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Roman Protassewitsch, hier bei einer Demonstration im März 2017. Belarussische Behörden haben nach Berichten von Staatsmedien ein Flugzeug auf dem Weg von Athen nach Vilnius zur Landung gebracht, um ihn festzunehmen. Foto: Sergei Grits/AP/dpa

© dpa

Tagesspiegel Plus

Angstgegner des Präsidenten: Wer ist der Mann, für den Lukaschenko ein Flugzeug kapern ließ?

Auf seinem Telegram-Kanal hatte er eigentlich nur Musik spielen wollen. Dann wurde Roman Protassewitsch zum wichtigsten Sprachrohr der Proteste. Jetzt droht ihm die Todesstrafe.

Als im vergangenen Herbst Hunderttausende in Belarus auf die Straße gehen und den Rücktritt von Diktator Alexander Lukaschenko fordern, ignorieren die staatlichen Medien die Proteste zunächst. Das Regime blockiert die unabhängigen Online-Medien, Twitter und Facebook. Einzig der Messengerdienst Telegram bleibt offen für Informationen, die nicht vom Regime kontrolliert werden.

Dort existiert schon seit fünf Jahren der Kanal „Nexta“. Das Wort bedeutet „Irgendwer“. Dahinter steht natürlich nicht irgendwer, sondern die Schüler Stepan Putilo und Roman Protassewitsch, die den Kanal ursprünglich zum Abspielen von Musikclips geschaffen haben.

All den Trash sammeln, den es in Lukaschenkos Belarus gibt

Stepan Putilo und Roman Protassewitsch, regimekritische Blogger

Im Herbst 2020 aber zeigt „Nexta“ Bilder und Videos, auf denen zu sehen ist, mit welcher Brutalität Lukaschenkos Spezialpolizei Omon die Menge mit Tränengas auseinandertreibt, wie Menschen zusammengeschlagen und in Einsatzfahrzeuge verschleppt werden. „Nexta“ übernimmt auch Nachrichten, die andere Online-Medien nicht mehr senden können, weil ihre Seiten blockiert sind.

Protassewitschs Vater lehrt an Lukaschenkos Militärakademie

Politisiert hatte sich „Nexta“ schon einige Zeit vorher. Allein Musik ist den Machern zu langweilig, sie wollen „all den Trash sammeln, den es in Lukaschenkos Belarus gibt“, sagen sie. Verantwortlich dafür: Roman Protassewitsch, der sich nun Chefredakteur nennt. Am Beginn der Proteste hat „Nexta“ bereits 1,5 Millionen Abonnenten – bei einer Gesamtbevölkerung von zehn Millionen.

Protassewitsch wird 1995 in Minsk geboren und nimmt schon als Schüler an Aktionen der Opposition teil. Es mag ein Akt der Auflehnung sein: Der Vater ist Offizier, lehrt an Lukaschenkos Militärakademie am Lehrstuhl für „ideologische Arbeit“.

Mit 16 wird er zum ersten Mal verhaftet, das Journalismus-Studium darf er aus politischen Gründen nicht abschließen

Mit 16 wird Protassewitsch zum ersten Mal verhaftet. Eine Zulassung zum Journalistik-Studium an der staatlichen Uni in Minsk erhält er später dennoch. Allerdings kann er es nicht mit einem Abschluss beenden, aus politischen Gründen. Er kann dennoch als Fotoreporter für belarussische Medien arbeiten.

Roman Protassewitsch bei einer Kundgebung der Opposition in Minsk im Jahr 2012

© Foto: Uncredited/AP/dpa

Später beschäftigt ihn Euroradio, ein in Warschau stationierter Sender für Belarus, als Reporter.

Gleichzeitig betreiben Putilo und Protassewitsch ihren „Nexta“-Kanal weiter. Doch der Druck des Regimes wird stärker. Ende 2019 reist Protassewitsch nach Polen aus. Kurz darauf, im Januar 2020, stellt er Antrag auf politisches Asyl.

Als die Proteste in Minsk beginnen, hat sich der Journalist zwar dem Zugriff der belarussischen Sicherheitsorgane entzogen, aber er ist auch nicht Augenzeuge der Vorgänge in seiner Heimat. „Nexta“ veröffentlicht Handy-Fotos und -Videos, die von überall zugesandt werden.

Die belarussischen Sicherheitsorgane schreiben Protassewitsch Ende 2020 zur internationalen Fahndung aus. Der Vorwurf lautet Terrorismus. Darauf steht nach Artikel 289, Abs. 2 die Todesstrafe. Sie droht ihm nun nach seiner Entführung. In Belarus wird sie vollstreckt.

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