, schließen sie Leute aus, die nicht online sind. Das sind gerade ältere Menschen, die aber bei Wahlen in sehr großer Zahl vertreten sind. Insofern kann man sagen, dass in der Gesamtschau ein besseres Bild entsteht, wenn man verschiedene Ansätze wie Online-, Festnetz- und Haustürbefragungen kombiniert. Insofern ist es gut, dass es eine Pluralität am Umfragemarkt gibt und mehr Umfragen gemacht werden.

Die Kritik an den Umfrageinstituten ist also nicht berechtigt?

Früher war auch nicht alles besser. Es existierten gerade bei Landtagswahlen nur sehr wenige Umfragen und diese wenigen Umfragen waren dann zwar prägend, aber auch mit großer Unsicherheit verbunden. Insgesamt würde ich sagen: Angesichts der vielen Schwierigkeiten, die es heute gibt – viel Bewegung bei der Wahlbeteiligung, der Wählerwanderung, im Parteiensystem - sind die Umfragen erstaunlich gut.  Ein bisschen Entspanntheit würde der Diskussion guttun.

Thorsten Faas ist Professor für Politische Soziologie der Bundesrepublik Deutschland am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft an der FU Berlin. Er forscht zu Wahlen, zum Wählerverhalten und zur Wirkung von politischen Kampagnen.

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