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Marode Fußböden gehören zu den Mängeln, die häufig mit Hilfe des 7000-Euro-Programms behoben werden.

© Kai-Uwe Heinrich

Bildung in Berlin: Schulen müssen Paläste der Demokratie werden

"Bildung“ ist das Mantra der Funktionseliten. Doch das abgeschottete System Schule muss sich endlich öffnen. Ein Kommentar

Ein Kommentar von Caroline Fetscher

Als die Tafel abgewischt werden soll, berichtet die Berliner Lehrerin, sind nur die Mädchen zur Stelle. Es handelt sich um eine sogenannte Brennpunktschule. Nach dem Alphabet wären alle Teenager der Reihe nach dran, Ali, Ahmed, Aischa, Bülent, Betül – in der Klasse gibt es kein einziges muttersprachliches Kind.

Doch allein die Mädchen erledigen den Dienst. Die Lehrerin beschwert sich. „Wieso?“, widerspricht ein Junge. „Saubermachen ist Frauensache!“ Zustimmendes Murren im Raum. Zum Erstaunen der neuen Klassenlehrerin pflichten auch die Mädchen bei. „Das ist eben unser Job.“ Sie wollen den Jungen gefallen. So nicht, beharrt die Lehrerin. Es kommt zum verbalen Gerangel, Durcheinander, kleiner Aufruhr. Schließlich setzt die Lehrerin die Regel durch.

"Saubermachen ist Frauensache"

Bejaht und begriffen wurde der Sinn der Sache nicht. Aber wenigstens halten sich die Schülerinnen und Schüler jetzt an die Regel, und der Lehrer hofft, dass diese Übung sie lernen lässt. Schon im Kindergarten hätte jeder die Selbstverständlichkeit erfahren müssen, dass die Geschlechter gleiche Rechte haben. Und spätestens seit der Grundschule hätten alle geübt sein sollen, eigene Positionen mit Argumenten zu verteidigen. Seufzend konstatiert der Lehrer, dass womöglich nicht diese Generation erreicht wird, die Saat aber eventuell bei deren Kindern aufgeht. Eines Tages.

Dass einfache demokratische Prinzipien von Heranwachsenden als sinnwidrige Zumutung aufgefasst werden, ist ein Skandal, für den nicht die Jüngeren, die Lernenden verantwortlich sind, sondern die Älteren, die das System Bildung planen, aufbauen, ausbauen. Derart vieles liegt da im Argen, dass die aktuelle kleine Berliner Groteske symbolisch in vielerlei Hinsicht scheint. Schulen sollen einige hunderttausend Euro verlieren, die ihnen die Landeskasse zur Renovierung maroder Bauten spendiert hätte. Es fehlt an Personal, es mangelt an politischem Willen, bürokratische Hürden sind zu hoch, Ämter überfordert. Alle Beteiligten wären „dran“ gewesen, die Tafel zu wischen, kaum einer tat es. Das ganze System Schule scheint nicht attraktiv genug – für Planer, Lehrer, Schüler, alle. Der nächste Brandbrief à la Rütli wird kommen.

Ein paar tausend Euro für die Klosetts

„Bildung“ ist das Mantra der Funktionseliten, worum auch immer es geht, von A wie Armutsbekämpfung bis Z wie Zivilgesellschaft. Gute Schulen sollen die Garanten sein für den Erwerb staatsbürgerlicher Werte, für Wettbewerbsfähigkeit, gegen religiösen und anderen Fundamentalismus. Dazu müssten Schulen nicht länger „Einrichtungen“ sein, sondern, auch wenn es nach Pathos klingt, Paläste der Demokratie werden. Jeder Schulpalast mit Parlament, Sportplatz, Garten, Freiraum, jeder ohne Kosten für Sport, Musik, Nachhilfe, Sprachunterricht, Schulspeisung. Mittelfristig ginge es um Milliarden, nicht, wie jetzt in Berlin, um ein paar tausend Euro für das Reparieren von Klosetts. Langfristig würde man Milliarden sparen, etwa an Sozialhilfe und Haftkosten.

Frankreichs Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem rückt jetzt 250 Millionen Euro heraus, um Fächer wie Ethikunterricht und Staatsbürgerkunde zu fördern, Spracherwerb und laizistischen Unterricht über Religionen. Die Dynamik der Sache ist vertraut. Vor zehn Jahren hatte das Entsetzen der Lehrer über Billigung bis Begeisterung ihrer Schüler angesichts des Ehrenmordes an Hatun Sürücü dazu geführt, das Unterrichtsfach Ethik einzuführen. Ähnlich schockiert waren Frankreichs Lehrer über die Vielzahl an Schülern, die den Opfern der Terroristen in Paris offensiv das Mitempfinden verweigerten. „Il faut redonner à l’école toute son âme“, sagt Frankreichs Bildungsministerin, man müsse der Schule ihre Seele zurückgeben. Man müsse gegen Rassismus und Diskriminierung einschreiten, wieder Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit vermitteln.

1000 Frauen und Männer, darunter Juristen und Journalisten, werden als zusätzliche Ausbilder hinzugezogen, um der Initiative Anschub zu geben. Wer sich an Banlieue- Filme wie Laurent Cantets „Entre les murs“ ("Die Klasse")erinnert, ahnt nicht nur, sondern weiß, dass das nur ein tastender Anfang ist. Einer, der Deutschland gleichwohl mindestens so guttäte. Allein die Tatsache, dass 1000 Leute von außen in das abgeschottete System Schule Einblick erhalten, birgt enormes Potenzial. Das sind 1000 Zeugen, die Tausenden ihre Eindrücke mitteilen. Das schürt, im besten Sinn, gesellschaftlichen Dialog. Paläste lassen sich nicht so rasch bauen. Ein Projekt wie das der Franzosen ist aber auch hier im Land sofort möglich. Und nötig.

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