Nachdenken über einen Begriff : Freiheit ist der Schlüssel zum Licht

Freiheit könnte ein so machtvoller Ausdruck sein. Aber wofür steht er eigentlich? Eine Sinnsuche zum FDP-Dreikönigstreffen.

Der Weg zum Licht: Die FDP trifft sich zu ihrem traditionellen Dreikönigstreffen
Der Weg zum Licht: Die FDP trifft sich zu ihrem traditionellen DreikönigstreffenFoto: imago/Müller-Stauffenberg

Freiheit – das Wort dieser Tage. Schauen wir auf die Freien Demokraten, ihr Dreikönigstreffen: Da kommt es wieder. Ja, aber erleben wir nicht gerade eine Krise des Begriffs?

Freiheit: „Die Welt hat nie eine gute Definition für das Wort Freiheit gefunden“, wusste schon US-Präsident Abraham Lincoln im 19. Jahrhundert. Bis heute hat sich daran nur insofern etwas geändert, als sich immer mehr Parteien an der Definition versuchen. Was aber zu begrüßen ist, weil aus der Auseinandersetzung mit dem Wort fortdauernde Sinnsuche folgt.

Dabei ist das der Urgrund. Alle Welt will sie, braucht sie, die persönliche, die politische, die unternehmerische, die künstlerische, die Freiheit des Einzelnen, die Freiheit des Anderen. Die Freiheit der Meinung, die Freiheit zu etwas, die Freiheit von etwas, wie es der frühere Bundespräsident Joachim Gauck sagte. Und alle Welt nimmt für sich die Vorteile der Freiheit gerne an – muss aber an die Pflichten, die daraus erwachsen, erinnert werden.

Inzwischen werden Preise für Freiheit verliehen, der Brandenburger Freiheitspreis alle zwei Jahre. Warum? Um den Gedanken der Freiheit hoch zu halten und nicht nur ihr Andenken. Weil die Zeiten so sind: Freiheit ist das Thema, wo wir auch hinschauen, welchen Bereich wir anschauen, politisch, sozial, digital. Überall geht es um Freiheit, die der Menschen, der Gedanken, des Geistes, im bürgerrechtlichen, im marktwirtschaftlichen, im wahrhaft liberalen Sinn.

Es ist eine Lehre aus der Leere. Freiheit bleibt vor allem dann nur ein Wort, wenn sie nicht erlebbar ist. Voraussetzung dafür, dass Freiheit sich durchsetzt, sind freie Meinungsäußerung und Rechtsempfinden. Wenn das unbestritten ist, gibt es eine sinnvolle Erörterung der Bürgerrechte.

Dazu passt ein Satz von Robert Kennedy, dem besten Präsidenten, den die USA nie hatten. Als er 1963 von Freiheit und Verantwortung sprach, sagte er, die freie Rede sei „in der Nacht der Tyrannei der Schlüssel zum Licht“. Weniger pathetisch ausgedrückt: Sagen, was ist, ist der erste Schritt auf dem Weg zu dem, was sein soll – eine Verbesserung der Verhältnisse. Kennedy dachte an die tyrannischen Anführer seiner Zeit. Seine Rede passt aber auf die Anführer aller Zeiten und in allen Ländern, auch in seinem.

Freiheit darf kein anderes Wort für Desillusionierung sein

Sinnsuche ist das eine, doch muss sie zu Ideen führen, wie Freiheit immer wieder neu zu entwickeln sei. So erklärt sich zumindest in Teilen der Ansehensverlust des Begriffs. Freiheit scheint gegen (falsch verstandene) Sicherheit zu verlieren: Eher soll alles bleiben, wie es ist; ein Aufbruch oder Umbruch kann ja Unsicherheit bedeuten. Lieber soll ungesagt bleiben, was ist; die Wahrheit kann unangenehm sein und zur Veränderung drängen. Eine Wahrheit aber, die ungehört bleibt, entfaltet keine soziale Kraft, entfacht keine Begeisterung über jeden Fortschritt, der erkämpft worden ist, fördert keine Bereitschaft, auf dem Weg zum nötigen Wandel voranzuschreiten.

Freiheit darf kein anderes Wort für Desillusionierung sein. Darum ist es gut, dass Redefreiheit zugleich das Recht zum Zuhören in sich trägt. Das gilt es nicht nur zu bewahren, sondern zu betonen – und wird zur bürgerrechtlichen Aufgabe in der liberalen Demokratie. So verstanden wird Freiheit umgekehrt politische Chiffre für Partizipation. Eine „Gerechtigkeitspolitik“ auf dieser Grundlage – wie von der zweimaligen Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan angemahnt – könnte zur Rückeroberung des Primats der Politik gegenüber ökonomistischem, technizistischem, schlicht instrumentellem Denken und Handeln führen.

Ein solcher Begriff von Freiheit würde somit zum Aufruf, eine Bürgergesellschaft zu schaffen, die neue, alternative Wege verantwortungsvoll erörtert und Problemlösungen übergreifend zu organisieren versucht. Also Freiheit als machtvoller Ausdruck eines supranationalen bürgerschaftlichen Zusammengehörigkeitsgefühls? Das wäre nicht die schlechteste Definition in diesen Zeiten.

Freie Demokraten müssen sich daran versuchen. Alle.

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