Urlaub in Zeiten des Klimaschutzes : Von kollektiver Scham und eigener Verantwortung

Die Liste unserer täglichen Mensch-, Tier- und Umweltsünden scheint endlos. Kann man den Urlaub da überhaupt noch genießen? Eine Kolumne.

Urlaub unter Palmen, zum Beispiel auf den San Blas Inseln in Panama? Verursacht oft gegen ein schlechtes Gewissen.
Urlaub unter Palmen, zum Beispiel auf den San Blas Inseln in Panama? Verursacht oft gegen ein schlechtes Gewissen.Foto: imago/Westend61

Kennen Sie Flugscham? Nein? Ich kannte den Begriff bisher auch nicht. Spontan habe ich ja gedacht, damit ist gemeint, dass man sich für die Mitreisenden schämt, denen jeglicher Anstand und Manieren fehlen. Die sich im Flugzeug benehmen, als säßen sie in Jogginghose zu Hause auf dem Sofa. Aber das nennt man wohl eher asozial.

Nein, Flugscham bedeutet, dass man sich schämt, selbst zu fliegen, obwohl man doch längst weiß, dass das ökologisch eine Katastrophe ist. Und jetzt, so kurz vor dem Osterurlaub, nachdem man vielleicht gestern mit den Kindern auf der „Fridays for Future“-Demo war, könnte sie so manchen von uns unverhofft überkommen.

Und wenn wir schon mal bei neuen Wortkreationen sind: Wie ist es eigentlich mit Fleischscham? Wissen wir doch alle, dass Hühner nicht auf Bullerbü gelebt haben, wenn das Kilo Hähnchenbrust im Supermarkt 1,99 Euro kostet. Und wie ist es um Ihre Plastikscham bestellt? Derjenige werfe den ersten Stein, der noch nie seine wenigen Einkäufe in einer kostenlosen Obstplastiktüte nach Hause transportiert hat, weil man mal wieder den Stoffbeutel zu Hause vergessen hat. Und ja, auch ich habe schon mal T-Shirts bei H&M für 4,99 Euro gekauft, obwohl ich weiß, dass die Näherinnen in Bangladesch ausgebeutet werden.

Die Liste unserer täglichen Mensch-, Tier- und Umweltsünden könnte ich bis zum Ende der Kolumne fortführen. Aber was bringt das? Die Frage ist doch: Wo ist individuelle Verantwortung sinnvoll und ab wann beginnt die Paranoia am öffentlichem Pranger? Ich möchte Sie lieber dafür erwärmen, Ihren gesunden Menschenverstand einzuschalten. Denn zwischen den beiden Extremen „nach mir die Sintflut“ und „ich werde jetzt eine zu Fuß laufende nackte Veganerin“ gibt es noch unglaublich viele Grautöne, für die wir uns entscheiden können.

Bei mir zum Beispiel würde ein kompletter Verzicht auf das Fliegen bedeuten, dass ich meine Arbeit nicht mehr machen könnte. Vergangenes Jahr musste ich etwa zu einer Konferenz nach Sydney. Von solchen Aufträgen lebe ich. Und niemand würde auf die Idee kommen, mir zu sagen, dass ich mit dem Schiff nach Australien kommen müsste. Zumal ich nicht mal sicher bin, ob es mit dem Schiff wirklich umweltschonender wäre.

Eine Frau liest in einer Hängematte am Badestrand
Eine Frau liest in einer Hängematte am BadestrandFoto: dpa

Auch beim Einkauf gilt es, erst einmal nachzudenken: Wenn wir als Endverbraucher unseren Kopf benutzen, wenn wir konsequent Verpackungen im Supermarkt zurücklassen, Lebensmittel nicht in Plastikverpackungen kaufen, Billigfleisch links liegen lassen und statt zehn billiger T-Shirts eines mit Qualität kaufen, dann werden auch die Hersteller reagieren müssen. Nicht heute, auch nicht morgen, aber ganz sicher in der Zukunft. Denn es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als die Qualität zu verbessern. Sonst entgeht ihnen nämlich der Gewinn.

Reisen als moderner Ablasshandel

Eine Freundin umgeht ihre Flugscham übrigens religiös. Sie beruhigt ihr Gewissen nach dem Ablassprinzip und spendet regelmäßig an die Klimaschutzorganisation „Atmosfair“. Und nichts wäre ihr lieber, als wenn die Politik Autofahren innerhalb der Stadt verbieten würde. Und das, obwohl sie selbst mit ihrem Auto durch die Stadt fährt. Sie weiß, dass nur ein Verbot sie endlich davon abhalten würde.

Bei mir ist es mit dem Fliegen übrigens so: Innerdeutsch fliege ich schon seit zehn Jahren nicht mehr. Ja, mit der Bahn dauert es länger, aber das ist mein Kompromiss. In den Urlaub werde ich wiederum auch in diesem Jahr wieder fliegen. Und das ganz ohne Flugscham. Denn, dass ich jeden Tag ein bisschen was für die Umwelt, gegen Massentierhaltung, gegen Plastikmüll und gegen menschliche Ausbeutung tue, gibt mir ein so gutes Gefühl, dass ich meinen Urlaub genießen werde.

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