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27.09.2021, Sachsen, Dresden: Wahlplakate der AfD hängen am Terrassenufer an Lampenmasten. Die AfD ist nach der Bundestagswahl in Sachsen stärkste Kraft. Foto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

© dpa/Robert Michael

Tagesspiegel Plus

AfD stärkste Kraft in Sachsen, fast alle Direktmandate:  „Diese Ergebnisse sind ein ehrliches Bild der Lage“

Überzeugung, Protest, Mentalität. Der Soziologe Raj Kollmorgen sieht viele Gründe. Er sagt: „In manchen Gegenden gibt es sozialen Druck auf jene, die nicht AfD wählen.“

| Update:

Raj Kollmorgen ist Soziologe an der Hochschule Zittau/Görlitz und kennt die Region gut, in der die AfD besonders stark abgeschnitten. Im Interview erklärt er, welche Gründe er für den Erfolg der Partei im Freistaat sieht.

Herr Kollmorgen, 16 Direktmandate für die AfD im Osten, zehn davon in Sachsen. Das ist nochmal eine deutliche Steigerung zu 2017. Hat Sie das überrascht?
Nein, keine Sekunde. Das hat sich abgezeichnet, gerade hier in Ostsachsen. Diese Ergebnisse sind ein ehrliches Bild der Lage – es ist gut, dass das nicht unter der Decke bleibt. Aber die Wirkung ist zum Teil fatal: Mit mir haben Leute gesprochen, die sich fragen, ob sie noch in der Region bleiben können oder ob man jungen Akademikern empfehlen kann, zum Arbeiten hierherzukommen.

Warum ist die AfD gerade in Sachsen so stark?
Das ist ein komplexes Ursachenbündel, das nicht nur politische Entscheidungen der letzten fünf Jahre umfasst. Da ist zunächst eine langfristig, über mehrere Generationen gewachsene Mentalität. Die Jahrhunderte alte Gegnerschaft mit Preußen wirkt bis heute nach: diese Skepsis gegenüber zentralen Regierungen in Berlin. Auch innerhalb der DDR sahen sich die Sachsen zurückgesetzt und geschwächt. Der Staatssozialismus und alles was danach klang, war gerade in Sachsen bei vielen verhasst. Die Nähe zur westdeutschen Grenze hatte zudem eine besondere Form diktatorischer Kontrolle zur Folge. Das hat die Leute zusätzlich vom Herrschaftssystem distanziert und zugleich mit der widerständigen Heimat identifiziert.

Wie hat sich diese Mentalität nach der Wende entwickelt?
In Sachsen ist der Heimatstolz sehr ausgeprägt. Nach der Wende hat die CDU mit dem ersten sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf dieses Lebensgefühl gestärkt. Dadurch ist aber die Skepsis und Distanz gegenüber kultureller Pluralität und allem Fremden eher fortgesetzt worden. Dazu kommt heute die Lage Sachsens an der Grenze zu Tschechien und Polen. Arbeitsmigration und Kriminalität in den Grenzregionen ist für einen erheblichen Bevölkerungsteil ein massives Problem. Das ist für viele Motivation, eine Partei zu wählen, die ein hartes Regiment gegen Fremde verspricht, Migration deutlich beschränkt und Heimat an die erste Stelle setzt.

Lange hat aber die CDU sehr gute Ergebnisse in Sachsen geholt
.Lange hat die CDU diese Einstellung in Sachsen auch bedient. Durch den Kurs der Kanzlerin in der Migrationspolitik und generell den vermeintlichen ,Linksruck‘ der CDU haben stark konservative Wähler das nicht mehr vorgefunden. Nach einer Zeit der Nähe grenzt sich die CDU in Sachsen deutlich ab von der AfD. Besonders Kretschmer zeigt klare Kante, das haben ihm einige Wähler offenkundig übelgenommen.

Oft lässt sich aber zwischen Protest und Überzeugung nicht klar trennen.

Raj Kollmorgen

Viele Wähler wählen aber aus voller Überzeugung die AfD, weil sie deren rechtsradikale Ansichten teilen.
Ich schätze, dass die Hälfte bis zwei Drittel der AfD-Wähler für harte rechtspopulistische bis rechtsextreme Orientierungen offen sind und die Inhalte der AfD ausdrücklich gut finden. Es gibt daneben eine große Gruppe, die eher protestorientiert ist. Das sind zum Beispiel Leute, die finden, dass der konservative Kern der Union weichgespült wird und die der CDU weiterhin eine Quittung ausstellen wollten. Oder die, die frustriert sind und der Regierung in Berlin wegen der Migrations- und Pandemiepolitik zeigen wollen, wie grundfalsch sie die finden. Oft lässt sich aber zwischen Protest und Überzeugung nicht klar trennen.

Raj Kollmorgen ist Soziologe und Professor an der Hochschule Zittau/Görlitz.

© Foto: Privat

Die AfD wird vom Verfassungsschutz in Teilen als rechtsextrem eingestuft. Spielt das keine Rolle?
Die demokratische politische Kultur im Osten ist anders als im Westen nicht über die letzten 70 Jahre gewachsen. Auch die massiven Enttäuschungen in den Jahren der Transformation haben viele der Demokratie nicht nähergebracht. Oft wird nach unmittelbaren Lebensproblemen und Erfahrungen gewählt. Die Ideologie der Partei spielt dann keine Rolle. Es gibt in Sachsen Gegenden, da wählen 40 Prozent oder mehr AfD. Da ist die AfD nicht mehr die Schmuddelpartei, da ist es anders herum: Da gibt es sozialen Druck auf jene, die nicht AfD wählen. In einem solchen Klima gibt es überhaupt keine Diskussion darum, ob die AfD möglicherweise eine rechtsextreme Partei ist.

Sachsens Ministerpräsident Kretschmer macht auch die Pandemiepolitik der Bundesregierung verantwortlich für die Ergebnisse der AfD in Sachsen.
Die Pandemie hat durchaus einen Effekt gehabt. In Sachsen und gerade in Ostsachsen gibt es viele Mittelständler, Handwerker und Kleinunternehmer. Die haben schon seit Jahren das Gefühl, gerade sie würden durch den Staat enteignet, gerade bei ihnen würde ständig eingebrochen. Und sie haben auch in der Pandemie am meisten gelitten. Das sind die Leute, die den Humus für die AfD bilden. Deren Sprache spricht auch Tino Chrupalla, obwohl er in den letzten Jahren vor Ort kaum präsent war.

Die Annahme der CDU, dass man hier die Bevölkerung und ihre politische Unzufriedenheit mit Geld zuschüttet und sie dann wieder CDU wählen, hat sich als Chimäre erwiesen. 

Raj Kollmorgen

Der AfD-Spitzenkandidat hat in seinem Wahlkreis Görlitz das Direktmandat gewonnen, in seinem Wohnort holte er sogar mehr als 50 Prozent. Hat die CDU dem nichts entgegenzusetzen?
Der Kandidat der CDU war auf vielen Plakaten mit Michael Kretschmer abgebildet. Das war wahrscheinlich sogar schon der erste Fehler. Offenbar wurde er nicht als derjenige wahrgenommen, der die Unzufriedenheit der Leute aufnehmen kann. Die Region ist massiv vom Strukturwandel und dem Kohleausstieg betroffen. Die Annahme der CDU, dass man hier die Bevölkerung und ihre politische Unzufriedenheit mit Geld zuschüttet und sie dann wieder CDU wählen, hat sich als Chimäre erwiesen. Das verkennt die gewachsenen Mentalitäten und die Stärke der politisch-kulturellen Distanzierung, welche sich kaum in wenigen Jahren ändern lassen.

Was folgt für Sie aus dem Wahlergebnissen?
Vor allem sollte nicht mit erhobenem Zeigefinger herumlaufen. Die Wahlergebnisse sind so, wie sie sind. Wettbewerb und auch drastisch unterschiedliche Ideen und Interessen sind das Wesen der Demokratie. Alle Parteien müssen jetzt überlegen, wie sie damit umgehen. Es ist nicht anzunehmen, dass man die Situation durch ein paar Bürgerdialoge ändert. Aber ich halte zum Beispiel die Arbeit an und Nutzung von demokratischen Beteiligungsformaten für wichtig. Da ist die aktuelle Koalition aus CDU, Grünen und SPD in Sachsen schon auf einem guten Weg. Manche ehemalige Wähler wird die CDU aber absehbar kaum zurückgewinnen – das gehört auch zur Wahrheit.

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