Matthies meint : Herzinfarkt, politisch betrachtet

In Nordrhein-Westfalen erleidet ein AfD-Mitarbeiter einen Herzstillstand. Der SPD-Landtagsabgeordnete Serdar Yüksel reagiert sofort.

Der Landtag von NRW in Düsseldorf.
Der Landtag von NRW in Düsseldorf.Foto: Federico Gambarini/dpa

Ein bisschen Statistik, es geht nicht anders. Jährlich erleiden 280000 Deutsche einen Herzinfarkt, das sind knapp 770 pro Tag oder 32 pro Stunde. Während nur die Radionachrichten laufen, erwischt es schon wieder zwei oder drei im Land; kein Wunder, dass wir von der Presse über praktisch keinen dieser Fälle berichten. Wenn also ein Infarkt, der auch noch gut ausgeht, in die nationalen Nachrichten vordringt, dann muss irgendetwas Besonderes passiert sein, es ist ein Prominenter umgefallen, oder der Zeitgeist verdichtet sich in den Fakten aufs Symbolischste.

So wie am Donnerstag, als ein namentlich nicht einmal genannter Mitarbeiter der AfD während einer Sitzung des Gesundheitsausschusses im Düsseldorfer Landtag zusammenbrach und keinen fühlbaren Puls mehr hatte. Daraufhin passierte etwas an sich völlig Normales: Zwei Abgeordnete mit Fachkenntnissen, in diesem Ausschuss nicht ungewöhnlich, leisteten erste Hilfe mit Herzmassage und Mund-zu-Nase-Beatmung, und als der Notarzt kam, war das Schlimmste schon überstanden.

Ach ja, das Besondere: Die Beatmung übernahm die FDP-Abgeordnete Susanne Schneider, und die Herzmassage wurde ausgeführt von einem SPD- Mann, der Serdar Yüksel heißt, gelernter Intensivpfleger ist und aus einer kurdischen Familie stammt. "SPD-Abgeordneter rettet AfD-Mann" steht sachlich über der Agenturmeldung. Nicht auszuschließen, dass andere Journalisten was richtig Knalldoofes draus machen, so in der Richtung "Kurde rettet Ausländerhasser!".

Warum interessiert uns das? Weil wir nach Belegen dafür suchen, und weil es uns beruhigt, dass trotz der aufgeheizten politischen Stimmung die menschlichen Reflexe über alle Lager hinweg funktionieren, jedenfalls dort, wo alltäglich gearbeitet und nicht nur aufgehetzt demonstriert wird. In diesem Sinn ist das eine gute Nachricht, und wir werden durchaus vermuten dürfen, dass der umgekehrte Fall genauso geklappt hätte: AfD-Mann rettet kurdischen SPD-Abgeordneten.

Ach, bevor das hier nun zu salbungsvoll wird: Der Düsseldorfer Fall ist zwar plakativ und symbolhaltig, kann aber zur Migrationsdebatte kaum Substanzielles hinzufügen. Integration funktioniert manchmal ausgezeichnet, manchmal geht sie auch katastrophal schief, das ist und bleibt eine Binsenweisheit. Aber könnten wir uns eventuell auf eine kleine Hoffnung einigen? Dass die im Landtag anwesenden AfD- Leute ins Nachdenken kommen und einfach schweigen, wenn ihnen wieder mal eine platte Parole durch den Kopf fliegt? Wäre schon was.

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