Putin und Salman bei G20 : Kumpane mit blutigen Händen

Der Handschlag von Putin und Salman in Buenos Aires ist ein Moment der Wahrheit. Die beiden eint der Wille zur kaltblütigen Tat. Ein Kommentar.

Mohammed bin Salman und Wladimir Putin in Buenos Aires
Mohammed bin Salman und Wladimir Putin in Buenos AiresFoto: dpa/kyodo

Zwei Hände fliegen aufeinander zu, sie klatschen zusammen, sie greifen sich fest. Zwei Blicke suchen sich, finden sich, der eine grinst, der andere lacht. Es könnten zwei Abenteurer sein, die sich im ewigen Eis begegnen. Es könnten zwei Bandenbosse sein, vor einem gemeinsamen Friedensmahl, eine Szene aus einem Gangsterfilm. Doch es sind zwei der mächtigen Staatslenker dieser Welt, die sich auf diese Weise begrüßen. Der eine hat gerade nach Erkenntnissen des CIA mit „hoher Sicherheit“ einen kaltblütigen Mord begehen lassen. Der andere hat vor wenigen Tagen die Kriegsmarine seines Nachbarlandes attackiert, es gab Verletzte, er ließ die Schiffe kapern, die Matrosen einsperren.

Szenen in der Politik gibt es, da stockt Beobachtern der Atem. Haben wir das gerade richtig gesehen? Ja, wir haben. Wir haben gerade gesehen, wie sich Russlands Präsident Wladimir Putin und der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman vor Beginn des G-20-Gipfels in Buenos Aires begrüßt haben, als seien sie – Kumpane.

Kumpelhafte Nähe

Es ist eine Geste aus der Welt der Sportsfreunde, der Abenteurer, der Zocker. Es ist eine Geste der Anerkennung, des Respekts, der kumpelhaften Nähe, die viel weitergeht als ein bloßer Handschlag. Sie signalisiert Sieg und Zustimmung, es schwingt stets ein dickes „Wir“ mit, zum Zeichen der Bruderschaft im Geiste. „Das ist uns doch bestens gelungen“, „wir sind cool“ – das sind die Sätze, die jeder im Stillen mitdenkt.

Wer sich vor den Kameras dieser Welt, vor einem globalen Millionenpublikum, so aufführt, der weiß, was er tut. Und doch ist es keine aufgesetzte Szene. Man nimmt beiden ab: In diesem Moment sind sie beide, Herrscher auf je eigene Art, ganz bei sich. Es ist ein kurzer, aber großer Moment der Authentizität im ansonsten protokollgesteuerten Ablauf internationaler Konferenzen. Es ist: ein Moment der Wahrheit. Und diese Wahrheit ist zynisch, ja geradezu obszön in Anbetracht der Opfer, die ihre Politik in die Gräber der Weltgeschichte befördert hat. Die Zahl geht in die Tausende.

Wir erleben derzeit eine ungeahnte Verrohung der Politik, eine Grenzverschiebung ins Totalitäre. Die Rückkehr des „starken Mannes“ bringt eine verstörende Anerkennung von Lug, Trug und Brutalität mit sich. Es werden wieder Angriffskriege geführt, es wird ohne Scham gemordet, von ganz oben verordnet. Ja, es gibt eine Bruderschaft zwischen Putin und bin Salman – eine Bruderschaft im Blut.

Krieg und Annexion

Der eine führt im benachbarten Jemen einen Krieg, der die größte humanitäre Katastrophe dieses Jahrhunderts ausgelöst hat. Der andere hat Aufstände grausam unterdrückt, der Ukraine die Krim entrissen und unterstützt in Syrien den finstersten Despoten des Nahen Ostens. Seine Cybersoldaten verursachen mit abgefeimten Kampagnen in den Netzwerken Verunsicherung im Westen.

Da passt, dass sich die beiden begrüßen wie Kumpane. Sie eint die Verachtung westlicher Werte, die Missachtung von Menschenrechten, der Wille zur kaltblütigen Tat. Dass Staaten keine Freunde haben, nur Interessen, ist nur die halbe Wahrheit. Manche Staaten werden von Despoten und Autokraten gelenkt. Wo die Gegner wittern oder Unsicherheit, begegnen sie dem: mit Spott oder mit Brutalität. Wo die aber Brüder im Geiste treffen, zollen sie Respekt - mit einem Handschlag wie in Buenos Aires. Einem der Eiseskälte.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

136 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben