Wahlspot mit ertrinkendem Kind : Gar nicht komisch - die "Partei" wirbt für Europa

Satire kann auch anders. Die Wahlwerbung der Spaßpartei verlässt die Routinen. Schon das ist ein Verdienst. Ein Kommentar.

Martin Sonneborn (Mitte) und Mitstreiterinnen bei einer "Partei"-Veranstaltung in Potsdam.
Martin Sonneborn (Mitte) und Mitstreiterinnen bei einer "Partei"-Veranstaltung in Potsdam.Foto: Manfred Thomas / Tsp

Manche Fernsehzuschauer dürften von dem Programm kalt erwischt worden sein, das ihnen das ZDF am Mittwochabend bot. Angekündigt wurde eine Wahlwerbung. Stattdessen war ein Junge in Sportjacke dabei zu beobachten, wie er ertrank. Eine eingeblendete Botschaft parodierte den üblichen Zusatz, wonach nur die Parteien für die Spots zuständig seien: „Für den Inhalt dieses Films ist ausschließlich die EU verantwortlich.“
Zweifellos eine Pointe – und was für eine. Serviert wurde sie von der für Spaßpolitik bekannten „Partei“ um den Satiriker Martin Sonneborn, verfertigt haben sie die gemeinnützigen zivilen Seenotretter von „Sea Watch“. „Uns sind dazu auch keine Witze eingefallen“, gab „Partei“-Kandidat Nico Semsrott zu Protokoll, sonst ebenfalls ein begabter Witzeschmied. Von besonderer Perfidie waren die Eingangsszenen, die das Kind erst ruhig erschienen ließen, dann desorientiert und schließlich panisch. Eine Dramaturgie, wie sie in der Wirklichkeit unwahrscheinlich wäre.

Reden die Politiker Wichtiges, wenn sie von Vertrauen reden?

Eine Provokation? Selbstverständlich. Muss man das ernst nehmen? Man kann. Eine Satire? Auf jeden Fall. Mit einer Anklage zum Flüchtlingssterben im Mittelmeer in die geschönte Wahlwerbewelt der Parteien einzudringen, bricht Routinen, entzieht sich Kategorien und weitet die Perspektive: Reden die Politiker eigentlich Wichtiges, wenn sie, wie sonst stets, Vertrauen, Zusammenhalt und eine gute Zukunft beschwören? Statt bekannter Propaganda wird hier sinnbildlich ein Untergang Europas präsentiert. Zerstritten, überfordert und unfähig einem Zustand zu begegnen, der gewiss auf mehr und andere Ursachen zurückzuführen ist, als sie mit den Szenen angesprochen sind. Und der für die Gemeinschaft dennoch moralisch belastend, wenn nicht untragbar ist. Satire muss nicht komisch sein.

"Migration tötet", lautete die Botschaft der NPD

Als weitere, wenn auch zynisch anmutende Pointe darf gelten, dass der Spot ebenso gut mit einer Überschrift hätte versehen werden können, wie sie der NPD als Wahlwerbung eben noch höchstrichterlich verboten wurde: „Migration tötet“. In der ebenso radikalen wie radikal vereinfachenden Sichtweise mag es auch sonst Parallelen geben. Doch der wesentliche Unterschied liegt im Motiv. „Sea Watch“ und „Partei“ kritisieren die Mächtigen. Die NPD ruft zu Hass und Gewalt gegen ohnmächtige Menschen auf.
Mag sein, dass viele Vernünftige das eine wie das andere ablehnen. Doch das wäre im Fall des „Partei“-Spots schade. Die Verletzung von Anstandsgefühlen, wie sie in instinktiver Abwehr spürbar wird, ist bloß kalkulierte Folge. Die Wahlwerber wollen, dass sich die Wählerinnen und Wähler auf etwas besinnen. Dass sie den Wahlen ihre Aufmerksamkeit schenken. Die „Partei“ mag dabei schlecht abschneiden, für Europa hat sie etwas erreicht.

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