Pressefreiheit in China : Verhängnisvolle Recherche

Der deutsche Journalismus-Student David Missal musste China verlassen – wegen einer journalistischen Arbeit über Menschenrechtsanwälte. Ein Porträt.

"Ausgewiesener" Experte: David Missal aus Osnabrück.
"Ausgewiesener" Experte: David Missal aus Osnabrück.Foto: Privat/David Missal/dpa

Den Humor hat er nicht verloren: „Bin jetzt offiziell ein ,ausgewiesener’ China-Experte (Wortspiel!)...“, twitterte David Missal am 8. August – da stand schon fest, dass sein Studentenvisum nicht verlängert wird und er Peking verlassen muss. Darüber hinaus ist an dem Fall nicht viel Lustiges zu verzeichnen.

Der 24-Jährige ist nach einem langen Flug inzwischen wieder zurück in Osnabrück, wo er herkommt. Das war so nicht geplant. Geplant war, dass David Missal sein dreijähriges Masterstudium im Fach Journalistik an der Pekinger Tsinghua Universität fortsetzt. Dafür hatte er ein Stipendium. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und das China Scholarship Council hatten ihn für das Programm ausgewählt, wie der DAAD mitteilte, der zugleich die „die aktuellen Entwicklungen im vorliegenden Einzelfall“ bedauerte.

Die Polizei wurde auf ihn aufmerksam

Der Einzelfall besteht darin, dass Missal sich als Seminararbeit im Fach Multimedia als Thema gewählt hatte, über Menschenrechtsanwälte zu berichten. Er wollte einen Film drehen. Dass Menschenrechte und deren Verteidiger ein heikles Thema in China sind, war auch Missal klar. Aber er fand in Lin Qilei einen unerschrockenen Anwalt, der sich begleiten ließ. Retrospektiv sieht Missal in einer gemeinsamen Fahrt zu einem Gefängnis in Wuhan den Moment, der die chinesischen Behörden zu ihren Sanktionen bewog. In Wuhan hat Lin im Mai einen Mandanten besucht, dessen Prozess bevorstand (im Juli fiel dann das Urteil).

Missal hat vor den grauen Mauern gewartet – und beim Herumspazieren („Da war ein kleiner See, darin Schwäne und ihre Küken“) den Argwohn der Polizei auf sich gezogen. Er wurde verhört und danach beschattet, wie er haarklein auf seiner Homepage berichtet. Danach hatten die Behörden ihn im Visier – und als er sein Visum zur Verlängerung einreichte, bekam er es ungültig zurück, versehen mit der Aufforderung, das Land zu verlassen. Die Begründung ist, dass sein Studentenvisum seine journalistische Arbeit nicht gedeckt habe. Entsprechende Vorwürfe eines Kommentators im Internet kontert Missal wie folgt: „Ich war in einem Journalismus-Master an einer staatlichen Uni eingeschrieben. Wie dieser Abschluss zu erreichen sein soll, ohne journalistisch zu arbeiten, müssen Sie mir mal erklären.“

Der DAAD teilte mit, dass der Entzug des Visums nicht die Beendigung des Stipendiums bedeute. Und das Video, das David Missal über den Anwalt Lin gedreht hat, ist online.

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