Nach vermeintlichem Putschversuch in Venezuela : „Gefundenes Fressen für Maduro“

Venezuelas Präsident Nicolás Maduro wirft „Söldnern“ vor, eine abenteuerliche Invasion geplant zu haben – es dient der Propaganda des Regimes.

Venezuelanische Spezialkräfte in Macuto.
Venezuelanische Spezialkräfte in Macuto.Foto: Manaure Quintero/ Reuters

Ausgeheckt wurde die Operation Gideon für die Invasion Venezuelas im September in einem Hochhaus-Apartment in Miami. Anwesend: Der windige, erzkonservative venezolanische Politikberater Juan José Rendón, Sergio Vergara und der 43-jährige US-Veteran Jordan Goudreau, dem eine Sicherheitsfirma gehört. Rendón und Vergara waren kurz davor von Venezuelas Gegenpräsident Juan Guaidó zu Sonderbotschaftern ernannt worden. Guaidó hatte sich im Januar 2019 selbst zum Übergangspräsidenten erklärt – und wurde von rund 60 Staaten offiziell anerkannt, darunter auch Deutschland und die USA.

Er sollte durch die Invasion an die Macht kommen und der sozialistische Präsident Venezuelas Nicolás Maduro gestürzt werden. Erst am Samstag sind im Zusammenhang mit der angeblich versuchten „Söldner“-Invasion wieder 34 Menschen festgenommen worden, hieß es von der Regierung. Nach weiteren Verdächtigen werde unter Hochdruck gesucht. „Wir werden sie alle fassen“, sagte Maduro.

Wie die Invasion geplant war, liest sich wie ein Skript aus einem Rambo-Film: 800 zuvor in Kolumbien ausgebildete Söldner sollten über das Meer und die grüne Grenze in Venezuela eindringen und aufständische Zellen bilden. Auf Befehl sollte dann ein Kommando den Flughafen von Maiquetía unter seine Kontrolle bringen, ein zweites Kasernen angreifen, um Soldaten abzulenken, ein drittes Machthaber Maduro aufspüren, zum Flughafen verschleppen und außer Landes bringen. Die Bevölkerung, so das Kalkül, werde sich angesichts von Mangelwirtschaft und Repression rasch auf die Seite der „Befreier“ schlagen. Die USA, die ein Kopfgeld von 15 Millionen US-Dollar auf Maduro ausgelobt haben, sollten die nötige politische Rückendeckung liefern.

Unterschrieben wurde der Vertrag über 212 Millionen US-Dollar im Oktober – zahlbar nach vollendeter Mission mit sichergestelltem Vermögen der Regierungsclique. Eine Unterschrift unter dem Dokument soll von Guaidó stammen. Dieser verneint das, nicht aber die Kontakte seiner Emissäre. Goudreau wurde ausgewählt, weil er das billigste Angebot gemacht und gute Beziehungen zur US-Regierung hatte, so Rendón. Er gab ihm 50.000 US-Dollar Vorschuss, aus eigener Tasche, wie er behauptet.

"Die Opposition hat uns verraten"

Doch wie bei der Schweinebucht-Invasion, mit der Exilkubaner 1961 mit Unterstützung der USA versucht hatten, die kubanische Regierung zu stürzen, lief auch beim venezolanischen Plan nichts rund. Die 800 Söldner tauchten nie auf. Stattdessen rekrutierte der mit Goudreau befreundete venezolanische Ex-General Cliver Alcalá Freiwillige unter den Migranten im kolumbianischen Exil. Goudreaus gute Kontakte beschränkten sich auf einen Bodyguard von US-Vizeminister Mike Pence, der jedoch bestritt, mit Goudreau darüber gesprochen zu haben.

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Alcalá suchte offenbar Unterstützung von kolumbianischen Geheimdiensten, wurde laut AP jedoch angewiesen, jegliche Umsturzpläne auf Eis zu legen oder er verlöre sein politisches Asyl. Der US-Geheimdienst CIA bekam Wind von dem Plan und versuchte, Goudreau daran zu hindern, berichtet das Portal „Connecting Vets“. „Viele wussten davon, aber niemand wollte uns unterstützen“, klagte der oppositionelle Parlamentarier Hernán Alemán gegenüber AP. Auch Guaidó habe zu viel Angst gehabt. Rendón zufolge blies die Opposition den Plan ab, weil sie Alcalá misstraute.

Der Deserteur gilt als dubioser Geschäftemacher; sein Bruder fungiert als Maduros Botschafter in Iran. Goudreau seinerseits verstand sich mit Alcalá bestens, beide sprachen die gleiche militärische Sprache und hegten wenig Sympathie für die zivilen Bedenkenträger der Opposition.

Die zu Jahresbeginn aufgebauten Trainingscamps in der kolumbianischen Guajira, einer wüstenähnlichen Gegend in der kolumbianisch-venezolanischen Grenzregion, waren zwar prekär, blieben aber nicht unbemerkt. Dort sind Schmuggler ebenso aktiv wie ehemalige Guerrilleros, die Maduro nahestehen. Panne folgte auf Panne: Eine Waffenladung Alcalás wurde von der kolumbianischen Polizei im März abgefangen, Alcalá blieb frei, wurde kurz darauf aber auf die US-Fahndungsliste wegen Drogenhandels gesetzt.

Bevor er sich stellte, gab er ein nervöses Skype-Interview, in dem er von „Waffen für die Befreiung Venezuelas mit Billigung Guaidós“ sprach. „Alles war fertig, aber die Opposition, die weiter mit Maduro koexistieren will, hat uns verraten.“

Maduro spricht von einer gescheiterten Schnellboot-Invasion

Die Nummer zwei des venezolanischen Regimes, Diosdado Cabello, verkündete im Fernsehen, das Kommando sei längst infiltriert gewesen. „Wir wussten, wer sie finanzierte, was sie aßen und tranken, und für manches haben wir sogar bezahlt“, brüstete sich Cabello. Rendón zufolge war der Plan zur Invasion da längst abgeblasen und kein weiteres Geld mehr geflossen.

Doch die venezolanische Führungsriege rechnete offenbar weiterhin mit einer Invasion auf dem Seeweg, alarmiert durch die von der US-Regierung verhängte Seeblockade in der Karibik. Das erklärt laut dem Portal „Caracas Chronicles“ die versuchte Festsetzung des deutschen Kreuzfahrtschiffs „RCGS Resolute“ vor der Insel Tortuga, bei der das Patrouillenboot der venezolanischen Armee sank.
Präsident Maduro verkündete vor Kurzem im Staatsfernsehen, man
habe eine Schnellboot-Invasion in Macuto und einen Mordanschlag vereitelt, unter den Festgenommenen seien auch zwei US-Söldner. Macuto ist dicht besiedelt, liegt nahe einer Marinebasis und dem wichtigsten Seehafen; die Verbindungsstraße nach Caracas ist voller Militärkontrollen. „Das ist so, als ob man die USA mit einem Himmelfahrtskommando von Venice Beach aus erobern will“, spottete „Caracas Chronicles“. Goudreau lancierte indes von Florida aus ein Video im Kampfdress und verkündete, die Operation laufe weiter, 52 Mann seien im Einsatz. Maduro festzunehmen, sei missglückt, nun gebe es einen Partisanenkrieg.

Maduro verglich den Vorfall mit der missglückten Schweinebucht-Invasion. Guaidó sprach derweil von einem Manöver, um ihn festzunehmen und die Repression gegen Oppositionelle zu verschärfen. „Die missglückte Invasion war ein gefundenes Fressen für Maduro zum perfekten Zeitpunkt“, twitterte Eric Farnsworth von der US-Denkfabrik „Rat der Amerikas“.

Mittlerweile läuft die Propagandamaschine des Regimes auf Hochtouren. Begleitet von Journalisten wurde noch ein weiteres Kommando gestellt, US-Personalausweise der Milizionäre, ihre Ausrüstung und ein Stahlhelm mit US-Flagge publiziert. In einem der Videos gestand der US-Söldner Luke Denman, US-Präsident Donald Trump habe die ganze Aktion organisiert. „Es ist ein weiterer Sieg Maduros über eine ungeschickte, schwache Opposition“, bilanziert „Caracas Chronicles“. Sandra Weiss

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