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Nicole Glocke: „Statt einer roten Fahne wollte er ein Kreuz auf seinem Sarg haben“

Über die Spitzeltätigkeit für die Stasi hat Karl-Heinz Glocke aus Bochum zu Hause nie geredet. Auch nach seiner Enttarnung 1979 und der anschließenden Haftzeit nicht. Seine Tochter hat trotzdem ihren Frieden mit ihm gemacht.

Von Matthias Schlegel

Viele Jahre lang hat Karl-Heinz Glocke aus Bochum, leitender Angestellter in der Personalabteilung von RWE, für die DDR-Staatssicherheit spioniert. Als Stasi-Offizier Werner Stiller im Januar 1979 mit einem Koffer voller Akten, unter anderem den Klarnamen wichtiger Stasi- Spitzel im Westen, aus der DDR flüchtete, flogen Glocke und andere Spione auf. Wir sprachen mit Nicole Glocke, seiner Tochter, über eines der düstersten Kapitel deutsch-deutscher Geschichte, über Verrat und Verlust.

Frau Glocke, Sie waren neun, als Ihr Vater in Ihrer Heimatstadt Bochum verhaftet wurde, 20 als die Mauer fiel, 41 als Ihr Vater im vergangenen Jahr starb. Wie hat sich in all den Jahren Ihr Bild von Ihrem Vater verändert?

Es hat sich insofern verändert, als mein Vater nach meinem berufsbedingten Umzug nach Berlin im Jahr 1999 plötzlich sehr wichtig für mein Leben wurde. Ich habe erst zu diesem Zeitpunkt angefangen zu recherchieren, was er eigentlich getan hat. In Berlin ist die deutsch-deutsche Vergangenheit in einer Weise präsent, die ich im Westen bis dahin nie gespürt habe.

Aber Sie hatten doch nach der Verhaftung und der Verurteilung Ihres Vaters zu zweieinhalb Jahren Gefängnis familiär viel unmittelbarer unter den Folgen dieses Einschnitts zu leiden. Hat Sie das nicht angeregt, sich damit zu befassen?

Nein, weil die DDR für mich weiter weg war als der Mond. Außerdem wurde in meiner Familie über dieses Thema nicht geredet, es wurde totgeschwiegen. Auch mein Vater wollte nie darüber sprechen. Abgesehen davon wusste ich als Kind überhaupt nicht, worum es ging, was da alles passiert ist. Wie gesagt, es hat mich auch nicht interessiert. Das Thema kam erst mehr als 20 Jahre später mit Wucht auf mich zu.

Ihr Vater war ja ganz offensichtlich ein „Überzeugungstäter“. Macht es Ihnen diese Tatsache leichter oder schwerer, ihn zu verstehen?

Er war überzeugt von den sozialistischen Idealen. Die DDR war für ihn der bessere Staat, und er wollte für diese Sache eintreten, das war ihm ganz wichtig. Er hat definitiv nicht aus finanziellen Motiven spioniert. Ich weiß nicht, ob es mir zusteht, ihn zu beurteilen oder gar zu verurteilen. Aber grundsätzlich ist mir jemand lieber, der aus Überzeugung etwas tut als jemand, der aus Geldgier handelt.

Sie haben mit zahlreichen Recherchen und literarischen Werken versucht, Ihre ganz persönliche Geschichte als Tochter des Spions aufzuarbeiten. Hat Sie das zu einem Ergebnis gebracht, haben Sie Ihren Frieden mit Ihrem Vater gemacht?

Ja. Allerdings hatte dieser Prozess nichts mit der Staatssicherheit oder der Spionage zu tun. Den Frieden habe ich mit meinem Vater gemacht, indem wir uns am Ende seines Lebens näher gekommen sind und wir versöhnlich auseinander gegangen sind. Darüber bin ich froh.

Aber das gelang erst angesichts des nahenden Endes seines Lebens ...

Der Versöhnungsprozess begann schon ein paar Jahre früher. Ein Impuls dazu kam ausgerechnet von DDR-Spionagechef Markus Wolf, der nach dem Erscheinen des Buches „Verratene Kinder“ auf mich zugekommen war, weil er sich für diese Thematik interessierte. Er hat mich ermutigt, eine Annäherung an meinen Vater zu versuchen. Mein Vater hat das gespürt und seinerseits versucht, auf mich zuzugehen.

Ausgerechnet der Spionagechef, der verantwortlich war für schlimme menschliche Schicksale, als Familienzusammenführer – schwer vorstellbar.

Er hat damals gesagt, er habe noch nie über die familiäre Perspektive dieses Themas nachgedacht. Deshalb wollte er mich treffen. Durch ihn habe ich gelernt, die Motive meines Vaters noch besser zu verstehen. Natürlich war Wolf eine schillernde Persönlichkeit mit vielen Gesichtern. Ich bin wirklich froh, dass ich ihm nicht zu Zeiten des Kalten Kriegs begegnet bin. Als ich ihn jedoch kennenlernte, stand er am Ende seines Lebens und begann in Ansätzen eine kritische Selbstreflektion. Mir ist jedoch aufgefallen, dass er sich für seine Agenten nicht wirklich interessiert hat. Er hatte beispielsweise kein Interesse daran, meinen Vater kennenzulernen, und auch wenn er über andere Kundschafter geredet hat, habe ich bei ihm eine große Distanz gegenüber seinen Leuten gespürt. Ich glaube sogar, sie waren ihm egal. Er hat sie wohl auch ein bisschen verachtet, weil sie meist fanatisch waren und es bis heute geblieben sind.

Bis dahin hatte sich Ihr Vater Ihnen aber verschlossen ...

Über seine konkrete Spionagetätigkeit hat er bis zu seinem Tod nicht geredet. Am Ende seines Lebens stand ohnehin sein Glaube im Vordergrund. So wollte er statt einer roten Fahne ein Kreuz auf seinem Sarg haben. Außerdem hat er sich meiner Mutter gegenüber von seiner Tätigkeit distanziert. Er hat gesagt: Wenn ich gewusst hätte, wie diktatorisch die DDR gewesen ist, dann hätte ich niemals für diesen Staat gearbeitet.

Gezeichnet von der schweren Krankheit, hat er Arbeiterlieder gesungen

Er hat sich also von diesem Staat distanziert, aber nicht von seiner Überzeugung?

Nein. Bei seiner Überzeugung als Sozialist ist er bis zum Schluss geblieben. In der letzten Nacht, die er zu Hause mit schlimmsten Schmerzen verbracht hat, hat er Arbeiterlieder gesungen, die sozusagen einen Bogen zu seiner Kindheit spannten: Er war ein Kriegskind, kam aus sehr armen Verhältnissen, und die Solidarität, die er unter Arbeiterkindern erlebt hatte, hat ihn bis zum Schluss geprägt.

Aber den totalitären Charakter der DDR viel früher zu erkennen, dürfte doch nicht so schwer gewesen sein ...

Dass er sich nicht über die inneren Verhältnisse der DDR informiert hat, war für mich tatsächlich schwer zu verstehen. Denn das wäre möglich gewesen.

Wissen Sie, ob Ihr Vater jemandem persönlich geschadet hat?

Ich habe nur eine Akte gefunden aus den frühen 60er Jahren, da war er noch Student. Er hatte wohl schon seit seinem 16. Lebensjahr Kontakt zur Stasi. Aber die Dokumente waren nicht sehr ergiebig. Das meiste ist von der Hauptverwaltung Aufklärung am Ende der DDR vernichtet worden.

Sollte man unter diese Stasi-Problematik einen Schlussstrich ziehen?

Bezüglich meines persönlichen Falles habe ich dies schon lange getan. Ich wäre wirklich sehr froh, wenn ich über die anderen Themen, an denen ich arbeite, wahrgenommen würde – etwa die DDR-Heimerziehung, über die ich gerade ein Buch geschrieben habe, oder mein demnächst erscheinendes Buch über Kinder aus Hartz-IV-Familien. Ein genereller Schlussstrich aber ist bei dem Stasi-Thema gar nicht möglich, solange die Beteiligten und deren Kinder noch leben. Es gibt noch viele weiße Flecken bei der Aufarbeitung. Daher ist es schade, dass beispielsweise die Berliner Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Kommunismus, in der sich Opfer politischer Verfolgung in geschützten Räumen austauschen können, nur in geringem Maße gefördert und wahrgenommen wird.

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