Vielfalt und Teilhabe : Wo Deutschland noch zu weiß ist

Inzwischen hat fast ein Viertel der Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund. Doch wie sieht es mit der Teilhabe der „neuen Deutschen“ aus?

Das ganze Spektrum der Herkünfte ist vertreten in Deutschland - aber noch nicht überall.
Das ganze Spektrum der Herkünfte ist vertreten in Deutschland - aber noch nicht überall.Foto: Adode Stock, istock, Getty Images, Montage: Tsp

Ihre Zahl wächst rasch: 19,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, vom Säugling bis zur Greisin, leben inzwischen in Deutschland. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt beinahe ein Viertel, nämlich 23,6 Prozent. In nur einem Jahr, zwischen 2016 und 2017, so verkündete es das Statistische Bundesamt vergangene Woche, stieg dieser Anteil um 4,4 Prozent. Gerade fünf Jahre ist es her, da zählte die Wiesbadener Behörde zum ersten Mal ein Fünftel migrantischer Bevölkerung. Überhaupt erfasst wird der „Migrationshintergrund“ seit 2005. Bis dahin kannte die Statistik nur deutsche und ausländische Staatsbürger. Seitdem zählt sie auch, wer hier lebt und entweder selbst mit ausländischer Staatsangehörigkeit geboren wurde oder mindestens einen Elternteil ohne deutschen Pass hat.

Mehr als die Hälfte der "Migranten" hat den deutschen Pass

Der Anteil ist also enorm, und die Kurve zeigt seit Jahren nur nach oben. Doch wie sieht es mit der Teilhabe der „neuen Deutschen“ aus, ihrem Anteil an Berufen, in der öffentlichen Verwaltung, in Gewerkschaften, Universitäten und nicht zuletzt in Führungspositionen? Die ist ganz selten auf der Höhe ihres Anteils an der Bevölkerung. Und das ist nicht selbstverständlich, denn es handelt sich bei der Mehrzahl der „Menschen mit Migrationshintergrund“ nicht um kürzlich Eingewanderte, sondern um hier Geborene – von denen viele die das Etikett „Migrant“ denn auch nur zähneknirschend akzeptieren, weil sie sich dadurch als weniger oder gar nicht zugehörig abgestempelt sehen. Immerhin 51 Prozent von ihnen – auch dies die jüngste Zahl – haben nämlich die deutsche Staatsbürgerschaft, oft neben der ihrer Eltern oder Großeltern.

Das ungeliebte Kriterium „Migrationshintergrund“ hat freilich den Vorteil, dass sich mit seiner Hilfe nicht nur die wachsende tatsächliche Vielfalt der Gesellschaft – was ethnische Herkunft betrifft, deren sichtbarste, meistdiskutierte und umkämpfte Variante – messen lässt. Die Daten, die das Statistische Bundesamt dazu seit mehr als einem Jahrzehnt sammelt, bieten auch die Basis dafür zu prüfen, wie weit es die Gesellschaft darin gebracht hat, diese Vielfalt abzubilden oder auch: Wie viel Platz sie den „Neuen Deutschen“ zugesteht. Das haben in den vergangenen Jahren immer mehr Institutionen genutzt und kamen zu dem Schluss: Noch lange nicht genug, jedenfalls nicht so viel, wie es ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht – aber auch nicht so viel, wie es ihrem Anteil an gut Ausgebildeten und Akademikerinnen nach zu erwarten wäre.

Bundesverwaltung besser als Behörden allgemein

So schauten auch Teile der öffentlichen Verwaltung nach und entdeckten Tristes: Selbst Berlin, das sich so gern als bunte Metropole präsentiert, ist sehr einfarbig dort, wo Entscheidungen getroffen werden: Einer im März veröffentlichten Studie zufolge sind 97 Prozent der Führungskräfte in den Behörden der Hauptstadt weiß. Und dies bei einem Migrantenanteil, der zwar hinter den durchmischteren deutschen Großstädten wie Stuttgart oder Frankfurt am Main liegt, aber immer noch bei mehr als einem Viertel, also etwas über dem Bundesanteil.

Die Verwaltung des Bundes kam vor zwei Jahren auf einen Anteil von 14,8 Prozent, als sie in 14 Bundesministerien, der Bundeswehr und acht oberen Bundesbehörden nachzählte. Das war deutlich mehr, als jene 6,7 Prozent, die die allgemeine Statistik drei Jahre zuvor für die gesamte öffentliche Verwaltung ermittelt hatte. Aber es blieb ebenso deutlich hinter dem Migrantenanteil der Gesamtbevölkerung zurück, seinerzeit schon mehr als ein Fünftel – und auch hinter den 20 Prozent Migranten, die zum gleichen Zeitpunkt in der Privatwirtschaft beschäftigt waren.

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Außerdem monierte die damalige Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz, dass die Luft an der Spitze auch der Bundesbehörden für Migranten dünn ist. Die Mehrzahl der Beschäftigten seien bisher junge Frauen, die in eher niedrigeren Laufbahngruppen beschäftigt waren, seltener in unbefristeten Arbeitsverhältnissen und seltener verbeamtet. Es müsse „wachrütteln“, sagte sie damals, wenn Migranten „nicht nur schwerer den Weg in die Verwaltung finden, sondern auch überproportional im einfachen und mittleren Dienst vertreten sind und offenbar nicht weiterkommen“. Das Ganze, so Özoguz, erinnere an die Diskussion um weibliche Führungskräfte.

In der Verwaltung tritt der Staat den Bürgerinnen und Bürgern unmittelbar gegenüber – dort eher selten auf Menschen mit „anderen“ Namen und Hautfarbe zu treffen, signalisiert Mehrheit wie Minderheit unausgesprochen, dass sie dort nichts zu suchen haben. Dramatischer womöglich noch bei der Polizei, wo die Begegnung mit Vater Staat konfliktreich werden kann: In einer Untersuchung, die der „Mediendienst Integration“ in Auftrag gab, stellte er vergangenes Jahr eine deutliche Unterrepräsentation in den meisten der 16 Landespolizeien fest (die Bundespolizei hat dazu keine Daten).

Besonders einfarbig: Lehrerzimmer und Redaktionen

So hatten in Schleswig-Holstein nur 3,5 Prozent der neu eingestellten Polizistinnen einen Migrationshintergrund, bei einem Bevölkerungsanteil von gut 13 Prozent. In Nordrhein-Westfalen sind mehr als ein Viertel der Menschen Einwanderer oder Kinder von Einwanderern. Unter den neuen Gesetzeshütern waren es aber im Jahr der Befragung 2016 nur wenig mehr als ein Zehntel (zwölf Prozent). Darin bildete sich aber bereits eine Steigerung gegenüber einer früheren Befragung ab. Und einige Länder hatten sogar mehr erreicht, als dem jeweiligen Migrantenanteil in der Bevölkerung entsprach. So hatten in Berlin 29,2 Prozent der Neueingestellten Polizisten Migrationshintergrund, in Sachsen-Anhalt neun – bei einem Bevölkerungsanteil von nur rund fünf Prozent.

Eine besonders schlechte Bilanz hat eine der wohl wichtigsten Sozialisationsinstanzen der Gesellschaft, die Schule: In den Klassenzimmern sitzen zwar zu mehr als einem Drittel Kinder und Jugendliche mit türkischen, polnischen, vietnamesischen oder arabischen Familien. Die sie unterrichten, haben aber nur in einem Zehntel der Fälle einen Familienhintergrund wie sie. 90 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer sind nach wie vor alteingesessene Deutsche. Auch wenn es Zweifel gibt, wie wichtig der Migrationshintergrund einer Lehrkraft für den Lernerfolg ihrer Klientel ist: Vielfalt spiegeln Deutschlands Lehrerzimmer jedenfalls noch nicht wider, trotz vieler Förderprogramme, trotz staatlicher und Stiftungsstipendien für migrantischen Nachwuchs an den Schulen.

Auch außerhalb des öffentlichen Sektors gibt es für die Teilhabe von Migranten große weiße Flecken. Gerade dort, wo herrschende Bilder und Meinungen über sie geprägt und verstärkt werden, zum Beispiel in den Medien. Im Fernsehen und im Rundfunk sind Moderatoren und Reporterinnen mit griechischen, türkischen, arabischen und italienischen Namen inzwischen zwar sicht- und hörbar, auch in den Hauptnachrichten und im Programm zur Prime Time. Doch bei ihren Kollegen, die auf Papier arbeiten, sieht die Lage trostlos aus. Wobei sie nicht in neueren und statistisch validen Zahlen zu fassen ist, weil die – bezeichnend? – bisher nicht erhoben wurden.

Migrantische Abgeordnete: AfD vor CDU/CSU

Aber eine erste Studie von 2006 kam zu dem Schluss, dass lediglich 1,2 aller Journalistinnen und Journalisten Migranten oder Kinder von Migranten sind. Und die sind nicht einmal gut verteilt. „In 84 Prozent der Tageszeitungen sind die Einheimischen unter sich“, schrieben Rainer Geißler, Kristina Enders und Verena Reuter in ihrer Untersuchung im Sammelband „Medienumbrüche“. Die „Neuen Deutschen Medienmacher“, ein Zusammenschluss migrantischer und nichtmigrantischer Journalisten, die sich dafür engagieren, diesen Anteil zu steigern, rechnen inzwischen optimistisch mit immer noch trüben zwei Prozent.

Dennoch ein „krasses Missverhältnis“, wie Geißler und Kolleginnen konstatieren, und eine „Hypothek der Gastarbeiter-Politik“ und ihrer Integrationsversäumnisse. Dass die Zahlen nicht noch geringer ausfallen, liegt nach ihrer Meinung an den Öffentlich-Rechtlichen, die einen offiziellen Integrationsauftrag haben. Der Sinn für Diversität sei dort daher „eher entstanden und weiter verbreitet“ als in Zeitungsredaktionen.

Leicht gestiegen ist der Migrantenanteil im Bundestag – auch wenn er nach wie vor deutlich unter dem Bevölkerungsschnitt von 23,6 Prozent liegt. Im Parlament sitzen seit der Wahl im September vergangenen Jahres acht Prozent Menschen mit Einwanderungsgeschichte. In der Legislaturperiode davor waren es erst 5,9 Prozent. Das Ranking hat sich seither trotz des Einzugs einer neuen Partei, der AfD, nicht verändert: Wie schon 2013 schickte die Linke (18,8 Prozent), gefolgt von den Grünen (14,9), die anteilig meisten Neuen Deutschen in die Volksvertretung. Schlusslicht ist wie seinerzeit die Unionsfraktion mit 2,9 Prozent. Die AfD, die ihren Erfolg vor allem auf Migrationspanik gründete, überflügelt mit 8,7 Prozent überraschend nicht nur sie, sondern auch die FDP (6,3). Die SPD kommt auf 9,8 Prozent.

Nur eine Gewerkschaft spiegelt die Vielfalt Deutschlands

Die Einwanderungsgesellschaft scheint sich in puncto Teilhabe also bestenfalls im Schneckentempo voranzubewegen. Und Deutschland, das lange keine sein wollte, ist nicht einmal besonders langsam. So sind im erklärten und stolzen Einwanderungsland Kanada, das seit Jahrzehnten Gleichstellungspolitik betreibt, kaum mehr Neu-Kanadier in Zeitungsredaktionen beschäftigt als neue Deutsche hierzulande. Aber es geht voran. Und an einigen Stellen scheint das Ziel gleicher Chancen und Teilhabe sogar schon geschafft.

So hat die IG Metall vor einiger Zeit nachzählen lassen und – teils zum eigenen Erstaunen – festgestellt, dass sie mit 21,7 Prozent migrantischen Mitgliedern ein perfekter Spiegel der Gesellschaft ist. Auf den Funktionärsebenen sind Gewerkschafter mit Einwanderungshintergrund sogar zu einem runden Drittel vertreten, also stärker, als dieser schon hohe Mitgliedsanteil. Die größte Einzelgewerkschaft der Welt sei damit in Deutschland „die erste Großorganisation“, die einen repräsentativen Anteil geschafft habe, schrieb das Wissenschaftlerteam, das den Anteil untersucht hat.

Dass die Metaller so weit kamen, hat Zeit gebraucht – und ordentlich Engagement: Die IG Metall richtete schon vor 57 Jahren ein „Referat für ausländische Arbeitnehmer“ ein, das Max Diamant leitete. Er hatte als Sozialist und Jude unter dem NS-Regime nach Mexiko fliehen müssen und besaß wohl eine besondere Sensibilität und Hartnäckigkeit für das Thema. Ob man nur deutsche oder alle Arbeitnehmerinnen vertreten solle, war damals auch in den Gewerkschaften noch hochumstritten. Das Betriebsverfassungsgesetz ebnete dann 1972 die Unterschiede zwischen den einen und den andern ein, eine wichtige Voraussetzung für die tatsächliche Gleichstellung in den Unternehmen, meint Serhat Karakayali, Leiter der IG-Metall-Studie. Sein Team am Berliner Institut für vergleichende Integrations- und Migrationsforschung will sich jetzt weitere Großorganisationen vornehmen, um herauszufinden, was wirkt.

"Wir fühlen und in der Kaserne wohler als außerhalb"

Von selbst passiert offensichtlich nicht alles. Dass es Engagement braucht, bestätigt auch Dominik Wullers, Gründer von „Deutscher Soldat“. Im Verein mit dem selbstironischen Namen haben sich schwarze und migrantische Soldatinnen und Soldaten organisiert. Deren Erfahrungen könnten ein paar Hinweise liefern. Der Bundeswehr bescheinigt Wullers „relative Diskriminierungsfreiheit“. Trotz einiger „schlimmer Fälle“ von Rassismus, die Schlagzeilen gemacht hätten, gehe es in der einstigen Schule der Nation „sehr fair und offen“ zu. „Wir fühlen uns in der Kaserne und in Uniform oft wohler als außerhalb“, sagt Wullers.

Beim Bund habe man zudem Chancen, die viele sich mit ihrem familiären Hintergrund sonst kaum leisten könnten – zum Beispiel ein Studium, für das der Arbeitgeber aufkomme. So sei der Anteil Studierender aus Minderheiten an den beiden Bundeswehrhochschulen in Hamburg und München sogar höher als ihr Anteil an der Truppe.

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