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Sachsen : Demonstranten marschieren nach Messerstecherei durch Chemnitz

In Chemnitz wird ein Mann erstochen. Gerüchte über nichtdeutsche Täter kochen hoch. Hooligans verabreden sich zum Protest, Videos zeigen Jagdszenen auf Migranten.

Stadtfest in Chemnitz
Stadtfest in ChemnitzFoto: Alexander Prautzsch/dpa

Nach einem tödlichen Streit in Chemnitz sind am Sonntagnachmittag Hunderte Menschen durch die Innenstadt gezogen. Das bestätigte eine Polizeisprecherin. Hintergrund ist der Tod eines 35-jährigen Deutschen nach einem Streit zwischen Menschen mehrerer Nationalitäten in der Nacht zum Sonntag nach dem Chemnitzer Stadtfest.

Wie die „Bild“ berichtete, seien unter den Demonstranten „gewaltbereite Rechte“, die gegen Ausländerkriminalität protestierten und Sprüche wie „Wir sind das Volk“ skandierten. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) berichtete von Rangeleien. Antifaschistische Aktivisten berichteten in sozialen Medien von Übergriffen auf Migranten. Die "Bild"-Zeitung berichtete von Jagdszenen auf Migranten.

Am frühen Nachmittag hatte zunächst die Alternative für Deutschland (AfD) zu einer Kundgebung aufgerufen. Diesem Aufruf waren nach Polizeiangaben mehr als 100 Menschen gefolgt. Diese Veranstaltung blieb laut Polizei störungsfrei.

Gegen 16.30 Uhr folgte die zweite Kundgebung, der deutlich mehr Menschen folgten. Die Polizei sprach (Polizeibericht) von rund 800 Menschen. Die Behörden mussten deswegen "zusätzliche Einheiten Bereitschaftspolizei nach Chemnitz" beordern, wie die Polizei mitteilte. Die Demonstranten setzten sich der Polizei zufolge unvermittelt in Bewegung und reagierten nicht auf Ansprache durch die Polizei. Auf ihrem Weg in die Innenstadt kam es aus aus der Gruppe heraus zu Flaschenwürfen auf die Polizei. Nach etwas mehr als einer Stunde zerstreuten sich die Demonstranten demnach. Die Polizei kündigte an, auch in der Nacht in der Innenstadt präsent zu sein.

Zu einem Protestzug aufgerufen hatten am Sonntag Anhänger des Fußballvereins Chemnitzer FC:

Auf Twitter verbreiteten sich Videos, die offenbar Szenen aus dem Aufmarsch der Demonstranten in Chemnitz zeigten. Zu hören waren etwa Sprechchöre "Wir sind das Volk".

Auf einem weiteren Video waren Rangeleien zwischen Polizeibeamten und Demonstranten zu sehen. Die Aufnahmen wurden offenbar nahe des zentralen Johannisplatz in Chemnitz gemacht.

Ein Video, das am Sonntag in Chemnitz aufgenommen worden sein soll, zeigt, wie Männer mit sächsischem Dialekt zwei mutmaßliche Migranten treten und auf eine befahrene Autobahn jagen. Ein Mann, der mutmaßlich zur Gruppe der Angreifer gehört, trägt ein T-Shirt mit dem Schriftzug "Tradition statt Invasion".

Die Stadt zeigte sich am Sonntagabend besorgt über die spontanen Demonstrationen im Stadtzentrum. „Wenn ich sehe, was sich in den Stunden am Sonntag hier entwickelt hat, dann bin ich entsetzt“, sagte Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) dem MDR. „Dass es möglich ist, dass sich Leute verabreden, ansammeln und damit ein Stadtfest zum Abbruch bringen, durch die Stadt rennen und Menschen bedrohen - das ist schlimm.“

Stadtsprecher Robert Gruner sagte: „Wir sind erschrocken, über die Menschenansammlungen, die passiert sind“. Man habe friedlich miteinander das Jubiläum der Stadt feiern wollen. Nun habe sich jedoch gezeigt, dass es richtig war, dass Stadtfest vorzeitig abzubrechen. Statt um 20 Uhr endete das Fest bereits um 16 Uhr. Grund waren laut seinen Angaben Sicherheitsbedenken. Zunächst hatte man Pietätsgründe angegeben.

Nach der Tat am Sonntagmorgen nahm die Polizei zwei Verdächtige fest

Bei dem Streit in der Nacht zum Sonntag waren zwei weitere Männer im Alter von 33 und 38 Jahren verletzt worden, zum Teil schwer, wie die Polizei Chemnitz mitteilte. Der Tote und die beiden Verletzten sind laut Polizei Deutsche. Bei dem Streit sollen Messer zum Einsatz gekommen sein.

Die Polizei nahm zwei 22 und 23 Jahre alte Männer vorläufig fest, die sich vom Tatort entfernt hatten. Zu deren Nationalität wollte die Polizei zunächst keine Aussage machen, da noch geprüft werde, ob und wie diese in die Auseinandersetzung involviert waren. Staatsanwaltschaft und Polizei ermitteln wegen Totschlags. An dem Streit mit nach ersten Ermittlungen maximal zehn Personen waren laut Polizei Männer mehrerer Nationalitäten beteiligt.

Der Grund für den Streit ist nach ersten Informationen unklar. Der tätlichen Auseinandersetzung war ein verbaler Streit vorausgegangen. Mehrere Personen waren danach vom Tatort geflüchtet. Kursierende Informationen, nach denen dem Streit eine Belästigung von Frauen vorausgegangen sein soll, bestätigten sich nach ersten Ermittlungen der Polizei nicht. Die Polizei rief auf Twitter dazu auf, sich nicht an Spekulationen zu beteiligen.

Das 35-jährige Opfer starb im Krankenhaus an seinen Verletzungen. Die beiden anderen verletzten Männer wurden ebenfalls ins Krankenhaus gebracht. Am Sonntag wurden Zeugen vernommen, sagte eine Sprecherin weiter. Aus ermittlungstaktischen Gründen wollte die Polizei zunächst keine weiteren Angaben machen. Aus Pietätsgründen entschieden sich die Veranstalter des Stadtfests am Sonntag in Chemnitz für eine vorzeitige Beendigung. Statt um 20 Uhr endete das Fest bereits um 16 Uhr, wie Sören Uhle von der Wirtschaftsförderung Chemnitz sagte. (Tsp, dpa, AFP)

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