Schülerstreik : Schuleschwänzen für das Klima? Ja, bitte!

„Fridays for Future“ ist der Name der globalen Schülerinitiative, die freitags für den Klimaschutz demonstriert. Zu Recht demonstriert. Ein Kommentar. 

Saubere Luft und zwar für diese Erde, forderten Schüler bei dem Streik vor dem Berliner Reichstag im Dezember.
Saubere Luft und zwar für diese Erde, forderten Schüler bei dem Streik vor dem Berliner Reichstag im Dezember.Foto: Imago

Tausende Schülerinnen und Schüler wollen am heutigen Freitag die Schulpflicht verletzen. Statt im Unterricht zu sitzen und zu lernen, ziehen sie vor das Bundeswirtschaftsministerium: Schulstreik für Klimaschutz ist ihr Motto, und ihr Vorbild ist die schwedische Schülerin Greta Thunberg, die schon seit Monaten jeden Freitag streikt und mit ihren Auftritten bei der Klimakonferenz in Katowice und jetzt in Davos die Weltöffentlichkeit beeindruckt hat.

Natürlich dürfen sie das nicht

Ja, dürfen die Kinder und Jugendlichen das denn, einfach die Schule schwänzen um zu demonstrieren? Natürlich dürfen sie das nicht. Die Schulpflicht gilt, und die Schüler müssen mit Konsequenzen rechnen. Ihnen können ein unentschuldigter Fehltag oder Fehlstunden angerechnet werden, und wenn sie schon öfter geschwänzt haben, droht eine Schulversäumnisanzeige und gegebenenfalls ein Bußgeld für ihre Eltern. Tatsächlich ist es aber wahrscheinlich, dass viele Lehrer Verständnis haben und sich vielleicht sogar über das Engagement der Schüler freuen. Und die Schulen könnten pragmatischerweise einen Projekttag zum Klimaschutz ausrufen, oder das Ganze mit Lehrerbegleitung als Unterricht in politischer Bildung deklarieren, da gebe es einen Ermessensspielraum, heißt es aus der Berliner Schulverwaltung.

In den 80er Jahren hieß es: No Future

Die Frage ist sowieso, wer sich hier schwerer der Pflichtverletzung schuldig gemacht hat. Sind es nicht die Alten, die Erwachsenen, die eklatant versagen? Die ihrer Pflicht, die Lebensgrundlage ihrer Kinder und der kommenden Generationen zu erhalten und zu schützen, einfach nicht nachkommen?

Wer in den 80er Jahren aufgewachsen ist, erinnert sich vielleicht noch an das Gefühl der Fassungslosigkeit und Hilflosigkeit, das Kinder und Jugendliche angesichts der damaligen Umweltkatastrophen empfanden. Damals gab es Waldsterben, Ozonloch, Tschernobyl, Wettrüsten. „No Future“ war das Gefühl, und wenn doch eine Zukunft, dann für ein paar Überlebende im Atombunker, draußen tödliche Sonne, radioaktive Strahlung, baumlose Ödnis. Die Furcht vor einem solchen apokalyptischen Szenario war aus Jugendsicht real – und man konnte nicht fassen, dass die Erwachsenen so etwas zuließen, wenn doch offensichtlich war, dass etwas getan werden muss. So katastrophal ist es dann nicht gekommen, aber das lag nicht daran, dass das mit der Umwelt sowieso nicht so schlimm gewesen wäre, sondern das lag vor allem daran, dass damals relativ schnell wirksame Maßnahmen getroffen wurden: Es gab ein globales FCKW-Verbot, Autos bekamen Katalysatoren, Kraftwerke Entschwefelungsanlagen. Vielleicht ist aber bei den Kindern von damals, den heutigen Erwachsenen, die sich mit Trägheit hervortun, genau das hängen geblieben: So schlimm wird es schon nicht werden. Und das wäre fatal.

Es wird zu wenig getan. Und zu langsam

Greta Thunberg sagt, die Wahrheit sei, dass überhaupt nichts gegen den Klimawandel getan werde. Diese Ansicht ist verständlich, aber in dieser Absolutheit stimmt das natürlich nicht ganz. Es wird etwas getan, nur zu wenig und zu langsam. Es wird zum Beispiel mühsam um einen Kohleausstieg gerungen. Oder Beispiel Flugverkehr: Man hat sich international auf Grenzwerte geeinigt, wie viel CO2 Flugzeuge ausstoßen dürfen, und ab 2028 dürfen Flugzeuge, die diese Grenzwerte nicht erfüllen, nicht mehr produziert werden. Aber ab wann die bis dahin produzierten Flugzeuge nicht mehr fliegen, ist unklar. Gleichzeitig erwartet die Wirtschaft, dass der Flugverkehr weiter stark wächst, und in Berlin wird die Eröffnung des BER herbeigesehnt. Es sind diese Widersprüchlichkeiten, die man als Erwachsener zwar in ihrer Komplexität versteht, aber die Kindern und Jugendlichen irrsinnig vorkommen dürften.

Es ist wichtig, dass die Jungen sagen: Stopp!

Und deshalb, weil die Erwachsenen viel zu sehr in dieser Komplexität der Welt, in den Alltagsnotwendigkeiten verstrickt und davon auch gelähmt sind, ist es umso wichtiger, dass nun die Jungen sagen: Stopp – so geht es nicht weiter. Ihr verspielt unsere Zukunft, und dagegen streiken wir, auch auf Kosten der Schulpflicht. Lassen wir uns von ihnen aufrütteln.

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