Verwaltung : Bürokratie muss kein Schimpfwort sein

In der Verwaltung spiegelt sich das Scheitern einer Gesellschaft wider. Sie kann aber auch zum Ausgangspunkt für ihr Gelingen werden.

Stempel und Akten sind Sinnbilder der Bürokratie.
Stempel und Akten sind Sinnbilder der Bürokratie.Foto: Patrick Pleul/dpa

Schon Asterix und Obelix haben sie kennengelernt, die Abgründe der Bürokratie. Im 1976 veröffentlichten Zeichentrickfilm „Asterix erobert Rom“ müssen sich die gallischen Hauptprotagonisten einer Reihe von Abenteuern stellen, um Cäsar zu beweisen, dass sie göttliche Kräfte besitzen. Eine der Aufgaben: Asterix und Obelix sollen den „Passierschein A 38“ aus dem „Haus, das Verrückte macht“ besorgen. Besagtes Haus ist eine Verwaltungszentrale, in dem die Beamten sich längst im formalistischen Bürokratiewald verloren haben. Tristesse und Langeweile dominieren die Stimmung. Mit einem Antragsformular werden die Protagonisten kreuz und quer durch das Haus geschickt, ohnmächtig gegenüber dem sie schikanierenden Apparat.

Immer deutlicher wird, dass die Angestellten und Bewohner der Stadt an ihrer eigenen Verwaltung den Verstand verloren haben. Schließlich kippt die Stimmung in ein anarchisches Chaos. Es ist nur ein Kinderfilm – doch er veranschaulicht die Folgen, wenn bürokratische Strukturen nicht mehr dem Menschen dienen, sondern sich gegen sie selbst richten.

Die gesellschaftlichen Tendenzen in westlichen Gesellschaften werden von Wissenschaftlern häufig mit dem Begriff des „Disruptiven Zeitalters“ umschrieben: Etwas Bestehendes auflösend, zerstörend, aufspaltend. Das kann Raum für progressive Entwicklung schaffen. Doch nicht erst die Ereignisse von Chemnitz zeigen, dass disruptive Entwicklung der Gesellschaft reaktionären Kräften Aufschwung verschaffen können. Kann ausgerechnet die Verwaltung hier Gegenimpulse setzen?

"Es geht um eine Geisteshaltung"

Der Städteforscher Charles Landry ist der Autor des Buches „Creative Bureaucracy“. Landry streitet dafür, dass wieder der Mensch und seine gelebte Erfahrung des Arbeitens im Mittelpunkt des Systems stehen sollten. Bürokratie, so argumentiert er, sei eben nicht nur eine Struktur oder ein Organigramm mit funktionalen Beziehungen und Rollen – sondern die oft bescholtenen Bürokraten seien vor allem Menschen mit Emotionen, Bestrebungen, Energie, Leidenschaft und Werten.

Die Umbewertung habe auch gesellschaftliche Implikationen, stellte Landry bei der Eröffnung des „Creative Bureaucracy“-Festivals klar: „Es geht um eine Geisteshaltung. Wir müssen wagen, offen zu sein.“ Unter dem Titel „Think different! Wie Kreativität den öffentlichen Sektor verändern kann“ diskutierte er dabei mit Amelie Deuflhard, Intendantin der Internationalen Kulturfabrik Kampnagel in Hamburg, der „Jazz & The City“-Leiterin Tina Heine aus Salzburg und Johnny Haeusler, Mitgründer der Berliner Digitalkonferenz re:publica. Haeusler betonte dabei, dass der Zustand unserer Gesellschaft sich auch im bürokratischen Satz „Dafür bin ich nicht zuständig“ widerspiegele.

„Die verwaltete Welt“ ist einer der zentralen Begriffe im Denken von Theodor W. Adorno. Der Philosoph bezeichnete damit die losgelöste Herrschaft der administrativen Prinzipien, in der sich die Macht der Institutionen dermaßen verselbstständigt haben, dass der Mensch nur noch ein Anhängsel seiner Verwaltung ist: Kein Raum für Spontanität ist mehr möglich, in starren Strukturen keine individuelle Regung. Der Einzelne ist dann zweitrangig, wenn das System funktioniert. Was geschieht, wenn dadurch Teile einer Bevölkerung von ökonomischen und gesellschaftlichen Prozessen abgehängt werden, kann weltweit beobachtet werden.

Das Gefühl des Verlassenseins

Deutlicher noch als in Deutschland sind in Frankreich die Zusammenhänge zwischen sozialem Abstieg und aufkeimendem Rechtspopulismus spürbar: Die Kandidatin des rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, konnte in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl mit 21,3 Prozent das beste Ergebnis in der Geschichte der rechtsradikalen Partei sichern. Doch Menschen werden nicht fremdenfeindlich und mit Ressentiments geboren. Der Autor Johannes Hillje vom Thinktank „Progressives Zentrum“ in Berlin wollte mit denjenigen sprechen, die wahlweise als „Globalisierungsverlierer“ oder „Abgehängte“ bezeichnet werden. In einer aufwändigen Studie ließ er in Frankreich und Deutschland in jenen Regionen Menschen interviewen, wo Rechtspopulisten Wahlerfolge erzielten.

In über 500 Haustürgesprächen beobachtete Hillje immer wieder einen weitverbreiteten Eindruck der Benachteiligung und erkannte, dass die Abwertung Anderer eine unmittelbare Folge einer eigenen Abwertungserfahrung ist. Viele der Befragten beschrieben ein Gefühl des Verlassenseins.

Am Samstagabend wird Hillje bei „Creative Bureaucracy“ konkrete Handlungsfelder zur Diskussion stellen, die er aus seinen Forschungsergebnissen ableitet. Mit ihm diskutieren die Bloggerin und Netz-Aktivistin Kübra Gümüsay, die sich viel mit Debattenkultur und Hate Speech auseinandergesetzt hat, und Maik Bohne, Inhaber der Dialogberatung „Die Gesprächspartner“. Bohne vermittelt regelmäßig zwischen Behörden und Bürgern und berichtet aus der Praxis vom Vertrauensverlust gegenüber der repräsentativen Demokratie.

Viele Ansätze, die beim Festival präsentiert werden, zeigen auf, dass ein Apparat, der von vielen Bürgern als gängelnd und undurchsichtig wahrgenommen wird, transformiert werden kann – zu einer Verwaltung, die das Gemeinwohl transparent organisiert und für das Wohl aller sorgt, ihre freie Entfaltung befördert, statt sie in Regularien zu ersticken. Denn gewählt wird nur alle vier Jahre, doch die Behörden sind die tägliche Berührungsfläche der Bürger mit den staatlichen Strukturen. Der Alltag auf dem Amt kann so ein Stück Vertrauen in demokratische Verfasstheit wiederherstellen. Das „Haus, das Verrückte macht“, könnte wieder zu einem „Haus, dass Gemeinschaft schafft“ werden.

Der Tagesspiegel hat Vorbilder für exzellente Verwaltung aus aller Welt nach Berlin zum "Creative Bureaucracy Festival" am 8. und 9. September eingeladen. Mehr dazu finden Sie auch auf unserer Themenseite.

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