Nach Minimal-Kompromiss in Madrid : Wie Klimaschutz auch ohne Staatsführer funktioniert

Das Beispiel Vereinigte Staaten zeigt: Auch gegen unwillige Regierungen lassen sich Klimaschutzmaßnahmen vorantreiben. Ein Gastbeitrag.

Jules Kortenhorst Andrew Steer
Klima-Demonstranten in Madrid.
Klima-Demonstranten in Madrid.Foto: Cristina Quicler/AFP

Jules Kortenhorst ist geschäftsführender Direktor des Rocky Mountain Institute. Andrew Steer ist Präsident und geschäftsführender Direktor des World Resources Institute. Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier. Copyright: Project Syndicate, 2019.

Die Klimakonferenz der Vereinten Nationen (COP25) in Madrid sollte den Boden für ehrgeizigere nationale Verpflichtungen im Bereich des Klimaschutzes bereiten. Das wäre nirgends von größerer Bedeutung als in dem Land, wo nationale Führerschaft im Bereich des Klimawandels am unwahrscheinlichsten erscheint: in den USA.

Doch ein neuer Bericht sollte der Welt Hoffnung geben, dass es noch nicht zu spät ist, die USA auf einem Kurs zu halten, der im Einklang mit den weltweiten Anstrengungen zur Abwendung der katastrophalsten Auswirkungen des Klimawandels steht. Dazu ist es erforderlich, dass amerikanische Bundesstaaten, Städte und Unternehmen ihre Vorreiterrolle weiterhin wahrnehmen und die nationale Regierung ihre Maßnahmen mit neuem Leben erfüllt.

Die USA waren jahrzehntelang der größte Emittent von Treibhausgasen. Obwohl China die USA in diesem Bereich überholte, bleiben Amerikas kumulierte Emissionen unerreicht. Und obwohl die USA weit von einer Führungsrolle im Bereich des Klimaschutzes entfernt sind, haben sie unter Präsident Donald Trump zahlreiche nationale Klima- und Umweltschutzmaßnahmen zurückgenommen und offiziell ihre Absicht bekundet, sich aus dem Pariser Klimaabkommen zurückzuziehen.

Bundesstaaten, Städte, Unternehmen und Universitäten

Glücklicherweise folgt der Rest der Vereinigten Staaten Trumps Beispiel nicht. Eine starke Koalition aus Bundesstaaten, Städten, Unternehmen und Universitäten hat erklärt, dass sie „immer noch dabei“ sind und die notwendigen Schritte unternehmen, um die amerikanischen Verpflichtungen im Klimaschutz zu erfüllen.

Dabei handelt es sich um keine unrealistische Erklärung. Die aus über 3 800 Akteuren bestehende Koalition steht für 65 Prozent der amerikanischen Bevölkerung, beinahe 70 Prozent des amerikanischen BIPs – das entspricht einer Volkswirtschaft, die größer ist als die Chinas – sowie für mehr als die Hälfte der US-Emissionen. So haben sich 145 Städte in den USA zur Versorgung ihrer Kommune mit 100 Prozent sauberem Strom verpflichtet, sechs dieser Städte haben dieses Ziel bereits erreicht.

Dennoch: Welche Fortschritte kann diese Koalition ohne die Unterstützung der Administration erzielen? Und wie viel besser wäre die Situation, wenn sich die US-Regierung und der Kongress erneut zu Klimaschutzmaßnahmen verpflichten würden? Das sind Fragen, um deren Beantwortung sich America's Pledge, eine Initiative der Bloomberg Philanthropies, bemühte.

Emissionen drastisch reduzieren - ohne die Regierung

Die Erkenntnisse sind sowohl beruhigend als auch entmutigend. Dem gerade veröffentlichten dritten Bericht der Initiative unter dem Titel „Accelerating America's Pledge“ zufolge könnten nachdrücklichere Maßnahmen der Bundesstaaten, Städte und Unternehmen die Treibhausgasemissionen der USA bis 2030 um 37 Prozent sinken lassen, verglichen mit dem Niveau von 2005.

Mit anderen Worten: Auch ohne die nationale Regierung können die USA die Emissionen drastisch reduzieren, die Luftqualität verbessern und wirtschaftliche Gewinne fördern. Um erfolgreich zu sein, müsste eine Koalition aus Akteuren abseits der nationalen Regierung rasche und ehrgeizige Schritte umsetzen, um Energie- und Transportsysteme umzugestalten. Bewerkstelligen könnte sie das, indem sie auf jene innovativen Maßnahmen aufbaut, die die US-Bundesstaaten, Städte und Unternehmen bereits jetzt ergreifen.

Die Wirkung einer derartigen Bewegung verspricht über die geografischen Grenzen der USA hinaus spürbar zu sein: Verpflichtungen nach dem Bottom-up-Prinzip, also von unten nach oben, werden genutzt, um die Klimaschutzbestrebungen weltweit zu verbessern. Die ersten Anfänge sind erkennbar. So verbindet die Plattform Alliances for Climate Action Städte, Staaten, den Privatsektor, Anleger, Universitäten und Organisationen der Zivilgesellschaft in Argentinien, Japan, Mexiko, Südafrika, den USA und Vietnam, damit sie miteinander und mit ihren nationalen Regierungen zusammenarbeiten können, um Klimaschutzmaßnahmen voranzutreiben.

Der notwendige Wandel erfordert die breite Mobilisierung der Bürger

Dennoch bleibt die Rolle der nationalen Regierungen von Bedeutung. Trotz des Potenzials einer Klimaschutz-Führerschaft von unten nach oben ist es eine Tatsache, dass die Ergebnisse besser ausfallen, wenn die Bemühungen mit Koordination und Aufsicht von oben nach unten kombiniert werden. Der Bericht von America's Pledge zeigt, dass ein entschlossener Wiedereinstieg in den Klimaschutz auf nationaler Ebene in den USA die Emissionen bis 2030 um 49 Prozent verringern und das Land damit auf Kurs bringen könnte, bis Mitte des Jahrhunderts Netto-Null-Emissionen zu erreichen.

Trotz der drei Jahre währenden Gleichgültigkeit auf nationaler Ebene ist also noch nicht alle Hoffnung auf wirksame Klimaschutzmaßnahmen in den USA verloren. Wir können es uns allerdings nicht leisten, uns einfach zurückzulehnen. Der notwendige Wandel erfordert die breite Mobilisierung der Bürger, eine höhere Energieproduktivität, disruptive Innovationen, Marktstrukturen auf Höhe der Zeit und vorausschauende Investitionen. Der US-Kongress und die Exekutive müssen entschlossen und rasch handeln und den Klimawandel sowie den damit verbundenen wirtschaftlichen Wandel an die oberste Stelle der politischen Agenda setzen.

Verbraucherkosten senken und die öffentliche Gesundheit verbessern

Der Nutzen wäre enorm. Abgesehen von den Vorteilen für die Umwelt könnten die im Bericht von America's Pledge beschriebenen Änderungen den Wohlstand steigern, die Verbraucherkosten senken und die öffentliche Gesundheit verbessern. Bis zum Jahr 2030 könnte der wirtschaftliche Wandel im Vergleich zu den Technologien auf Grundlage fossiler Brennstoffe für gleiche oder bessere Leistungen in den Bereichen Elektrizität, Fahrzeuge und Gebäude sorgen – zu geringeren Kosten.

So ist es schon jetzt billiger, Kohlekraftwerke stillzulegen und durch Wind- und Solarkraftwerke zu ersetzen, als die Anlagen am Netz zu halten. Darüber hinaus werden mit diesem Wandel neue Jobchancen geschaffen und Karrieren der Zukunft ermöglicht, wie etwa in den Bereichen erneuerbare Energien, Herstellung von Elektrofahrzeugen und nachhaltige Forstwirtschaft. Aus jüngsten Untersuchungen der Globalen Wirtschafts- und Klimakommission geht hervor, dass mit intelligenten Klimaschutzmaßnahmen bis 2030 weltweit Gewinne in Höhe von 26 Billionen US-Dollar erzielt und 65 Millionen Arbeitsplätze geschaffen werden können.

Akteure abseits der US-Administration haben einen soliden Grundstein für Klimaschutzmaßnahmen gelegt und sie treiben den Fortschritt weiterhin voran. Um aber den notwendigen Wandel so rasch wie nötig zu erreichen, müssen in den USA mehr gewählte Vertreter und die nationale Führungsebene aktiv werden.

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