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Liu Xia : Witwe von Liu Xiaobo in Berlin eingetroffen

Kurz vor dem ersten Todestag des chinesischen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo darf seine Witwe Liu Xia das Land verlassen. Sie will sich in Deutschland ärztlich behandeln lassen.

Liu Xia, Witwe des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo (Archivbild von 2009)
Liu Xia, Witwe des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo (Archivbild von 2009)Foto: Reuters/David Gray

Liu Xia, chinesische Dichterin und Witwe des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo, ist am Dienstag in Deutschland eingetroffen. Liu Xia landete am Nachmittag auf dem Flughafen Berlin-Tegel, wie ein AFP-Fotograf berichtete. Die 57-Jährige hatte in Peking acht Jahre unter de-facto-Hausarrest gestanden, internationale Appelle zu ihrer Freilassung wurden von der Führung in Peking lange Zeit ignoriert.

Nach acht Jahren Hausarrest hatte China die Witwe des chinesischen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo ausreisen lassen. Die unter Depressionen leidende Liu Xia will sich in Deutschland ärztlich behandeln lassen. Ihr Bruder Liu Hui und Freunde berichteten am Dienstag in Peking, dass die 57-Jährige das Land an Bord einer Maschine der finnischen Fluggesellschaft Finnair in Richtung Helsinki verlassen habe. Die Freilassung der Künstlerin wurde als „lange überfällige humanitäre Geste“ international begrüßt.

Der Bruder gab die Nachricht, dass seine Schwester „ein neues Leben beginnt“, über das soziale Netzwerk WeChat bekannt. „Dank an alle, die sich über all die Jahre gekümmert und ihr geholfen haben“, schrieb Liu Hui. „Wir wünschen ihr Frieden und ein glückliches Leben in der Zukunft.“ Die Ausreise erfolgte nur drei Tage vor dem ersten Jahrestag des Todes von Liu Xiaobo, der am 13. Juli 2017 in Haft an Leberkrebs gestorben war. Als erstem Chinesen war dem Bürgerrechtler 2010 der Friedensnobelpreis für „seinen langen und gewaltlosen Kampf für fundamentale Menschenrechte in China“ verliehen worden.

„Liu Xia ist aus freien Stücken zur medizinischen Behandlung nach Deutschland gegangen“, teilte Chinas Außenamtssprecherin Hua Chunying mit. Die Ausreise habe nichts mit dem Besuch von Premier Li Keqiang zu deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen am Vortag in Berlin zu tun. „Es gibt keine Verbindung mit gegenwärtigen Besuchen von wichtigen Führern.“ Bundeskanzlern Angela Merkel hatte sich wiederholt für die Freilassung und Ausreise von Liu Xia eingesetzt. „Entscheidend für die Freilassung war offensichtlich der letzte Besuch von Kanzlerin Merkel im Mai“, sagte ein Freund, der engen Kontakt mit ihr hatte, der Deutschen Presse-Agentur.

Der Fotografin und Dichterin war bereits Mitte vergangener Woche in Aussicht gestellt worden, dass sie ausreisen kann, wie der Freund schilderte. „Seit über vier Jahren ist die deutsche Botschaft in Peking die einzige, die ständig mit ihr telefonisch Kontakt hatte, auch wenn sie zwischendurch mal ein Vierteljahr nicht erreichbar war, weil sie irgendwohin gebracht worden war“, berichtete er. „Ich weiß, dass der deutsche Botschafter zuletzt regelmäßig mit ihr telefoniert hatte, besonders seit dem Tod von Liu Xiaobo vor einem Jahr.“

Indem der Bruder nicht mit ausreisen durfte, ist Liu Xia aber auch nach ihrer Ausreise nicht wirklich frei, wie Freunde schilderten. Er werde als „Geisel“ zurückgehalten. Die Staatssicherheit wolle Liu Xia damit auch im Ausland zum Schweigen bringen, sagte der Bürgerrechtler Hu Jia. Die Botschaft laute: „Dein Bruder ist hier. Du bist wie ein Flugdrache an der Schnur. Die Grenzen deiner freien Meinungsäußerung sind in den Händen anderer“, formuliert Hu Jia die Drohung dahinter. Der Bruder hatte Liu Xia allerdings ermutigt, auch ohne ihn das Land zu verlassen.

Ob die Künstlerin überhaupt politisch aktiv werden will, ist völlig offen - nicht nur wegen ihres Gesundheitszustandes, sondern auch, weil Liu Xia nie politisch aktiv war. Nur durch ihre Heirat mit Liu Xiaobo war sie ins Fadenkreuz der Staatssicherheit geraten. „Liu Xiaobo zu lieben, ist ein Verbrechen“, hatte Liu Xia jüngst noch unter Tränen in einem Telefonat mit dem im Exil in Berlin lebenden Schriftsteller Liao Yiwu gesagt. Ihre Behandlung durch die Sicherheitsbehörden empfand die 57-Jährige als „lebenslange Haft“.

Ihr gesundheitlicher Zustand wurde als schlecht beschrieben. Ein Freund schilderte, dass sie vor der Ausreise „ganz durcheinander“ gewesen sein. Nicht nur Freunde, sondern auch Menschenrechtsexperten der Vereinten Nationen sind in „tiefer Sorge“ über ihren psychischen Zustand. „Wir sind beunruhigt von Berichten über die Verschlechterung des Gesundheitszustandes von Liu Xia“, hatten die UN-Ermittler im Kampf gegen zwangsweises Verschwinden und willkürliche Inhaftierungen sowie der Sonderberichterstatter zur Lage von Menschenrechtsverteidigern erst vergangene Woche in Genf mitgeteilt.

Nach Angaben ihres Freundes Liao Yiwu sind ihre Depressionen so schlimm, dass sie auch schon mal bewusstlos zusammenbricht oder unter Herzproblemen und anderen Symptomen leidet. Sie nehme starke Medikamente dagegen, die aber Halluzinationen auslösten. In einem Telefonat am 25. Mai sagte Liu Xia dem exilierten Dichter: „Wenn ich tot bin, falle ich niemandem mehr zu Last.“

Gedenken an Liu Xiaobo in Berlin

Ihr Mann Liu Xiaobo war 2009 wegen „Untergrabung der Staatsgewalt“ zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Er war 2008 Mitverfasser der „Charta 08“, in der ein „freier, demokratischer und verfassungsmäßiger Staat“ gefordert wird. Seine Freunde erinnern Liu Xiaobo als großen Vordenker und sanften Vorkämpfer für Demokratie. Der Bürgerrechtler Hu Jia lobt seinen Mut und seine Menschlichkeit.

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Freunde wie Liao Yiwu sowie der Sänger und frühere ostdeutsche Dissident Wolf Biermann und die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller organisieren am Todestag am Freitag eine Gedenkfeier in der Berliner Gethsemane-Kirche, um an das Leben und Werk Liu Xiaobos zu erinnern. (dpa)

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