Ökologisch bewusstes Leben : Do Klimapolitik yourself!

Drei Tage lang klimabewusst leben? Bernd Matthies gibt Tipps. Eine Glosse.

Wer ökologisch bewusst lebt, der isst Rohkost.
Wer ökologisch bewusst lebt, der isst Rohkost.Foto: Frank Rumpenhorst/dpa-tmn

Mal ökologisch so richtig rumsauen – tut das noch jemand? Also, absichtlich oder doch zumindest mit, wie Juristen sagen würden, bedingtem Vorsatz? Schauen wir uns das mal praktisch an, beginnen wir heute Morgen mit 72 Stunden ökologisch bewusstem Leben. Das beginnt ganz früh, eigentlich schon am Vorabend. Da wäre nämlich Gelegenheit gewesen, die wegen der kühlen Nächte womöglich schon eingeschaltete Heizung wieder auszumachen – am Gerät selbst oder an den Heizkörperthermostaten.

Im Badezimmer lassen wir die elektrische Zahnbürste ebenso wie den Elektrorasierer im Schrank und verrichten alle kosmetisch gebotenen Maßnahmen per Hand, ohne allzu genau nachzurechnen, ob die Öko-Bilanz der Nassrasur mit schnell verschleißenden Klingen und Schaum aus der Blechdose nicht doch eventuell… Und der Zahnarzt hat zwar auf Elektroeinsatz bestanden, aber was schadet ein bisschen Karies, wenn es mit der Welt zu Ende geht?

Badewanne ist verboten, klar. Aber auch unter der Dusche gilt heute ein strenger Klima-Kodex. 37 Grad maximal, und das auch nur, solange es unbedingt sein muss. Wasser stopp also beim Einschäumen der Haare und des Körpers mit – oh, oh – Duschgel aus der Plastikflasche, dann schnell wieder abspülen und abtrocknen, denn Reibung erzeugt die in diesem Fall fehlende Wärme. Die Rufe der Kinder („Mama, mir ist kalt!“) werden mit einem Killer-Argument quittiert: „Wer war denn hier für den Klimastreik?“

Nach der Morgentoilette folgt das Frühstück, der nächste harte Prüfstein für alle, die ernst machen wollen. Im Kühlschrank stehen Eier, Butter und Nutella, drei der größten Feinde eines gottgefälligen Klima–Ernährungsverhältnisses. Wir könnten nun sagen, dass die nun mal da sind und es ethisch doch irgendwie sinnvoller wäre, sie zu essen und nicht wegzuwerfen – aber darüber denken wir nach den 72 Stunden noch mal nach. Heute gibt es also Dinkelmüsli aus regionalem Anbau mit Hafermilch und den Dörräpfeln von neulich. Eine Prüfung.

Der Haushalt ist eine Quelle lässlicher Sünden

Am klimagünstigsten wäre an diesem Tag, den Streik einfach nach Hause zu verlegen und im Schutze dicker Pullover all jene – selbstverständlich gedruckten – Bücher zu lesen, die darauf schon seit Jahren warten. Geht aber nicht, am Wochenende vielleicht. Aus dem Kinderzimmer dringt ein schriller Schrei, „Ey, was ist mit dem fucking Internet?“ Ja, antworten wir kühl, der Router sei aus Gründen der Energieersparnis abgeschaltet, es werde aber am Abend eine Stunde Internetzeit für das Allernötigste geben. Und die Handys bleiben aus! Der Proteststurm wird noch lauter‚ als sich herausstellt, dass der Schulweg heute, sofern unabwendbar, nicht mit dem Auto angetreten wird, weder mit dem Diesel noch mit Mamas Cabrio noch mit dem staatlich geförderten E-Auto, das sowieso entladen ist, weil der Elektriker noch nicht da war, um den Anschluss zu flicken.

Der platte Fahrradreifen wird mit der Hand aufgepumpt, dann geht es mit null Emission zur Schule beziehungsweise zum nächsten Bahnhof, wo die in diesem Monat wenig genutzte Monatskarte ihre Chance bekommt, warum heißt die eigentlich noch nicht Klimaschutzkarte? Halt, wer bringt heute den Hund raus? Und wieso? Klimaschutzmäßig ist so ein Tier bekanntlich ein lebendes Diesel-SUV mit ständig laufendem Motor, aber es hängen nun mal Herzen dran, und, nein, einen nächsten gibt es garantiert nicht.

Der Haushalt ist eine weitere Quelle lässlicher Sünden. Der olle Wäschetrockner kann sowieso weg, und gut, die Bettwäsche müffelt nach der 30-Grad-Wäsche, aber das nehmen wir hin, gebügelt wird sie auch nicht mehr, stopft die irgendwie in den Schrank. Heute ist natülich Veggie-Day, aber der Vorschlag, Pizza zu machen, wird wegen zu hohen Stromverbrauchs abgelehnt – es gibt Rohkost, Salat und Tütengemüsebrühe, bio.

Am Abend rücken wir im Schein der LED-Stehlampe zusammen und reden über den Klimastreik, bis Oma anruft und für Sonnabend zum soeben gebackenen Pflaumenkuchen einlädt. Aber wie sollen wir dahin kommen? Eine Stunde Bahn und dann auf den blöden Bus warten, der nie kommt? „Auf lange Sicht“, hören wir uns sagen, „sollte sie zu uns ziehen, ihr müsst dann halt in einem Kinderzimmer zusammenrücken.“ Oh, es wurde dann eine sehr lange Nacht im Zeichen des Klimawandels.

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