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Nach Mord an Walter Lübcke : 10.000 Menschen demonstrieren in Kassel gegen rechte Gewalt

Bei der größten Demo seit dem Mord an Walter Lübcke setzt Kassel ein Signal gegen Rechtsextremismus. Währenddessen ergeht Haftbefehl gegen zwei weitere Männer.

Mitarbeiter des Regierungspräsidiums lassen am Ende der Kundgebung "Zusammen sind wir stark" für Walter Lübcke 99 Luftballons in den Himmel steigen.
Mitarbeiter des Regierungspräsidiums lassen am Ende der Kundgebung "Zusammen sind wir stark" für Walter Lübcke 99 Luftballons in...Foto: dpa

Rund 10.000 Menschen haben nach dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) in der nordhessischen Stadt gegen rechte Gewalt demonstriert. Aufgerufen zu der Kundgebung am Donnerstag vor dem Regierungspräsidium hatte die Stadt zusammen mit einem Bündnis von Institutionen und Organisationen. Ziel war es, Zeichen zu setzen gegen die Spaltung der Gesellschaft - und für eine tolerante, demokratische und friedliche Region. Unterstützer waren neben Behörden, Verbänden und Gewerkschaften auch große Unternehmen. Stadt und Polizei sprachen zum Abschluss von rund 10 000 Teilnehmern.

Lübcke war am 2. Juni mit einem Kopfschuss umgebracht worden. Unter Verdacht steht der geständige 45-jährige Stephan Ernst aus Kassel. Der Generalbundesanwalt geht von einem rechtsextremen Hintergrund aus. Lübcke war wegen seiner Haltung zu Flüchtlingen bedroht worden.

Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) sagte: „Wir sind nicht der braune Sumpf der Nation. Wir sind friedlich, tolerant und weltoffen. Bei uns haben Hass, Hetze, Terror und Ausgrenzung keinen Platz.“ Die Demokratie müsse jeden Tag aufs Neue verteidigt werden. Der Staat müsse wachsam bleiben. Geselle mahnte: „Wir müssen die Herausforderungen der Integration und Migration offensiv angehen und eben nicht verschweigen.“ Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) warnte angesichts von Hass und Hetze im Internet: „Aus Worten können Taten werden.“ Die Beteiligung an der Kundgebung bezeichnete sie als „ein ganz starkes Signal“

"Uns eint an diesem Abend die Bestürzung "

Der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Martin Hein, betonte: „Wer die Würde des Menschen missachtet, gewaltsam oder mit Worten, stellt sich außerhalb unseres demokratischen Gemeinwesens. Da gibt es kein Wenn und Aber!“

Der Fuldaer Bischof Michael Gerber sagte laut Mitteilung: „Uns eint an diesem Abend die Bestürzung über das Ausmaß von Hass und Menschenverachtung vor und besonders auch nach dieser Bluttat.“ Walter Lübcke und seine Familie seien Opfer dieses Hasses geworden. „Uns eint an diesem Abend auch die Sorge um jene Menschen, die auf dem Hintergrund ihres gesellschaftlichen Engagements zur Zielscheibe von Drohbotschaften geworden sind.“

Der Kasseler Intendant des Staatstheaters, Thomas Bockelmann, nannte es eine Schande, wie Walter Lübcke ums Leben gekommen sei und wie gegen ihn im Internet gehetzt worden sei. Bockelmann trug auf der Bühne Hass-Botschaften aus dem Netz gegen Lübcke vor. Es seien Zitate gewesen „von feigen Menschen, die sich in der Anonymität des Internets einmal mächtig fühlen“ wollten. Die Demo am Donnerstag dürfe gern der Anfang sein, die Demokratie zu schützen.

Mutmaßliche Komplizen sind in U-Haft

Am Abend wurde außerdem bekannt, dass die beiden mutmaßlichen Komplizen des Hauptbeschuldigten Stephan Ernst in Untersuchungshaft gekommen wind. Ein Ermittlungsrichter habe am Donnerstagabend Haftbefehl gegen den 64-jährigen Elmar J. und den 43-jährigen Markus H. erlassen und für sie U-Haft angeordnet, sagte ein Sprecher der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe.

Die beiden Männer waren kurz zuvor festgenommen worden, ihre Wohnungen in Kassel und im nordrhein-westfälischen Landkreis Höxter wurden durchsucht. Ihnen wird Beihilfe zum Mord zur Last gelegt. Einer soll laut Bundesanwaltschaft dem mutmaßlichen Täter Stephan E. die Tatwaffe verkauft haben, der andere den Kontakt zwischen den beiden hergestellt haben.

Anhaltspunkte für ein rechtsterroristisches Netzwerk gibt es laut Bundesanwaltschaft derzeit nicht. Die beiden Männer sollen aber die rechtsextreme Gesinnung von E. gekannt haben. (dpa)

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