Mauerprojekt Berlin : Jemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen

Für ein Kunstprojekt soll die Berliner Mauer vor dem Kronzprinzenpalais symbolisch wieder aufgebaut werden. Was steckt hinter diesem Vorhaben? Fragen und Antworten zum Thema.

Baustelle vor dem Kronprinzenpalais
Baustelle vor dem KronprinzenpalaisFoto: Jürgen Ritter

Gerüchte über das Projekt gab es schon länger, jetzt verdichten sich aber die Anzeichen, dass es realisiert wird: In wenigen Wochen soll in Berlin ein Film- und Performanceprojekt des russischen Regisseurs Ilya Khrzhanovsky Premiere feiern. Das Vorhaben ist so geheimnisumwoben wie ambitioniert. Unter anderem soll eine „Stadt in der Stadt“ entstehen.

Wird die Mauer in Berlin wieder aufgebaut?

Ja, vielleicht. Dahinter steckt das „DAU“-Projekt, eine megalomane 700-StundenProduktion des russischen Regisseurs Ilja Khrzhanovskij. 13 Filme und mehrere Serien wurden daraus montiert. Das Material enthält zum Teil Hardcore-Sex und harsche Gewaltszenen. Der 43-jährige Filmemacher möchte die Weltpremiere seines aufwändigen Re-Enactments der Stalinära in Berlin ausrichten, umgeben von einer temporär installierten Mauer rund um das Kronprinzenpalais. Dort sollen Ausschnitte aus „DAU“ zu sehen sein. Es gehe nicht darum, heißt es einer Projektskizze, die dem Tagesspiegel vorliegt, „eine visuelle Referenz zur Sowjetunion und/oder DDR herzustellen“. Angestrebt sei die „Impression einer Reise in ein fremdes Land“. Zum Einlass müssten die Besucher ein Visum beantragen, um dann auf eine „personalisierte“ Reise geschickt zu werden. Das Projekt steht unter dem Motto „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Nach Berlin („Freiheit“) sind ähnliche Events in Paris und London geplant.

Wann soll das Projekt stattfinden?

In diesem Herbst, vermutlich über mehrere Wochen. Einen genauen Starttermin geben die Verantwortlichen nicht bekannt. Zum 9. November soll die Fake-Mauer symbolisch wieder abgerissen werden. Geplant war die Intervention im öffentlichen Stadtraum zunächst für den Herbst 2017 am Rosa-Luxemburg-Platz rund um die Volksbühne. Es soll aber Widerstand aus dem Haus gegeben haben. In einer Reportage der Zeitschrift „Monopol“ ist außerdem davon die Rede, dass Anwohner sich zu einem sozialen Experiment genötigt fühlten.

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Was bedeutet eigentlich DAU?

Es ist der Spitzname des sowjetischen Physikers und Nobelpreisträgers Lev Landau, dem ein ausschweifendes Sexualleben nachgesagt wird. Bei dem ominösen Filmprojekt soll es sich um ein Biopic und die Simulation der Sowjetunion unter Stalin handeln. 400 Personen lebten teils über mehrere Jahre in dem „Institute“, einem geschlossenen Set bei Charkiw in der Ukraine, mit Überwachungskameras, eigener Kleidung, eigener Währung und Pässen. Nach Angaben der Macher waren Künstler wie Marina Abramovic, Carsten Höller und der Dirigent Teodor Currentzis beteiligt. Immer wieder tauchte der Film als heißer Cannes-Kandidat auf. In einer detaillierten Reportage des Magazins „GQ“, der einzigen Innenansicht von „DAU“, schilderte der Journalist Michael Idov, wie das Set von den einen als Gefängnis-Experiment mit Elementen der Sklaverei erlebt wurde. Regie-Assistentinnen sahen sich sexuellen Übergriffen ausgesetzt. Andere sprachen von einer einmaligen Erfahrung. 2011 wurde das Set von angeheuerten Neonazis vor laufenden Kameras zerstört.

Wer steckt dahinter?

Regisseur Khrzhanovskij stammt aus einer Künstler- und Filmfamilie, er gewann 2004 mit seinem Langfilmdebüt „4“ den Hauptpreis beim Filmfest Rotterdam, eine Nachtbar-Story um eine Prostituierte, einen Barpianisten und einen Fleischhändler. Seitdem arbeitet er an „DAU“. Berichten zufolge ist er ein Exzentriker, der offenbar viel Geld hat und russischen Medienberichten zufolge der Veruntreuung von Fördergeldern bezichtigt wurde. Deutsche Ko-Produzentin ist Susanne Marian, deren Produktionsfirma Essential Arthouse-Filme wie Jessica Hausners „Lourdes“ und Shirin Neshats „Men without Women“ produziert hat.

Veranstalter sind die Berliner Festspiele, sie unterstützen die konkrete Durchführung. Das „DAU“-Projekt passt zur ihrer Linie immersiver Programme: Zuschauer erfahren dabei eine bestimmte Situation am eigenen Leib. Häufig sind solche Projekte mit hohem technischen Aufwand und autoritärem Gestus verbunden.

Warum ist das Projekt so geheimnisumwittert?

Es sollte eine Überraschung werden. Berlin wacht auf, und die Mauer steht wieder da. Produzentin Marian möchte sich nur zu künstlerischen Details äußern – später. Auch die bei „DAU“ beteiligte Firma X-Filme will vorerst keine Informationen preisgeben. Wer die „Phenomen“-Website anklickt, findet lediglich ein Logo vor. Die Seite von DAU hat kein Impressum, nennt keine Verantwortlichen oder Ansprechpartner.

Wer bezahlt das Ganze?

Das Projekt, betonen die Berliner Festspiele und die Behörde von Kulturstaatsministerin Monika Grütters, ist frei finanziert. Khrzhanovskijs Stiftung „Phenomen Trust“ sitzt in London. Das Medienboard Berlin Brandenburg förderte DAU mit 350000 Euro im Jahr 2006. Auch die Berliner Kulturverwaltung hat kein Geld zugeschossen.

Gab es sowas schon einmal?

Zusammen mit dem Schauspiel Köln stellte die dänische Performance-Truppe Signa 2007 ein ganzes Dorf auf die Beine. Unter dem Titel „Die Erscheinungen der Martha Rubin“ lebte eine eigene, fiktionale Welt auf: Dreißig Akteure hielten sich mehrere Tage lang dort auf, die Besucher mussten sich beim Eintritt unangenehmer bürokratische Rituale unterziehen und wurden auf spezielle Verhaltensweisen in „Ruby Town“ hingewiesen. Man konnte mit den Performern essen und trinken, Geschichten wurden erzählt. Ein Sozialexperiment, das 2008 beim Berliner Theatertreffen im alten Lokschuppen in Schöneberg gastierte.

Haben die Behörden das Projekt genehmigt?

Aus der Senatskanzlei heißt es, dass das Projekt im „überwiegenden öffentlichen Interesse“ sei. Das ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass eine Sondernutzungserlaubnis erteilt werden kann. Die Verkehrslenkung Berlin und das Straßen- und Grünflächenamt in Mitte prüfen derzeit gleichzeitig den Antrag. „Eigentlich kann man uns ja mit nichts mehr überraschen - aber das ist ungewöhnlich“, sagt Harald Büttner, Leiter des Straßen- und Grünflächenamtes Mitte, „so ein großes Projekt über einen so langen Zeitraum hatten wir noch nicht.“

Auch die Anlieger, die Denkmalschutzbehörde, die BVG, die Straßenverkehrsbehörde, die Feuerwehr und die Polizei, müssen befragt werden. Bis zum 30. August läuft die Anhörungsfrist, danach muss der Veranstalter alle noch offenen Fragen beantworten - dann kann genehmigt werden.

Was sagt die Stadt Berlin dazu?

„Nach allem was ich über das Projekt gehört habe, bin ich sehr gespannt auf das gewagte Experiment“, sagte Kulturstaatsministerin Grütters dem Tagesspiegel. „Wir kennen nur den groben Rahmen“, meint auch Daniel Bartsch, Pressesprecher von Berlins Kultursenator Klaus Lederer. Es sei ein ambitioniertes, begrüßenswertes Projekt, „dem wir wohlwollend entgegensehen“.

So sah die Mauer vor dem Fall aus
Mauertourismus, vermutlich im Jahr 1971. Die Gruppe ging an den gesprengten Häusern der Bernauer Straße entlang, die der DDR als Vormauer dienten. Im Hintergrund knickte die Mauer scharf nach Norden ab. Das Haus im Hintergrund ist die Oderberger Straße 30, gegenüber ist heute der Eingang zum Mauerpark. - Foto: Hans Lachmann/Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland (CC: BY-SA 3.0)Weitere Bilder anzeigen
1 von 198Hans Lachmann
24.08.2018 15:34Mauertourismus, vermutlich im Jahr 1971. Die Gruppe ging an den gesprengten Häusern der Bernauer Straße entlang, die der DDR als...

Wie stehen Opferverbände dazu?

Christian Sachse, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) steht den Plänen kritisch gegenüber. „Ohne jegliche Beteiligung der Opferverbände bezweifle ich, dass die ernsthafte Darstellung der Herrschaftsmechanismen der SED-Diktatur wirklich gelingt“, sagt Sachse.

Hugo Diederich, Bundesgeschäftsführer der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) steht dem DAU-Projekt offener gegenüber. „Da die Verbrechen des Stalinismus nicht unbedingt im Fokus unserer demokratischen Gesellschaft stehen, wäre eine solche Maßnahme eine gute Gelegenheit, dies einer breiten Bevölkerungsschicht zu vermitteln", sagt Diederich.“

Auch die Berliner Tourismus-Marketing GmbH ist angetan, warum?

Burkhard Kieker, Chef von Visit Berlin, hofft auf eine hohe Ausstrahlungskraft. Die Frage sei, „ist Berlin noch zu Besonderen fähig wie in den neunziger Jahren? Visit-Berlin ist nicht selbst beteiligt. Kieker wünscht sich aber eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie kurz in heutigen Zeiten der Weg ins Totalitäre sein kann.

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