• Weltgesundheitsorganisation als Sündenbock: Trump darf die WHO nicht ausgerechnet jetzt schwächen

Weltgesundheitsorganisation als Sündenbock : Trump darf die WHO nicht ausgerechnet jetzt schwächen

Die Weltgesundheitsorganisation wird in der Corona-Pandemie gebraucht wie nie. Ausgerechnet nun schwächen die USA und China sie - aus Eigennutz. Ein Kommentar.

Hans Monath
US-Präsident Donald Trump
US-Präsident Donald TrumpFoto: Tom Brenner/REUTERS

Wer den Konflikt um die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verstehen will, muss zwei Gedanken zur Corona-Pandemie verstehen, die sich leider widersprechen. Die weltweite Bedrohung durch das Virus macht es erforderlich, dass Staaten mit unterschiedlichen Interessen und Überzeugungen bei der Eindämmung der Krise und der Entwicklung eines Impfstoffes zusammenarbeiten und gemeinsam vorgehen.

Keiner, und sei er noch so mächtig, kann alleine viel ausrichten. Wenn die anderen nicht mitziehen, kommt das Virus zurück. Um es etwas akademischer zu sagen: Die Coronakrise müsste die Stunde des Multilateralismus sein.

Doch nun die schlechte Botschaft: Auch diese Weltkrise mit bislang unvorstellbaren Schäden für Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer setzt nicht die stählernen Gesetze der Machtpolitik außer Kraft. Deshalb war die WHO vor ihrer virtuellen Tagung zum Spielball Washingtons und Pekings geworden.

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Donald Trump braucht China als Sündenbock, um angesichts riesiger Zahlen von Infizierten vom eigenen Versagen abzulenken. Völlig unberechtigt ist seine Kritik an Pekings Umgang mit dem Virus vor allem in der Anfangsphase nicht. Sie wird auch von westlichen Regierungen ohne rechtspopulistische Agenda geteilt.

Doch Trumps Attacken auf die WHO, die er zum Komplizen Chinas abstempelt, sind überzogen, seine Drohung mit der Sperrung der Gelder gefährlich. Die Regierung in Peking spielt sich als Musterbewältiger der Pandemie mit überlegenem System auf, bietet Ländern in der EU und in Afrika Hilfe an, versucht ihren Einfluss nach dem Motto zu mehren, wonach man nie eine ernsthafte Krise vergeuden solle. Auch Taiwan soll nun plötzlich gar nicht mehr an den WHO-Beratungen teilnehmen dürfen.

Außenminister Heiko Maas hat ein treffendes Bild für die Versuche gefunden, die WHO zu torpedieren: Das sei, als würde man aus einem fliegenden Flugzeug den Piloten hinauswerfen. Demonstrativ hat die Kanzlerin am Montag die WHO-Arbeit gewürdigt und Unterstützung versprochen. Die, sagen Experten, müsste dringend reformiert werden, um leistungsfähiger zu werden.

Doch in der Pandemie gibt es keine andere Organisation, die weltweit koordinieren kann. Dass sich in der WHO nun eine Einigung auf eine unabhängige Untersuchung der eigenen Corona-Politik abzeichnet, ist deshalb eine gute Nachricht.

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