• Rassismus, Heuchelei, eine verstrickte Führung: Und dennoch lebt der Traum von Martin Luther King

Rassismus, Heuchelei, eine verstrickte Führung : Und dennoch lebt der Traum von Martin Luther King

Die Unruhen nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd sind mehr als nur ein weiteres Kapitel in der Geschichte des amerikanischen Rassismus. Ein Gastbeitrag.

Ellen Hinsey
Im Gedenken an George Floyd. Demonstranten vor dem Lincoln Memorial in Washington, D.C., am 6. Juni.
Im Gedenken an George Floyd. Demonstranten vor dem Lincoln Memorial in Washington, D.C., am 6. Juni.Foto: /Joey Roulette / REUTERS

Ellen Hinsey, 1960 in Boston geboren, lebt als Dichterin und Publizistin in Berlin. Sie war Stipendiatin der American Academy und des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. Auf Deutsch erschien von ihr im Verlag Matthes & Seitz zuletzt der Gedichtband „Des Menschen Element“, auf Englisch bei Telos Press der Essayband „Mastering the Past: Contemporary Central and Eastern Europe and the Rise of Illiberalism“. Gregor Dotzauer hat ihren Text aus dem amerikanischen Englisch übersetzt.

Meine deutschen Freunde haben mich gebeten, zu erklären, was genau in den Vereinigten Staaten gerade vor sich geht. Sie wollen wissen, ob sich die letzten zwei Wochen von ähnlichen Ereignissen in der Vergangenheit unterscheiden. Die Antwort lautet Ja.

Was in den Vereinigten Staaten vor sich geht, unterscheidet sich von den Ereignissen in der Vergangenheit. Und es hat lange auf sich warten lassen. Denn die gegenwärtigen Proteste nach dem Tod von George Floyd sind nicht nur eine Antwort auf einen einzelnen Tod. Sie sind nicht einmal eine Antwort auf die scheinbar endlose Liste tragischer Vorfälle von Polizeigewalt im letzten Jahrzehnt.

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Nachdem sich immer mehr Menschen zu Wort gemeldet haben, kann kein Zweifel mehr daran bestehen, dass die Proteste eine kraftvolle Reaktion auf eine alltägliche Realität darstellen, die schon viel zu lange andauert: das Übel einer langen, bis heute andauernden Geschichte des institutionalisierten amerikanischen Rassismus.

Tief im Gefüge der Gesellschaft

In Amerika zu leben bedeutet, jeden Tag aufs Neue die tragische Art und Weise zu erleben, wie Rassenungleichheit das Leben des Einzelnen gefährdet und die Gesellschaft spaltet. Sie ist eine erdrückend allgegenwärtige Tatsache und in das Gefüge der amerikanischen Gesellschaft eingebettet, indem sie bei jedem, dem sie widerfährt, etwas verzerrt und zerstört, ob er nun schwarz ist oder weiß.

Es ist kein Klischee zu sagen, dass dort, wo ein Mensch nicht atmen kann, niemand atmen kann. „I can’t breathe“ ist daher nicht nur eine Angelegenheit von Schwarzen oder People of Color. Es betrifft alle Amerikaner, die in Frieden und Eintracht zusammenleben wollen. Es verhindert ein würdevolles Dasein und spiegelt eine Erfahrung, die der Dichter John Donne in dem Vers „any man's death diminishes me“ festgehalten hat: Jedes Menschen Tod ist mein Verlust. Rassismus ist eine kollektive Tragödie für Amerika.

Angesichts dieses institutionalisierten Rassismus haben die letzten vier Jahre gezeigt, dass es brandgefährlich es ist, wenn diejenigen, die in einem Land die politischen Führungspositionen bekleiden, andere ermutigen, rassistisches Unrecht zu begehen oder dieses billigen. Im Jahr 2017, nicht einmal acht Monate nach Beginn der Trump-Präsidentschaft, sahen die Amerikaner während einer Kundgebung von White-Supremacy-Anhängern in Charlottesville, wie das Unvorstellbare seinen Lauf nahm.

Das Weiße Haus sieht schweigend zu

Eine furchteinflößende Fackelparade zog vorüber, bei der eine friedliche Demonstrantin, die 32-jährige Heather Heyer, überfahren und 28 weitere Menschen verletzt wurden. Eine Kundgebung, die das Weiße Haus mehr als stillschweigend duldete.

Mit diesem und anderen Vorfällen, die man gar nicht vollständig aufzählen kann, haben der Präsident und seine Regierung eine Rückkehr zu den schlimmsten Zeiten Amerikas eingeleitet und Befürchtungen geweckt, dass derart Verblendete sich zu zusehends brutaleren Gewalttaten ermuntern lassen.

Diese Befürchtung wird von Statistiken gedeckt. Laut einem Ende 2019 veröffentlichten FBI-Bericht stellte das Jahr 2018 ein Sechzehnjahreshoch an Angriffen dar, die durch „bias or prejudice“ – Realitätsverzerrung oder Ressentiment – motiviert waren.

Die gegenwärtige Pandemie hat dazu beigetragen, die Ungleichheiten in der amerikanischen Gesellschaft, in der schwarze Amerikaner unverhältnismäßig häufig an Covid-19 sterben, hervorzuheben. Schwarze Amerikaner machen ein Viertel aller Todesfälle aus, bei einem Bevölkerungsanteil von lediglich 13 Prozent. Niedriger bezahlte Jobs bedeuten, dass schwarze Amerikaner im Dienstleistungsgewerbe eher an vorderster Front stehen oder Berufe mit höherem Ansteckungsrisiko ausüben. Der endemische Rassismus und Trumps Versagen als Führer hat schwarzen Amerikanern tatsächlich viele Leben gekostet.

Polizeigewalt geht Hand in Hand mit Solidarität

Gelegentlich kommt es aber auch in den schlimmsten Zeiten zu unerwarteten Ereignissen, die das Großherzigste in Männern und Frauen zum Vorschein bringen. Die beiden letzten Wochen lebten zwar von anhaltender Polizeibrutalität, Unterdrückung der Medien und weitere tragischen Vorfällen, darunter der Tod von mehr als einem Dutzend Menschen, die wie David McAtee und Italia Kelly Opfer verirrter Kugeln wurden. Doch sie erlebten auch ungeheure Solidarität und die Überwindung von Rassenschranken.

Beispiele gibt es in Hülle und Fülle – etwa den Dialog zwischen Demonstranten und der Polizei am 30. Mai, als der Sheriff von Michigan, Christopher Swanson, vor einer Menge von Demonstranten den Helm abnahm und seine Männer hinter ihm ihre Schlagstöcke niederlegten.

Die Polizei verzichtete auf Tränengas oder Pfefferspray. Stattdessen fragte der Sheriff die Demonstranten, was sie wollten. Sie antworteten: „Hören Sie uns zu“, „Gehen Sie mit uns.“ Und so geschah es. Damit entstand ein Präzedenzfall, der sich seither im ganzen Land wiederholt.

Später am selben Abend in Flint wiederholte ein Schwarzer, der an dem Demonstrationszug teilnahm, als Reaktion auf die Niederlegung der Polizeiwaffen bis in die Nacht hinein die vier entscheidenden Worte von Dr. Martin Luther King: „I have a dream“.

Martin Luther Kings Traum ist noch lebendig

Seine Äußerung zeigt, dass Dr. Kings Traum in Amerika weder jemals gestorben ist, noch tragischerweise jemals Erfüllung fand. Seitdem sind drei Generationen von Amerikanern ohne die Zusicherung von Gerechtigkeit und Gleichheit vor dem Gesetz aufgewachsen.

„I can’t breathe“ spiegelt die einfache Tatsache wider, dass schwarze amerikanische Bürger Tag für Tag damit rechnen müssen, Opfer von Racial Profiling, Verhaftungen, Polizeibrutalität oder Schlimmerem werden – wie es bei George Floyd der Fall war.

Dr. Kings Traum erwachte inmitten der schlimmsten Zeiten, zwischen Krieg und Lynchmorden. Entsprechend könnte „I can't breathe“ kein treffenderer Ausdruck sein, um die gegenwärtige Situation zu beschreiben. Das ist Amerika im Jahr 2020, wie es unter einer Wolke von unverhohlenem Rassismus, schuldhaft darin verstrickter Führung und Heuchelei auf höchster Regierungsebene um Atem ringt.

Aber Dr. King verstand, dass der einzige Weg darin besteht, das Übel des Rassismus gemeinsam zu überwinden. Tatsächlich geschieht gerade Außerordentliches in Amerika. Es hat lange auf sich warten lassen. Ob es eine dauerhafte Befreiung mit sich bringt oder eine weitere Tragödie, muss sich zeigen. Aber unter uns gibt es einige, die noch einen Traum haben.

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