Nach der Missbrauchsstudie : Die Katholische Kirche zieht keine Konsequenzen

Die Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz führt offenbar nicht zu Reformen. Die Gläubigen fordern ein Ende des Zölibats.

Beten allein wird nicht helfen, um die Kirche aus der Krise zu führen.
Beten allein wird nicht helfen, um die Kirche aus der Krise zu führen.Foto: Uwe Zucchi/dpa

Die Veröffentlichung der Missbrauchsstudie der katholischen Deutschen Bischofskonferenz löste am 25. September des abgelaufenen Jahres eine Erschütterung aus. Und sie wirkt nach. Falls die Bischöfe gehofft haben sollten, dass sich die Wogen nach einiger Zeit wieder glätten würden, haben sie sich getäuscht. Die Empörung hält an.

So fordert das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) inzwischen eine völlige Gleichstellung von Frauen und Männern in allen kirchlichen Ämtern sowie die Abschaffung des Zölibats, der verpflichtenden Ehelosigkeit katholischer Priester. Das ZdK vertritt 24 Millionen katholische Laien in Deutschland, also die ganz normalen Gläubigen. „Es ist jetzt und nicht irgendwann die Zeit zum Handeln“, hielt ZdK-Präsident Thomas Sternberg den Bischöfen vor. „Wenn sich in der nächsten Zeit nicht Entscheidendes tut, dann wird das verloren gegangene Vertrauen nicht zurückzugewinnen sein.“

Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Kardinal Reinhard Marx, forderte in seiner Silvesterpredigt eine Erneuerung der Kirche. „Natürlich stehen wir in einer großen Tradition. Aber es ist keine abgeschlossene Tradition. Es ist ein Weg in die Zukunft“, sagte der Erzbischof am Montag im Münchner Liebfrauendom. Die Lehre der Kirche müsse nicht nur vertieft, sondern auch weiterentwickelt werden, betonte er und begründete dies auch mit dem Missbrauchsskandal.

Das sind durchaus selbstkritische Worte - inwiefern die Bischofskonferenz aber tatsächlich zu tiefgreifenden Reformen bereit ist, lässt sich von außen nicht abschätzen. Zumal den Reformkräften im Zweifelsfall stets das Argument vorgehalten wird: Wir in Deutschland allein können das ja gar nicht entscheiden - das kann nur die gesamte katholische Weltkirche.

Die Zeit aber drängt. „Die katholische Kirche liegt am Boden und hat jegliches Vertrauen bei ihren Gläubigen verloren“ - das ist die niederschmetternde Jahresbilanz des Kirchenrechtlers Thomas Schüller. „Sie hat durch die Missbrauchsstudie den letzten moralischen Kredit bei ihren Gläubigen verspielt.“

Die Kirche weicht den Fragen aus

Einer der wenigen katholischen Amtsträger, die das Ausmaß der Vertrauenskrise offen benennen, ist der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer. Er sagt: „Wenn inzwischen schon die engsten Mitarbeiter an unserer Kirche geradezu verzweifeln, dann ist es wirklich höchste Zeit, dass wir uns diesen grundsätzlichen Fragen ernsthaft stellen.“

Pfeffer hat jedoch den Eindruck, dass die Kirche diesen Fragen ausweicht. „Zum Beispiel sagen uns die Wissenschaftler: „Eure Vorstellungen von Homosexualität entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage.“ Das wirkt wie eine Ohrfeige für unsere Sexualmoral.“ Die katholische Kirche betrachtet Homosexualität als Sünde. Just einen Tag nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie wurde bekannt, dass ein katholisches Gymnasium im Münsterland einen Lehrer abgelehnt hatte, nur weil er schwul ist und einen Mann heiraten wollte. Das ist ein Wertesystem, das immer weniger Menschen nachvollziehen können.

Die Autoren der Missbrauchsstudie haben auch eine Debatte über den Zölibat angeregt. Denn: Priester werden nach den Ergebnissen der Studie fünfmal häufiger auffällig als katholische Diakone - die im Gegensatz zu den Priestern heiraten dürfen. Für problematisch halten die Forscher auch die männlich dominierte Sonderwelt und die hierarchisch-klerikale Kultur. Pfeffer: „Das birgt natürlich Sprengstoff und löst innerhalb unserer Kirche eine große Angst aus, weil sehr Grundsätzliches in Frage gestellt werden kann.“

Eben deshalb gibt es starke Zweifel, dass die alten Männer, die in der straffen katholischen Hierarchie alles Wichtige entscheiden, da mitmachen werden. Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller, der ehemalige Chef der römischen Glaubenskongregation, vertritt zum Beispiel die Auffassung, dass Missbrauch und Zölibat rein gar nichts miteinander zu tun hätten. „Es ist eine diskriminierende Unterstellung, dass Menschen, die freiwillig dem Ruf Jesu in diese Lebensform folgen, besonders disponiert zu Sexualverbrechen wären“, sagte Müller der Deutschen Presse-Agentur. „Den abscheulichen sexuellen Missbrauch von Heranwachsenden zu benutzen, um eine im Evangelium Christi begründete Lebensform zu bekämpfen, nur weil sie dem rein innerweltlichen Denken unverständlich und anstößig erscheint, ist nichts anderes als menschenverachtende Ideologie.“

Theologie-Professor Schüller glaubt, dass der Kirche letztlich die Kraft fehle, schmerzhafte Reformen einzuleiten. „Dies gilt auch für den einstigen Hoffnungsträger Papst Franziskus, dem Visionen und Mitstreiter in der Kirche fehlen, um wesentliche Veränderungen in der Kirche zu initiieren.“

Der kirchenkritische Publizist Eugen Drewermann - selbst ehemaliger Priester - wirft die Frage auf, was von der Kirche noch übrig bleiben würde, wenn sie all die geforderten Strukturreformen ausführen würde: „Sie verlöre dann den Anspruch des Alleinstellungsmerkmals des männlichen Klerikers bei der Sakramentenspendung“, sagte der Theologe und Psychoanalytiker der dpa. „Das ist nach katholischem Verständnis eine heilige Person mit besonderen Gnadengaben - über ihr thront nur noch der Heilige Vater in Rom. Ohne all das hätte sich die katholische Kirche selbst protestantisiert.“ (dpa)

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!