Präsidentschaftswahl in Russland : Schwere Wahl für Russlands Jugend

Als Hoffnungsträger für eine Demokratisierung des Landes taugen die jungen Russen nicht. Entweder haben sie sich mit dem System Putin arrangiert oder sie wandern aus. Ein Essay.

Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Wahlkampfauftritt vor russischen Jungwählern, die ähnlich konservativ denken wie ihre Eltern.
Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Wahlkampfauftritt vor russischen Jungwählern, die ähnlich konservativ denken wie...Foto: Alexey NIKOLSKY/AFP

Alina Terebina, eine junge IT-Spezialistin, auf der Krim, 28 Jahre alt, sagt: „Wir lieben Putin.“ Sie wäre höchst zufrieden, wenn er weitere zehn Jahre als Präsident im Kreml bliebe. Schließlich sei er „ein echter Mann“, der auf seine Gesundheit achtet, sich Politik nicht von anderen diktieren lässt und russische Interessen auf der Weltbühne vertritt. „Wir wüssten gar nicht, was wir in Russland machen sollen, wenn er geht.“

Aber so wie Alina Terebina denken nicht mehr alle, vielleicht sogar täglich weniger in Russland, wie sich seit einem Jahr beobachten lässt.

Es war im März 2017, als die Russen plötzlich wieder auf die Straße gingen. Protestzüge marschierten durch Moskau und andere Städte, um gegen Korruption und die russische Führung, allen voran Premier Dmitri Medwedew zu demonstrieren. Tausende. Zehntausende. Es erinnerte an die großen Proteste in Winter 2011/2012, als Fälschungen bei der Parlamentswahl die Russen aus ihren Häusern trieben. Menschen unterschiedlichster Altersgruppen – vereint in ihrer Unzufriedenheit. Neu war 2017 das Bild des Protests. Die vielen jungen Menschen, Schüler, Studenten, junge Berufstätige. Es marschierte Russlands neue Generation, und es drängte sich die Frage auf, was da wohl in Zukunft auf den Machtapparat in Moskau zukommt.

Es ist eine Frage, die 111 Millionen Russen am Sonntag beantworten können, dann ist Präsidentenwahl. Oder besser: könnten. Denn das Ergebnis vom 18. März ist so sicher wie Schnee im russischen Winter. Zumal der einzige ernstzunehmende Gegenkandidat für Putin, Alexej Nawalny, darf nicht teilnehmen. Wladimir Putin regiert seit 18 Jahren das Land und ein Ende seiner Regentschaft ist nicht in Sicht. Gewählt wird er vor allem dafür, dass er bisher politische Stabilität garantiert hat.

Putin wird gewählt, weil er bisher Stabilität garantiert hat

Die nächsten sechs Jahre unter ihm dürften daher wenig Neues bringen. Auch wenn Putin vor wenigen Tagen mehr Lohn, bessere Medizin und einen höheren Lebensstandard versprochen hat, fehlt es Russland an einer grundlegenden Strategie für die Zukunft. Putins schönen Worten steht eine düstere Realität gegenüber. Zwar hat zuletzt das Wirtschaftswachstum etwas angezogen, lag bei 1,8 Prozent im vergangenen Jahr, doch ist das viel zu wenig für Russland und weit entfernt vom starken Wachstum vor einigen Jahren. Die Wirtschaft lahmt, die Armut wächst. Fast 20 Millionen leben heute unterhalb der Mindesteinkommensgrenze.

Warum wenden sich die Wähler dann nicht von Putin ab? Weil es keinen anderen gibt, dem sie sich zuwenden könnten. Neue Köpfe fehlen, genau wie Ideen für das Land. Stattdessen hoffen viele weiterhin, dass Putin Reformen vorantreibt.

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Putins Wiederwahl gilt als sicher
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Russland hat mit Putin an der Spitze bisher keinen dramatischen Zusammenbruch erlebt. Die furchtsame Erinnerung an den Zerfall der Sowjetunion, an das Chaos und die Armut der 90er Jahre hat sich im kollektiven Gedächtnis festgesetzt. Genau wie der Eindruck, dies alles mit Putins Hilfe überwunden zu haben. Die 18 Jahre unter ihm fühlen sich für die Mehrheit der Russen nicht nach Stagnation an, sondern nach Sicherheit.

Tatsächlich genossen sie seit Putins erster Amtszeit, die im Jahr 2000 begann, bis zur Krim-Annexion 2014, auf die der Krieg in der Ukraine und die Sanktionen des Westens folgten, einen bescheidenen, langsam wachsenden Wohlstand. Eigenes Auto, Reisen ins Ausland, Flachbildfernseher oder Smartphones, die Verheißungen der Konsumgesellschaft waren für viele endlich erreichbar – erhebliche Einschnitte in ihre bürgerliche Freiheiten nahmen sie dafür billigend in Kauf. Politik interessierte sie nicht weiter, solange die sich nicht auf das Konsumverhalten auswirkte. So lässt es sich auch in einem autoritären System leben.

Die Wirtschaftskrise wurde mit Krim-Propaganda überspielt

Obwohl infolge der Krim-Krise die russische Wirtschaft einbrach und sich der Lebensstandard der Bevölkerung wieder verschlechterte, gelang es Putin mit massiver Propaganda und einer beinahe religiösen Verklärung der, aus russischer Sicht, Wiedervereinigung mit der Krim, die Menschen nicht nur auf Kurs zu halten, sondern sogar seine Zustimmungswerte deutlich zu steigern. Das Gefühl wieder eine respektierte Weltmacht zu sein, ließ viele die persönlichen Entbehrungen ertragen.

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Das Land müsse eben „stark sein“, bringt, stellvertetend für viele Elsa Sagdeewa, eine selbstbewusste junge Muslima aus der Teilrepublik Tatarstan, die Stimmung in der Bevölkerung zum Ausdruck. Die 26-Jährige ist weit in der Welt herumgekommen in der Welt und ein friedliebender Mensch: „Aber wenn jemand Russland etwas Schlechtes will, müssen wir bereit sein, zu antworten.“ Deshalb respektiert sie Putin, besonders seinen Kurs in der Außenpolitik: „Russland soll eine Rolle in der Weltpolitik spielen.“

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