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Müssen die Schüler in Niedersachsen künftig nicht mehr schriftlich dividieren? Die Landesregierung widerspricht. Am Matheunterricht wird sich dennoch etwas ändern.

© IMAGO/YURI ARCURS

Update

Debatte um Rechenmethode: Niedersachsen will schriftliche Division künftig anders unterrichten

Wie viel klassische Rechenroutine sollen Kinder in der Grundschule noch lernen? Niedersachsen will das schriftliche Dividieren reformieren – und stößt damit auf Zustimmung, Skepsis und Warnungen.

Stand:

In Deutschland läuft derzeit eine Debatte darüber, wie Grundschüler weiterhin das schriftliche Dividieren lernen sollen. Ausgelöst hat sie Niedersachsen: Ab dem Schuljahr 2026/2027 will das Land die klassische Rechenmethode aus dem Grundschulunterricht durch eine halbschriftliche Variante ersetzen. Eine Abschaffung sei aber nicht geplant, betonte das Kultusministerium in Hannover – es solle lediglich anders unterrichtet werden.

Verbindlich werde die schriftliche Division künftig erst in der Sekundarstufe I, also ab Klasse 5, statt in der Grundschule unterrichtet. Aber: „Auch in den Grundschulen lernen die Kinder künftig bereits Teilschritte der schriftlichen Division, endgültig gelernt wird es dann in der weiterführenden Schule“, erklärte eine Sprecherin. Die Kinder lernten dadurch nicht weniger, auch der Bildungsanspruch werde nicht gesenkt.

Die Reform sei also kein Abschied von der Methode, sondern lediglich eine spätere Einführung, wenn Kinder kognitiv stabiler und mathematisch sicherer seien, heißt es.

Hintergrund seien didaktische Überlegungen: Die schriftliche Division stelle „das komplexeste aller schriftlichen Rechenverfahren“ dar. Sie erfordere das sichere Zusammenspiel des Teilens, Multiplizierens und Subtrahierens und sei besonders anfällig für typische Fehlerquellen.

Eine zu frühe Einführung könne daher dazu führen, dass die Schülerinnen und Schüler Rechenwege anwenden, ohne sie ausreichend zu verstehen. „Solche Defizite können langfristige Folgen haben. Denn Mathematik baut aufeinander auf.“ Zentral seien der Aufbau eines tragfähigen Verständnisses von Division als Aufteilen und Verteilen sowie der enge Bezug zur Multiplikation – und weniger, dass Kinder „automatisch eine Art Rechenanleitung befolgen können“.

Auch Kultusministerin Julia Hamburg (Grüne) verteidigte die Reform gegenüber dem „Spiegel“: Der Bildungsanspruch werde nicht gesenkt, sondern durch eine „didaktische zeitliche Verschiebung“ sogar „qualitativ erhöht“. Das schriftliche Dividieren bleibe an den weiterführenden Schulen erhalten.

Änderung nicht nur in Niedersachsen geplant

Das Kerncurriculum Mathematik wurde für das neue Vorgehen geändert. Die neue Fassung ist bereits seit August 2025 in Kraft. Einen Alleingang sieht das niedersächsische Kultusministerium in seinem Vorgehen nicht. Die Anpassungen orientierten sich an den Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz (KMK) für das Fach Mathematik von Juni 2022.

Neben Niedersachsen hätten bereits fünf weitere Länder die Änderung angeschoben, hieß es. Diese sei ein Teil der bundesweiten Umsetzung gemeinsamer Standards, auf die sich alle Länder verständigt haben.

Zustimmung von Eltern – Kritik aus der Schulpraxis

Der niedersächsische Landeselternrat unterstützt die Pläne und sieht die Reform als sinnvolle Modernisierung. Doch aus den Schulen selbst kommen deutliche Bedenken. Vertreterinnen und Vertreter des niedersächsischen Schulleitungsverbands warnen davor, dass viele Kinder bereits beim Schuleintritt ein schwaches Zahlenverständnis hätten.

Gerade deshalb sei es fraglich, ausgerechnet eine der klar strukturierenden Methoden wie die schriftliche Division zu streichen. Besonders schwächere Schülerinnen und Schüler hätten oft ein Erfolgserlebnis, wenn sie dieses regelgeleitete Verfahren Schritt für Schritt bewältigen könnten.

Lehrerverbände warnen vor Folgen für weiterführende Schulen

Auch bundesweite Lehrerverbände schlagen Alarm. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Düll, sieht die Gefahr einer „verflachenden“ Kompetenzentwicklung. Wenn bestimmte Routinen in der Grundschule wegfielen, fehle Kindern später eine Grundlage, auf die die weiterführenden Schulen angewiesen seien, sagte er der „Bild-Zeitung“.

Dort stehe das schriftliche Dividieren weiterhin im Lehrplan, ebenso wie Problemlösungsstrategien, die auf vertieften Rechenverfahren basierten.

Ähnlich äußert sich die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands, Susanne Lin-Klitzing. Sie betont – ebenfalls in der Bild-Zeitung –, Kinder lernen beim Untereinanderschreiben der Zahlen nicht nur ein Rechenverfahren, sondern auch strukturiertes, formales Arbeiten. Leistungsstarke Schülerinnen und Schüler würden gezielt um Herausforderungen und Erfolgserlebnisse gebracht – und das könne die kognitive Entwicklung bremsen.

Mathematikdidaktiker hält Reform für richtig

Anders sieht es der Mathematikdidaktiker Timo Leuders von der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Er hält die Reform für fachlich richtig, sagt er im Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Leuders argumentiert, das halbschriftliche Dividieren sei „geschicktes Kopfrechnen auf Papier“ und ermögliche Kindern ein besseres Verständnis der Operationen.

Die schriftliche Division beherrschen die wenigsten im Erwachsenenalter, ich schätze, 90 Prozent hätten das nicht hingekriegt.

Timo Leuders, Mathematikdidaktiker 

Die schriftliche Division dagegen werde im Erwachsenenalter kaum noch beherrscht: „Die schriftliche Division beherrschen die wenigsten im Erwachsenenalter, ich schätze, 90 Prozent hätten das nicht hingekriegt.“ Sie koste wertvolle Unterrichtszeit, ohne langfristigen Nutzen zu bringen: „Um die schriftliche Division zu lehren, ist die Zeit zu schade.“

Den Vorwurf sinkender Standards weist der Pädagoge zurück. Das Weglassen eines Verfahrens bedeute keinen Bildungsabfall: „Die Menschen sehen nur: Da ist ein Inhalt. Der wird weggenommen. Also sinkt die Bildung. Eine Bildungslücke entsteht.

Entscheidend sei nicht die Anzahl der gelernten Verfahren, sondern das mathematische Verständnis: „Am wichtigsten ist das Verständnis, das brauche ich immer, um weiterzulernen.“ Aus reiner Verfahrenssicherheit entstehe dieses Verständnis jedoch nicht: „Aus der Fertigkeit erwächst kein Verständnis.

Laut Leuders behindern schriftliche Verfahren, so wie sie oft unterrichtet werden, sogar flexibles Denken. Zudem nehme übermäßiges Wiederholen schwächeren Kindern wichtige Lernzeit.

Sachsen setzt ein Gegenzeichen

Während Niedersachsen nun auf Reformkurs geht, grenzt sich das Bundesland Sachsen klar ab. Kultusminister Conrad Clemens (CDU) erklärte am Montag, man werde die schriftliche Division weiterhin in der vierten Klasse unterrichten.

Der Freistaat orientiere sich an den 2022 aktualisierten Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz, in denen das Verfahren fest verankert sei. Sachsen weist damit den niedersächsischen Vorstoß ausdrücklich zurück. (Tsp/mit Agenturen)

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