Rechtsextreme Szene ändert sich : An Springerstiefeln nicht mehr zu erkennen

Jung, hip, rechtsextrem – so tritt die Szene immer häufiger auf. Ein Buch beleuchtet "Das Netzwerk der Neuen Rechten". Eine Rezension.

Martin Sellner, Anführer der Identitären Bewegung, bei einer Demonstration 2017 in Berlin.
Martin Sellner, Anführer der Identitären Bewegung, bei einer Demonstration 2017 in Berlin.Foto: imago/IPON

An Springerstiefeln sollt ihr sie nicht erkennen. Das wird jedem sehr schnell klar, der die Recherchen der „Zeit“-Reporter Christian Fuchs und Paul Middelhoff liest, die unter dem Titel „Das Netzwerk der Neuen Rechten“ erschienen sind. Es ist ein umfassendes Kompendium zu den vielen Institutionen, Publikationen und Personen, die sich im rechtsradikalen Milieu tummeln. Und die, für die Demokratie nicht ungefährlich, die Diskurse in der Republik mitbestimmen, manchmal sogar diktieren.

„Jung, hip, rechtsextrem“ ist etwa das Kapitel über die Identitäre Bewegung überschrieben, jene Organisation, die gerade wieder Aufsehen erregte, weil ihr österreichischer Anführer Martin Sellner – bestens vernetzt mit Pegida-
Anführer Lutz Bachmann – eine Spende von dem Christchurch- Attentäter erhalten hatte.

Die Autoren sprechen von einem Netzwerk von mehr als 130 Stiftungen, Vereinen, Medien und Kampagnen.
Die Autoren sprechen von einem Netzwerk von mehr als 130 Stiftungen, Vereinen, Medien und Kampagnen.Foto: Rowohlt Verlag

Vernetzt ist das Stichwort, das sich durch das Buch zieht. Es ist nicht aufgebaut wie ein Lexikon, was es etwas übersichtlicher gemacht hätte. Reportage reiht sich an Reportage. Das ist einerseits gut lesbar, andererseits kommen wichtige Protagonisten der Neuen Rechten wie Jürgen Elsässer („Compact“-Magazin), Götz Kubitschek (Institut für Staatspolitik Schnellroda) oder Björn Höcke von der AfD jeweils mehr als dutzendmal vor.

Unter der Überschrift „Deutsche Patriotinnen“ werden die wenigen Frauen der Szene abgehandelt, von Aktivistinnen am rechten Rand des demokratischen Spektrums wie der ehemaligen CDU-Politikerin Vera Lengsfeld bis zur Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck und der NSU-Terroristin Beate Zschäpe. Einigen könnten sich die meisten der neurechten Frauenrechtlerinnen auf den „islamkritischen Feminismus von Alice Schwarzer“, heißt es.

Die Grenzen zum Rechtsextremismus verschwimmen, das ist die Schlussfolgerung der beiden Autoren. Publizisten wie Roland Tichy und Henryk M. Broder schimpften über den Titel: „Denunziation politisch Andersdenkender“. Im Internet werden die Autoren massiv bedroht. Es gab Versuche, das Buch juristisch zu stoppen. „Bisher konnten den Autoren jedoch keine Fehler nachgewiesen werden“, vermeldet der Verlag stolz.

Christian Fuchs, Paul Middelhoff: Das Netzwerk der Neuen Rechten, Rowohlt Verlag, 16,99 Euro

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