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Gerhard Schröder und Doris Schröder-Köpf. Sie drängt es mittlerweile selbst in die aktive Politik - Schröder-Köpf will in den niedersächsischen Landtag einziehen.
© picture-alliance/ dpa

Politikerfrauen: Seine bessere Hälfte

Früher versorgte sie Heim und Herd, heute drängt sie ins Rampenlicht: Was die Politikerfrau über neue und alte Rollenbilder verrät.

Von Patricia Wolf

Wie hieß eigentlich die Frau des ersten deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss? Wer war Nadjeschda Krupskaja? Und erinnert sich noch jemand an Charles de Gaulles Ehepartnerin?

Der Name Michelle machte vergangene Woche gleich zweimal die Runde. Zum einen sorgte Michelle Müntefering, die 31-jährige Ehefrau von Ex-SPD-Chef Franz Müntefering, mit ihrer Ankündigung, sich auf ein Bundestagsmandat bewerben zu wollen, für Geraune. Zum anderen rückte Michelle Obama, Amerikas First Lady, einmal mehr in den Fokus, seit sich eine erste Biografie des Paares auch und gerade mit ihr beschäftigt : „Die Obamas. Ein öffentliches Leben“. Die Dritte im Bunde ist Doris Schröder-Köpf, die zeitgleich mit Michelle Müntefering ankündigte, politisch aktiv werden zu wollen, im niedersächsischen Landtag in Hannover.

Doris und Michelle haben mit ihren Plänen nicht nur überschäumende Begeisterung ausgelöst, und man fragt sich warum. Seit über sechs Jahren wird Deutschland von einer Frau regiert – und wir haben mit Frauen in politischen Ämtern immer noch ein Problem? Oder vielleicht eher eins mit Dynastien? Die Menschen nehmen es mit Befremden wahr, wenn ein Politiker, dessen Karriere beendet ist, quasi in Erbfolge die Geschäfte auf seine Partnerin überträgt.

Autorin des Obama- Buchs ist Jodi Kantor, Korrespondentin der „New York Times“. Sie zeichnet das Bild der First Lady als das einer starken, schönen, selbstbewussten Frau, die sich nicht auf ihre repräsentative Rolle reduzieren lassen will. Die zu klug ist und selbst viel zu erfolgreich war, um sich damit zufriedenzugeben, im Weißen Haus fortan Hände zu schütteln. Michelle Obama, heißt es hingegen, würde als Beraterin ihres Mannes die Politik der USA nicht unwesentlich mitbestimmen. Dieser Einfluss, sagt Kantor, sei ungewöhnlich stark und habe „Einfluss auf die ganze Nation“. Als Absolventin einer Eliteuni und erfolgreiche Anwältin gilt Michelle als Baracks „Sparringspartnerin, sein Frühwarnsystem … die Frau, die das Beste aus ihm herausholt.“

Zu seinem Amtsantritt wurden sie als Glamourpaar gefeiert: Barack und Michelle Obama.
Zu seinem Amtsantritt wurden sie als Glamourpaar gefeiert: Barack und Michelle Obama.
© AFP

Dieser Machtzuwachs hat nach Kantors Beobachtungen allerdings zu gewaltigen Friktionen im Weißen Haus geführt. Der Präsidentenstab reagierte überrascht und überraschend dünnhäutig auf das forsche Auftreten Michelles. Hier ist man gewöhnt, dass sich die Partnerin aus allem Politischen heraushält. Jetzt hieß es plötzlich, Michelle würde versuchen, ihren Mann davon zu überzeugen, weniger kompromisslos zu sein, seine Ziele gradliniger zu verfolgen. Eine zweite Hillary Clinton jedoch will Michelle Obama dezidiert nicht sein. Sie hat aus den Fehlern ihrer Vorvorgängerin gelernt, sich zu stark an der Seite ihres Mannes in der Öffentlichkeit zu positionieren.

Hillarys Motto „Stand by your man“ hat Bill Clinton zwar in der Lewinsky-Affäre gerettet, doch die von beiden zur Schau getragene Attitüde des doublepacks hat die Bürger auch irritiert. Und provozierte die Frage nach der Legitimität ihres politischen Handelns – schließlich hatte Hillary kein Mandat. Selbst Bills im Wahlkampf vorgetragene Parole „You get two of us for the price of one“ (Ihr bekommt zwei zum Preis für einen) konnte den Mehrwert der Clinton’schen Eheeunion für die amerikanischen Bürger nicht recht verdeutlichen. Trotzdem gilt Hillary Clinton als bisher mächtigste Präsidentengattin der amerikanischen Geschichte – abgesehen von Eleanor Roosevelt, First Lady von 1933 bis 1945.

Ihre Aufgabe beschränkte sich damals formal darauf, im Weißen Haus die Gastgeberin zu spielen. Doch Eleanor Roosevelt fand das zu langweilig und ließ es sich nicht nehmen, sich politisch zu engagieren und auch zu artikulieren. Ihre Präsenz in den Medien war beträchtlich. Als erste First Lady in der amerikanischen Geschichte gab sie gleich am Tage der Amtseinführung ihres Mannes ein Interview und begann wenig später, wöchentliche Pressekonferenzen abzuhalten, an denen nur weibliche Reporter teilnehmen durften. Seit 1936 schrieb sie zudem eine tägliche Kolumne, die in vielen Tageszeitungen abgedruckt wurde.

Hannelore und Helmut Kohl.
Hannelore und Helmut Kohl.
© picture-alliance / dpa

Deutschland war selbst in den fünfziger und sechziger Jahren noch nicht reif für ein derart modernes Rollenmuster. Emanzipationsbewegungen verlaufen nun einmal nicht linear. Konrad Adenauers Frau war früh gestorben, Ludwig Erhards bessere Hälfte hieß Luise, und Willy Brandt vergnügte sich lieber privat mit dem weiblichen Geschlecht, als dass er sich bei Rut oder Brigitte politischen Rat geholt hätte. Allerdings hatte auch die Neue Welt Rückschläge zu verzeichnen: Nach Eleanor Roosevelt gab es etliche Politikerfrauen, die es vorzogen, sich ganz auf Heim und Herd zu konzentrieren. Und so trat erst 1993 mit Hillary Clinton ein neues role model auf den Plan.

Als Hillarys Antipodin galt und gilt Hannelore Kohl. Als sie im Jahr 2001 ihrem Leben ein Ende setzte, war ganz Deutschland erschüttert. Selbst Menschen, die nicht gerade zu den politischen Freunden des Ex-Kanzlers zählten, trauerten um die blonde Frau, die jahrelang im wahrsten Wortsinn im Schatten Helmut Kohls gelebt hatte. Stellvertretend für eine ganze Generation von Nachkriegsmüttern hatte Hannelore Kohl ihr Leben mit eiserner Disziplin und viel Zurückhaltung vollkommen in den Dienst ihrer Familie, aber auch in den Dienst ihres Politikermannes gestellt. So entsprach sie voll und ganz dem konservativen Bild der perfekten Ehefrau, die ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse, ihr eigenes Streben nach Selbstständigkeit und Anerkennung zugunsten ihrer Familie zurückstellt. Sie war die Frau an seiner Seite, ohne Ehrgeiz, ihre eigene politische Meinung öffentlich kundzutun.

Diesen Ehrgeiz hatte Wilhelmine Lübke, die kluge und – im Gegensatz zu ihrem Mann – ausgesprochen sprachgewandte zweite First Lady der jungen Bundesrepublik, sehr wohl. Der Einfluss auf ihren Mann Heinrich gilt als legendär, mitunter wird seine Amtszeit spöttisch als „Wilhelminische Epoche“ bezeichnet. Die unkonventionelle Wilhelmine war beliebt beim Volk, wenngleich man es nicht wirklich richtig fand, dass sie ihren Mann selbst bei offiziellen Anlässen „Heini“ nannte. Doch als sie sich gleich zu Beginn der Amtszeit ihres Mannes öffentlich politisch äußerte, erfuhr sie herbe Kritik und sah sich gezwungen, eine Art Schweigegelübde abzulegen.

Die Franzosen scheinen sehr viel weniger Probleme damit zu haben, wenn Politikerfrauen aus dem Schatten ihrer Männer treten.

Nicolas Sarkozy und seine Ehefrau Carla Bruni-Sarkozy.
Nicolas Sarkozy und seine Ehefrau Carla Bruni-Sarkozy.
© AFP

Und das wurde wie selbstverständlich auch auf Hannelore Kohl und die im vergangenen Sommer verstorbene Hannelore Schmidt, genannt Loki, übertragen. In sämtlichen Nachrufen auf Loki Schmidt klang durch, was für eine starke Persönlichkeit sie doch gewesen sei – und wie wenig sie seine starke Schulter nötig gehabt hätte. Loki und Helmut Schmidt galten als das alte große Liebes- und Powerpaar. Und doch hat sie sich niemals dazu hinreißen lassen, sich in das politische Tagesgeschäft einzumischen oder eine eigene Meinung (gar eine abweichende von der ihres Mannes) kundzutun. Auch wenn bekannt war, dass sie seine wichtigste Beraterin war und beide sich ihr Leben lang immer über Politik austauschten, wurde darüber weder getuschelt noch laut gesprochen.

Ein anderes Powerpaar waren die Kirchners, die in Argentinien ihre politische Schlagkraft ähnlich zu bündeln verstanden wie die Clintons. Nachdem Cristina Fernandez de Kirchner 2007 ihren Mann Nestor im Präsidentenamt beerbt hatte, galt es als ausgemacht, dass er 2011 wiederum an ihre Stelle treten sollte. Doch dann starb er, und Cristina kandidierte erneut – und war ein zweites Mal siegreich.

Schon gut zwanzig Jahre vor Eleanor Roosevelt war auch die eingangs erwähnte Nadjeschda aktiv. Und zwar als Frau des russischen Revolutionsführers Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt als Lenin. Nadjeschda besaß ganz erheblichen Einfluss, hatte sie doch nach der Oktoberrevolution eine wichtige Funktion im Bildungsministerium inne, wodurch sie maßgeblich an der Gründung des sowjetischen Schulsystems beteiligt war. Als richtungweisend aber galt sie nicht – dafür hatte Stalin gesorgt –, und auch weiterhin blieben die Frauen in der russischen Politik ohne Einfluss und Bedeutung.

Während in der westlichen Welt Politikerfrauen immer selbstbewusster wurden und auch so auftraten, sagte Ljudmila Putina noch 2005 in einem ihrer seltenen Interviews, dass es sinnlos wäre, Wladimir Putin etwas über seine politischen Pläne zu entlocken. Er habe von vornherein klargemacht, dass er sich von seiner Familie nicht beeinflussen ließe. Natürlich vergaß die Deutschlehrerin nicht, hinzuzufügen, dass sie diese seine Position ganz als die ihre akzeptiere.

Ähnlich agierte Doris Schröder-Köpf, die Ehefrau von Gerhard Schröder. Anders als ihre Vorgängerin Hiltrud trat Doris aus dem Rampenlicht heraus und legte sich politische Zurückhaltung auf. Die Journalistin hatte ihren Beruf aufgeben müssen, als sie 1998 seine vierte Ehefrau wurde. So ganz aber hielt sie sich nicht an das Schweigegelübde: In Schröders zweitem Wahlkampf wurde ihr von den Medien der inoffizielle Titel der Kanzlerflüsterin verliehen.

Schröder- Köpf hatte Kontroversen entfacht, weil sie sich coram publico sowohl zu Erziehungsfragen wie zu politischen Dingen geäußert hatte. Flugs gab Gerhard im TV- Duell zu verstehen, dass sich seine Frau nie in seine Politik einmischen würde – sie wiederum spielte danach ihren politischen Einfluss konsequent herunter. Das wiederum hinderte sie nicht daran, bereits vor zehn Jahren eine eigene politische Karriere nicht auszuschließen. Das hat sie nun in die Tat umgesetzt.

Hillary und Bill Clinton.
Hillary und Bill Clinton.
© AFP

Die Franzosen scheinen sehr viel weniger Probleme damit zu haben, wenn Politikerfrauen aus dem Schatten ihrer Männer treten. Vor ein paar Jahren wurden drei Politikerfrauen von der Öffentlichkeit und den Medien so umschwärmt und umworben wie sonst nur Filmstars. Nachdem sie schon ihren Alltag als Politikergattin elegant und selbstbewusst gemanagt hatten, meldeten mit Bernadette Chirac, Cecilia Sarkozy und Segolène Royal gleich drei bekannte Politikerfrauen eigene Machtansprüche an. Bernadette Chirac sprach in einem Interview denn auch davon, dass die Zeiten politischer Zurückhaltung, wie sie noch die Frau de Gaulles an den Tag gelegt habe, endgültig passé seien.

Segolène Royal, damals Partnerin des Sozialistenführers François Hollande, kandidierte später gegen ihren Konkurrenten Nicolas Sarkozy, dem sie bekanntermaßen unterlag. Der wiederum war damals Innenminister, und seine Cecilia hatte nicht nur ein eigenes Büro, sondern nahm sogar an den Kabinettssitzungen teil. Bekanntlich scheiterte diese Ehe ebenso wie die Beziehung zwischen Royal und Hollande. Über das politische Talent der neuen Frau an Sarkozys Seite wiederum, Carla Bruni, weiß man wenig. Singen kann sie auf jeden Fall besser als er.

So unterschiedlich die einzelnen Politikerpaare auch agieren mögen, so deutlich wird es, in welchem Spannungsfeld sich ein Paar auf der politischen Bühne bewegt. Die Öffentlichkeit weiß nur zu gut, dass sich Eheleute am Abendbrottisch über Fragen unterhalten, die den Partner bewegen. Man vertraut dem anderen, hört ihm zu, macht Vorschläge und hält sich oftmals auch mit Kritik nicht zurück. Bei Politikern, so will es dieselbe Öffentlichkeit, soll all das nur hinter den Kulissen geschehen.

Warum das lange so war und vermutlich immer noch gilt, hat Claudia Kossendey in ihrem 1997 erschienenen Buch „Lebenspartnerinnen von Politikern“ anschaulich beschrieben. Die Autorin – selber mit einem Bundestagsabgeordneten verheiratet – legt dar, dass die politischen Überzeugungen eines Politikerpaares in der Öffentlichkeit als deckungsgleich wahrgenommen werden, das Paar mithin als „Paarsystem“ gesehen wird, in dem sich der Partner so gut wie keine eigene Identität erlauben kann. Das geht so weit, dass Ehefrauen, sollten sie sich doch einmal dazu hinreißen lassen, eine eigene, gar divergierende Meinung zu äußern, entweder Sanktionen zu fürchten haben oder als Dummchen belächelt werden.

Für ihr Buch hatte Kossendey 25 Partner von Politikern anonym befragt. Die Autorin arbeitet als Psychologin und kennt mithin aus eigener Erfahrung all die Regeln, Beschränkungen, die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze, denen Politiker und ihre Partner im Politikbetrieb ausgesetzt sind. Eine große Rolle spielt dabei das Kapitel Beratung und Einflussnahme. Drei Viertel der Abgeordneten bezeichneten Mitte der siebziger Jahre ihre Partner als ihre wichtigsten politischen Berater. Schwer nachzuvollziehen ist das nicht. In einer Welt, die von den Politikern selbst als feindselig, von Neid, Eifersucht und Konkurrenz geprägt empfunden wird, bleiben nicht viele Menschen übrig, die ihnen objektiv und kritisch begegnen. Hinzu kommen Zeitmangel und Arbeitsüberlastung, Räume und Freiräume für einen engeren Freundeskreis und die Familie schrumpfen immer mehr.

Kossendey kommt zu dem Schluss, dass Politikerfrauen sich genau so verhalten, wie es die traditionelle Aufteilung der Geschlechterrollen verlangt: aufzugehen in der Fürsorge für den Partner. Die Frau hält ihrem Mann „den Rücken frei“. Das schließt einen Identitätsverzicht ein, der sich wiederum im Verzicht auf eine eigene Meinung „artikuliert“. Mit anderen Worten: Noch in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entsprachen Politikerfrauen fast ausnahmslos dieser traditionellen Rollenverteilung, auch wenn der gesellschaftliche Wandel, die zunehmende ökonomische und berufliche Unabhängigkeit der Frauen bereits weit fortgeschritten war.

Heute wird Deutschland von einer starken Kanzlerin regiert. Doch als kürzlich Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht ihre Liebesbeziehung öffentlich machten, erhoben sich nicht wenige Stimmen, die Wagenknecht rieten, sich fortan politisch zurückzuhalten. Ansonsten nähre sie womöglich den Vorwurf, sich von dem neuen Mann an ihrer Seite instrumentalisieren zu lassen. Dass sie, die eine steile politische Karriere gemacht hat, als Partnerin von Lafontaine auch weiterhin eigenständig denken und handeln könnte – das scheint immer noch alles andere als selbstverständlich zu sein.

Wenn die Berichterstattung über Politiker-Ehen und -Affären ein Seismograf für die Emanzipation in diesem Land sein soll, dann sind wir in dieser Frage so weit nicht gekommen. Eine Kanzlerin Merkel, ja, eine Ministerin Ursula von der Leyen oder Kristina Schröder, auch. Deren Männer bleiben weitgehend unsichtbar, haben eigene Berufe und werden keinerlei politischer Einflussnahme bezichtigt. Sobald sich das Verhältnis jedoch umkehrt, Politiker mit Frau an seiner Seite, dient diese entweder dem reinen Dekor oder es heißt, sie verhalte sich ungebührlich. Wenn sie nämlich mehr will, als dekorativ zu sein. Keine besonders verlockende Alternative.

Übrigens: Elly Heuss-Knapp, so hieß die Frau des ersten deutschen Bundespräsidenten. Und die von Charles de Gaulle hieß Yvonne. Doch wie war noch einmal der Vorname von Herrn Professor Sauer, dem Ehemann von Angela Merkel?

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