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Sicherheitskräfte konfiszieren Telefone und Ausweise : Mehr als 200 Festnahmen in Minsk – darunter viele Journalisten

Bei Protesten gegen die Regierung in Belarus sollen zahlreiche Menschen festgenommen worden sein. Auch 20 Journalisten wurden offenbar verhaftet.

Demonstranten und Einsatzkräfte der Sonderpolizei OMON stehen sich am Unabhängigkeitsplatz in Minsk gegenüber.
Demonstranten und Einsatzkräfte der Sonderpolizei OMON stehen sich am Unabhängigkeitsplatz in Minsk gegenüber.Foto: Ulf Mauder/dpa

Vor einer Sondersitzung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zur Lage in Belarus sind in Minsk massenhaft Gegner des autoritären Staatschefs Alexander Lukaschenko festgenommen worden. Die belarussische Sonderpolizei OMON ging in der Nacht zum Freitag in der Hauptstadt gegen friedliche Demonstranten vor. Die Menschenrechtsorganisation Wesna sprach von mehr als 200 Festnahmen - deutlich mehr als in den vergangenen Tagen.

Dabei sollen Augenzeugenberichten zufolge über 20 Journalisten festgenommen, die über einen Protest in der Hauptstadt Minsk berichten wollten. Die Sicherheitskräfte hätten die Telefone und Ausweise der Reporter konfisziert, sagte ein Reuters-Zeuge am Donnerstag.

Festgenommen wurden Reporter der BBC, der Deutschen Welle, Radio Free Liberty, des belarussischen Portals tut.by und der russischen, regierungskritischen Nachrichtenplattform Lenta.ru, sowie andere Lokaljournalisten.

Zuletzt wurde bekannt, dass Alexander Vasilevich, der Betreiber der beliebten Nachrichtenseite Kyky.org festgenommen wurde, nachdem die Redaktion des Medienunternehmens durchsucht worden war. Das erfuhr die Reporterin Hanna Liubakova vor Ort von Vasilevichs Ehefrau.

Das Innenministerium teilte später mit, dass die Journalisten zur Polizeistation gebracht worden seien. Dort solle geprüft werden, ob sie über eine gültige Presse-Akkreditierung verfügten.

Alle Reporter, die eine offizielle Akkreditierung hätten, sollten freigelassen werden. Jedoch erteilten die Behörden Berichten zufolge bereits vor der Wahl kaum Akkreditierungen an internationale Journalisten.

Die Behörde bestritt, dass die Journalisten verhaftet worden seien. Im Laufe der späten Abendstunden sollen die meisten Journalisten bereits freigelassen worden sein, wie der Reporter Franak Viacorka auf Twitter berichtet.

Die Journalisten wollten dem Augenzeugen zufolge über eine Demonstration mit hunderten Regierungsgegnern berichten, die in Minsk am Donnerstagabend auf die Straße gingen.

Demonstranten von Spezialeinsatzkräften eingekesselt

Auch Demonstranten wurden am Donnerstag festgenommen. Die Menschenrechtsorganisation Viasna teilte mit, dass mindestens 180 Menschen inhaftiert wurden. Vor der sogenannten Roten Kirche auf dem Unabhängigkeitsplatz in Minsk kesselten Polizisten und Soldaten eine Gruppe Demonstrierender ein – jene hatten gegen eine Blockade der Kirche durch die Spezialeinsatzkräfte der Einheit Omon am Vortag protestiert.

Während einer abendlichen Kundgebung am Mittwoch trennten sie die dortige Kirche Sankt Simon und Sankt Helena vom Stromnetz. In ihr wurde es stockdunkel. Omon-Polizisten sperrten schließlich in dieser Kirche rund 100 Menschen für etwa 40 Minuten ein, darunter Dutzende friedliche Demonstranten, die dorthin vor ihnen geflohen waren.

Spannungen zwischen katholischer Kirche und Regierung

In Belarus hat sich das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und der mit harter Hand regierenden Staatsführung in nur wenigen Tagen rapide verschlechtert. Der Minsker Erzbischof und Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz des Landes, Tadeusz Kondrusiewicz, verurteilte die Blockade der Türen der Kirche durch bewaffnete Polizisten der Spezialeinheit Omon scharf.

Es handele sich um eine „grobe Verletzung der Rechte der Gläubigen und der Religionsfreitheit“, protestierte er am Donnerstag in einer schriftlichen Erklärung. Die Landesverfassung garantiere jedem Menschen das Recht zu beten sowie ungehindert in die Kirche zu gehen und sie wieder zu verlassen. Der 74-jährige Erzbischof forderte eine Bestrafung der Verantwortlichen des „unangemessenen und rechtswidrigen“ Polizeieinsatzes.

Gegen Präsident Alexander Lukaschenko demonstrieren seit rund zwei Wochen täglich Hunderte bis Hunderttausende im ganzen Land. Hintergrund sind die Wahlen vom 9. August, bei denen sich Lukaschenko zum klaren Sieger erklärt hatte.

Die Opposition erkennt den Sieg von Lukaschenko, der seit 1994 autoritär regiert, nicht an und wirft ihm Wahlbetrug vor. (mlk, KNA, Reuters)

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