• Schädel-Übergabe in Berlin: Staatsministerin Müntefering bittet Herero und Nama um Verzeihung

Schädel-Übergabe in Berlin : Staatsministerin Müntefering bittet Herero und Nama um Verzeihung

Deutsche Soldaten ermordeten ab 1904 zehntausende Herero und Nama. Nun hat sich SPD-Staatsministerin Müntefering für die Verbrechen entschuldigt - fast offiziell.

Staatsministerin Michelle Müntefering (SPD) mit Vertretern der Herero und Nama.
Staatsministerin Michelle Müntefering (SPD) mit Vertretern der Herero und Nama.Foto: imago/IPON

Das gibt es nicht alle Tage im Französischen Dom in Berlin: betretene deutsche Regierungsvertreter, ein nervöser Botschafter, Jubel und Pfiffe, afrikanische Gesänge, zwei Totenschädel – und eine fast offizielle Entschuldigung.

Objekte rassistischer Forschung

So lässt sich die Veranstaltung zusammenfassen, die am Mittwoch in der Französischen Friedrichsstadtkirche in Berlin stattfand. Unter der barocken Kuppel versammelten sich am Vormittag rund 450 Menschen. Der Anlass war die feierliche Übergabe von 27 sterblichen Überresten aus dem Völkermord an den Herero und Nama, den deutsche Kolonialtruppen ab 1904 auf dem Gebiet des heutigen Namibia begangen haben. Die Gebeine waren damals zur „Rasseforschung“ nach Deutschland gebracht worden.

Zwei der Schädel lagen nun mitten in der Kirche aufgebahrt in einer Vitrine. Davor saßen die festlich gekleideten Gäste aus Namibia: Frauen in aufwendig bestickten Kleidern und kunstvoll zum Dreieck gefalteten Tüchern auf dem Kopf. Begleitet wurden sie von Männern in bunten Paradeuniformen mit breiten Schulterklappen und goldenen Kordeln. Sie, die Gesandten der Herero und Nama, standen im Mittelpunkt der Veranstaltung. Gemeinsam mit Vertretern von Bundesregierung und Evangelischer Kirche feierten sie einen Gedenkgottesdienst, sangen Lieder und beteten zusammen für die Opfer des deutschen Vernichtungsfeldzugs in der ehemaligen Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“ vor mehr als 100 Jahren.

Menschliche Schädel, die zur Kolonialzeit nach Deutschland gebracht wurden - zum Zweck der "Rasseforschung".
Menschliche Schädel, die zur Kolonialzeit nach Deutschland gebracht wurden - zum Zweck der "Rasseforschung".Foto: imago/IPON

Manche der Herero und Nama nutzten die Gelegenheit auch für deutliche Kritik an der Bundesregierung. Dem namibischen Botschafter in Berlin, Andreas Guibeb, war das sichtlich unangenehm. Immer wieder blickte er nervös auf die Uhr, als die Herero- und Nama-Anführer auf die Bühne stiegen, um ihre Forderungen an Berlin aufzuzählen. Sie wollen, dass die Bundesregierung endlich die deutsche Schuld für den Völkermord anerkennt und sich offiziell dafür entschuldigt.

"Uns läuft die Zeit davon!"

Michelle Müntefering (SPD), Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt und der Namibia-Sondergesandte Ruprecht Polenz (CDU) hörten sich die Klagen regungslos an. Mit betretenen Gesichtern saßen sie in der ersten Reihe, als der Herero-Chef Vekuii Rukoro auftrat – und die Bundesregierung abwatschte. „Das ist ein riesiger Witz“, beschwerte er sich. Deutschland sollte sich endlich seiner Vergangenheit stellen und offiziell um Entschuldigung bitten. „Uns läuft die Zeit davon!“ Immer wieder erntete er kräftigen Applaus und Jubel. Warum wurde die Veranstaltung in einer Kirche statt einem offiziellen Regierungsgebäude abgehalten, fragte Rukoro. Und: Warum können Deutschland und Namibia nach fast vier Jahren Verhandlungen über eine Aussöhnung noch immer keine Ergebnisse vorweisen? „Mit unseren beiden Regierungen ist etwas faul“, rief Rukoro in die Kirche.

Staatsministerin Müntefering hatte dem nicht viel entgegenzusetzen. Sie könne den Verhandlungen zwischen Berlin und Windhuk nicht vorgreifen, betonte sie. „Deutschland steht fest zu seiner historischen Verantwortung,“ versicherte sie allerdings. Und dann sagte sie ihn doch noch, den lang ersehnten Satz: „Ich bitte Sie aus tiefstem Herzen um Verzeihung“, schloss die SPD-Politikerin ihre Rede.

Der Applaus der namibischen Delegation war freundlich. Immerhin hat Müntefering als Mitglied der Bundesregierung gesprochen – auch wenn sie ihre Entschuldigung nicht explizit im Namen der Deutschen vorbrachte. Das hätten sich die Nachfahren der Genozid-Opfer eigentlich gewünscht.

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