Nach Archivöffnung : Was wusste Pius XII. über die Schoa?

Der Vatikan öffnet sein Archiv zum Pontifikat von Pius XII. Forscher wie Klaus Kühlwein hoffen auf neue Erkenntnisse zum Verhalten des Papstes im Holocaust.

Helge Hommers
Das Pontifikat von Papst Pius XII. dauerte von 1939 bis 1958. Er wurde nach dem Zweiten Weltkrieg kritisiert, über den Holocaust geschwiegen zu haben.
Das Pontifikat von Papst Pius XII. dauerte von 1939 bis 1958. Er wurde nach dem Zweiten Weltkrieg kritisiert, über den Holocaust...Foto: dpa

Tag für Tag sitzt Klaus Kühlwein auf gepackten Koffern und wartet. Er hofft darauf, Einsicht in die Akten zum Pontifikat von Pius XII. im Vatikanischen Geheimarchiv zu erhalten – seit mehr als 15 Jahre lang. Auf zwei Sonderanfragen, die der Theologe beim Vatikan einreicht, erhält er Absagen. Am Montag aber hat der Vatikan bekanntgegeben, die Aktenbestände zur Amtszeit Eugenio Pacellis freizugeben. „Dass daran gearbeitet wird, wusste man, aber die Nachricht kam schon überraschend“, sagt Kühlwein

Er vermutet, dass die Motivation des Vatikans auf das Engagement der vielen Theologen und Historiker zurückgeht, die Einsicht in die Dokumente verlangten. Deren Bestreben sei in den vergangenen Jahren stärker geworden. „Irgendwann musste der Vatikan die Akten einfach freigeben“, sagt der Autor des Buches „Warum der Papst schwieg“ (2008). Bislang ist nur eine elfbändige Auswahl der Akten öffentlich, die eine Kommission im Auftrag des damaligen Papstes Paul VI. vor 55 Jahren veröffentlichte. Die Publikation stelle laut Kühlwein nur ein „fragmentarisches Mosaik“ dar. Die kommenden Erkenntnisse könnten „Licht ins Dunkel“ bringen.

"Christliches Trauerspiel"

Zugang zu den Akten erhalten Forscher erst ab dem 2. März 2020. Es ist der 81. Jahrestag der Wahl des Papstes, der vor allem seit der Premiere des Theaterstücks von 1963 „Der Stellvertreter“ in der Kritik steht. Autor Rolf Hochhuth erzählt in seinem „christlichen Trauerspiel“, wie es im Untertitel heißt, die Geschichte eines Jesuitenpaters, der Pius XII. auf den Holocaust aufmerksam macht. Doch das Oberhaupt der katholischen Kirche schweigt – und macht sich nach Interpretation Hochhuths mitschuldig an den NS-Verbrechen.

Knapp 60 Jahre nach seinem Tod streiten Historiker weiter über das Schweigen des damaligen Papstes: Warum nutzte er sein Amt nicht, um gegen die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden zu protestieren? Oder hat sein Stillhalten Schlimmeres verhindert, indem er es vermied, Hitler und seine Gefolgsleute durch Widerworte zu provozieren? Im Vatikan ist die Beurteilung laut Kühlwein klar: „Die Geschichte von 1933 bis 1945 wird als Erfolgsstory verkauft, Selbstkritik gibt es nicht.“

Seligsprechung kaum gefährdet

Und das, obwohl sich Stimmen aus den eigenen Reihen mehren, die eine Mitschuld anerkennen. Die laufende Seligsprechung von Pius XII. dürften die Erkenntnisse kaum beeinflussen. Denn dass sie durch Funde in den Akten verhindert wird, sei unwahrscheinlich, sagt Kühlwein, da diese sonst bereits entdeckt worden wären. Etwa, dass er aus antisemitischen Gründen schwieg oder weil er das Kirchenvermögen schützen wollte. „Das wäre der Super-Gau für den Vatikan“, sagt Kühlwein.

Er hofft vielmehr auf Erkenntnisse, wie sich Pius XII. verhielt, als nach 1943 mehrere Tausend Juden in Rom Zuflucht in Klöstern fanden. Oder auf die Frage, warum er bis zu seinem Tod den Holocaust nie thematisiert geschweige denn ein Wort der Buße gefunden hat. Bekannt ist zudem, dass er mehr Informationen über die Ereignisse hatte als die Kurie. Möglicherweise lässt sich aus den Akten erschließen, warum er möglicherweise Befürchtungen hatte, die Lage zu verschlimmern, sollte er sein Wort erheben.

Aktenarbeit für Jahre

Kühlwein geht es „um das Füllen von Lücken“, wie er sagt. Denn auch wenn viele Mitarbeiter des Vatikans die Akten schon durchgesehen hätten und man genau wisse, was in ihnen stünde, könnte der Blick von außen neue Erkenntnisse bringen. Auch weil Pius XII., der viele seiner Texte selbst schrieb, so gewissenhaft wie häufig Korrekturen in Dokumente setzte. „Einzelne Verlautbarungen im Original zu sehen ist schon sehr aufschlussreich“, sagt Kühlwein. Wobei es seiner Vermutung nach Monate, wenn nicht sogar Jahre dauert, sich durch die Akten zu arbeiten.

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