Russland : Kein Mitleid mit den Oligarchen

Die USA haben Sanktionen gegen russische Milliardäre aus Wladimir Putins Umfeld verhängt. Die Bevölkerung fragt sich, warum sie solidarisch sein soll.

Jutta Sommerbauer
Die wachsende Armut der Bevölkerung ist das größte Problem, gibt Regierungschef Medwedew zu.
Die wachsende Armut der Bevölkerung ist das größte Problem, gibt Regierungschef Medwedew zu.Foto: Sergej Karpukhin,Reuters

Das russische Staatsfernsehen hatte seinem Publikum kürzlich eine heikle Angelegenheit zu erklären: die Milliardenverluste russischer Oligarchen als Folge der neuen Sanktionen der Vereinigten Staaten. In den Abendnachrichten zeigte es die markanten Vermögensverluste von Russlands reichsten Männern auf Schaubildern und beklagte die amerikanische Verschwörung.

Washington hatte wegen der mutmaßlichen russischen Manipulationen im US-Präsidentschaftswahlkampf 17 hohe russische Staatsdiener, sieben Unternehmer und zwölf ihrer Firmen abgestraft, da sie als staatsnahe Unternehmen in „bösartige Aktivitäten“ verwickelt gewesen seien. Als Folge verlor der Rubel innerhalb von ein paar Tagen rund zehn Prozent seines Wertes. Erstmals seit Dezember 2016 kostete in den Wechselstuben ein Dollar umgerechnet 65 Rubel, und für einen Euro musste man 80 Rubel auf den Tisch legen. Seither schwankt der Kurs hin und her, was die russischen Währungshüter aber kaum beunruhigen muss.

Um 7,5 Milliarden Dollar ärmer

Doch nicht nur die russische Währung hat wieder einmal an Wert verloren. Nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters soll das Vermögen von Oleg Deripaska, Viktor Vekselberg und Suleiman Kerimow um insgesamt 7,5 Milliarden Dollar eingebrochen sein. Das ist natürlich ein rein theoretischer Wert, da keiner der beiden ausgerechnet unter diesen Umständen versuchen würde, Anteile seiner zahlreichen Investitionen in Bargeld umzumünzen. Und irgendwann steigen die Kurse ja wieder. Mancher der Staatsdiener und Oligarchen aus der unmittelbaren Nähe des russischen Präsidenten Wladimir Putin hat das Vermögen ohnehin längst schon pro forma an Ehefrauen, Söhne und Töchter übertragen. Die sind nicht von den Sanktionen betroffen. Aber internationale Investoren zogen Kapital aus Angst vor Strafmaßnahmen ab, das ist tatsächlich schmerzhaft. Die Kapitalflucht aus Russland hatte in den letzten Monaten ohnehin wieder zugenommen.

Die Nachricht von den Vermögenseinbrüchen der Oligarchen zu verkaufen, das war eine Gratwanderung für die russischen Fernsehmoderatoren. Denn wie sollten sie patriotische Solidarität für eine Personengruppe schaffen, die nicht besonders beliebt ist? Für Leute, die ihren Reichtum in der Grauzone der Transformationszeit unter dubiosen bis offen kriminellen Umständen angehäuft hatten. Und die einen Lebensstil führen, der unsagbar weit vom Alltag der meisten Russen entfernt ist.

Keine Angst um den Rubel

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow verkündete kurz vor der Verhängung der US-Sanktionen, in Russland gebe doch es schon lange keine Oligarchen mehr. Allein: die Mehrheit der Bevölkerung denkt anders darüber. Laut einer aktuellen Umfrage des Kreml-nahen Instituts Wziom sind 94 Prozent der Befragten überzeugt, dass es bis heute Oligarchen in Russland gibt. 44 Prozent befanden, dass die politischen Einfluss ausübenden Unternehmer mehr Schaden als Nutzen für ihr Land bringen. Der Chef von Wziom, Waleri Fjodorow, erklärte, die Russen sähen Oligarchen als eine „Realität“.

Von dieser Realität der oberen Zehntausend sind die Besucher des Einkaufszentrums „Europa“ weit entfernt. Auf dem Vorplatz des Shoppingtempels erinnert ein übermannshohes, rotierendes Euro-Zeichen an die europäische Leitwährung. Das mehrstöckige Shoppingzentrum ist beliebt. Hier findet man zwar viele Geschäfte mit westlichen Marken, aber keine Luxusläden. Viele junge Menschen verbringen hier einen Teil ihrer Freizeit, Familien spazieren mit ihren Kindern durch die glitzernden Gänge. Es ist ein Ort des Vergnügens für die städtische Bevölkerung, die sich ein wenig Konsum leisten kann.

Besorgnis wegen des Rubeleinbruchs ist hier nicht zu bemerken – weder haben sich Schlangen vor den Wechselstuben gebildet, noch kommt es zu Hamsterkäufen westlicher Waren. Die Russen, so scheint es, haben sich an die Realität ihrer schwankenden Währung gewöhnt. Ein paar Prozentpunkte auf und ab, das kann niemanden mehr erschrecken. Die Abwertung spürt zunächst einmal sowieso nur eine Minderheit der Russen – die Bevölkerungsschicht, die sich Auslandsreisen leistet. Die werden nun sofort teurer. Warnungen der Experten, dass auch die Inflationsrate wieder steigen wird, werden erst einmal beiseite geschoben.

"Man verliert eben hin und wieder"

Anna Sergejewna, 31, ist ein typisches Beispiel für den russischen Mittelstand. Sie arbeitet für eine Kosmetikfirma und ist häufig in Europa und in Asien unterwegs. Doch beunruhigt ist sie nicht – vorerst. „Ich vertraue auf die Regulierung der Krise durch die Regierung“, sagt sie. Und die Führung beruhigt. Notenbankchefin Elwira Nabiullina erklärte kürzlich, die Finanzstabilität des Landes sei nicht in Gefahr.

Solange westliche Konsumprodukte nicht empfindlich teurer würden, betreffe der Einbruch sie persönlich nicht, vermutet Sergejewna. Und die Verluste der Oligarchen? Nein, Mitleid mit den einflussreichen Männern habe sie keines. „So ist das nun einmal im Geschäftsleben. Man verliert eben hin und wieder“, sagt Sergejewna. „Mal bei Geschäften, mal bei Kursverlusten.“ Sie selbst verfolge die Kursschwankungen nicht. „Ich habe nicht einmal einen Fernseher“, sagt die 31-Jährige. „Ich lese Bücher und gehe in Ausstellungen.“

Viele Probleme sind hausgemacht

Während Sergejewna einen pragmatischen Standpunkt vertritt, werden in der gegenwärtigen Krise auch patriotische Einstellungen bedient. Die große Boulevardzeitung „Komsomolskaja Prawda“ schwor seine Leser auf kämpferischen Zweckoptimismus ein: „Der Rubel beugt sich unter den Sanktionen, aber er ergibt sich nicht.“ In der aufgeheizten Ost-West-Stimmung wird von vielen die Entscheidung der US-Regierung tatsächlich als Maßnahme wahrgenommen, die Russland und seine Bevölkerung in die Knie zwingen soll.

Gleichzeitig herrscht auch ein Bewusstsein darüber, dass viele Probleme im heutigen Russland hausgemacht sind. Immer mehr Menschen können sich immer weniger leisten. Die Realeinkommen sind in den vergangenen Jahren gesunken. Auch gibt es immer mehr Arme. Mehr als 20 Millionen Russen leben unter der Armutsgrenze. Dass die Zahlen alles andere als gut sind, musste zuletzt auch Regierungschef Dmitri Medwedjew vor den Abgeordneten der Staats-Duma eingestehen. Er nannte die Armut das „schwierigste Problem im heutigen Russland“ und die bisherigen Schritte „nicht ausreichend“.

Entfremdete Regierung

Der 60-jährige Alek Michailowitsch schwant in seiner Meinung hin und her. Einerseits interpretiert er die Sanktionspolitik der USA als „Versuch, uns in die Knie zu zwingen“, andererseits kritisiert er das Unvermögen der russischen Führung, die Lebensbedingungen der Bevölkerung zu verbessern. „Wir haben keinen richtigen Hausherren“, erklärt der Fahrer in Jeansmontur und kommt zu einem originellen Schluss: „Wir bräuchten einen Schweden oder einen Deutschen als Präsidenten.“ Doch war nicht Wladimir Putin im Wahlkampf mit dem Versprechen angetreten, weiterhin ein starker Präsident zu sein? Michailowitsch räsoniert: „Was bedeutet Stärke? Dass die Menschen gut leben oder dass wir Bomben haben, die jederzeit in unserer Tasche explodieren können?“

Die Führung achte zu wenig auf das Wohlergehen der einfachen Russen, kritisiert der Mann. Seine Tochter müsse etwa mit einem Monatsgehalt von umgerechnet 250 Dollar auskommen. „Wie soll man davon leben können und gar eine Maniküre bezahlen?“ Ein Essen in einem der nicht besonders eleganten Restaurants im Einkaufszentrum „Europa“ für zwei Personen kostet umgerechnet 40 Euro. Auch die Preise für Kleidung sind westeuropäisch. Für Michailowitsch, der sich noch gut an die schwierigen neunziger Jahre erinnern kann, sind die Oligarchen ein Feindbild. Dass sie die russische Wirtschaft dominieren, ist für ihn eine historische Ungerechtigkeit. Denn sie hätten in der Transformationszeit das Geld der Menschen gestohlen. „Unser Geld“, wie der 60-Jährige ernst sagt.

Gegensanktionen zurückgestellt

Die russische Regierung hat indes Hilfsmaßnahmen für die betroffenen Firmen angekündigt. Die Vorschläge reichen von der Einrichtung von Off-Shore-Zonen in Kaliningrad und auf der fernöstlichen Insel Russki bis hin zu Strafmaßnahmen gegen US-Produkte. So hat, das Parlament, die Staats-Duma einen Gesetzesentwurf angekündigt, der Einschränkungen oder Verbote für Güter wie Alkohol, Tabak, Agrarprodukte, Medikamente bis hin zu Raketentechnologie erlauben würde.

Nach Informationen des Zolls importierte Russland im vergangenen Jahr Güter im Wert von 12,5 Milliarden Dollar aus den USA. Einfuhrsperren würden aber nicht nur amerikanische Unternehmen treffen, sondern auch russische Konsumenten, die heute selbstverständlich US-Produkte nutzen. Der Kreml muss daher abwägen. Denn die Gegensanktionen, die als Reaktion auf die EU-Sanktionen erlassen wurden und die Einfuhr von europäischen Fleisch- und Milchprodukten verbieten, sind heute nicht besonders populär unter der russischen Bevölkerung. So wurden in Moskau neue Schritte gegen die USA erstmal zurückgestellt.

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