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Ferda Ataman macht Karriere.
© Jörg Carstensen/dpa

Zum Streit um Ferda Ataman: Wer gegen Diskriminierung antritt, darf nicht leise sein

Der Aufstand wegen Aussagen der bisherigen Diversity-Aktivistin Ataman zur „Kartoffeligkeit“ von Deutschen ist übertrieben. Sagt eine Kartoffel. Ein Kommentar.

Ein Kommentar von Stephan-Andreas Casdorff

Die Kritik am Vorschlag Ferda Ataman für die Position der Beauftragten für Antidiskriminierung zeigt, wozu kontroverse Besetzungen für schwierige Posten führen. Die (grüne) Familienministerin traut sich was - und das ist das Ergebnis: Es werden gleich scharfe Schwerter geschwungen. Muss das sein?

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Beispiel: „Mit dieser Personalie als Antidiskriminierungbeauftragte zeigt die Bundesrepublik, was sie wirklich von den Bemühungen hält den Islam zu demokratisieren, vom täglichen Kampf für Menschenrechte, Mündigkeit und Meinungsfreiheit, nämlich nichts!“, sagt Soziologe Ahmad Mansour. Und, schärfer: Ataman werde „in Wahrheit eine Beauftragte für Cancel Culture und Spaltung der Gesellschaft“ sein. „Diese Politik wird für noch mehr Diskriminierung sorgen, da sie Menschen nach Herkunft und Hautfarben unterteilt. Der Kritik an ‚alten weißen Männern‘ oder ‚Kartoffeln‘ ist Intoleranz unter dem Deckmantel der Anti-Diskriminierung.“

Harsche Kritik auch aus Union und FDP

Oder die harsche Kritik aus Union und FDP. Da stellt die CSU-Politikerin Andrea Lindholz schneidend fest: „Frau Ataman fiel bisher vor allem mit plumpen Provokationen und harter linker Ideologie auf.“ Es sei falsch, „die Mehrheitsgesellschaft zu beleidigen oder soziale Gruppen gegeneinander auszuspielen“.

Ataman, Integrationsaktivistin, Autorin, Kolumnistin (beim Tagesspiegel), Diversity-Unternehmerin: Streitbar ist sie. Will sie auch sein. Dass sie in Person jetzt politischen Streit auslöst, war demzufolge logisch.

Nehmen wir noch ihre Worte (für eine „taz“-Beilage der Amadeu-Antonio-Stiftung) in Richtung des damaligen Bundesministers Horst Seehofer (CSU) dazu. Die hatten es schon in sich: „Politiker, die derzeit über Heimat reden, suchen in der Regel eine Antwort auf die grassierende ‚Fremdenangst‘. Doch das ist brandgefährlich. Denn in diesem Kontext kann Heimat nur bedeuten, dass es um Blut und Boden geht.“ Blut und Boden, ein Begriff, verbunden mit den Nazis. Eine Provokation.

Aber, an diesem und an anderen Beispielen zeigt sich auch: Man kann sie auch anders lesen. Nicht als bloße linksidentitäre „Woke“-Rassistin neuen Zuschnitts, die schlicht gegen „weiße Deutsche“ agitiert. So schreibt Ataman zum Thema Heimat im „Spiegel“, Deutschland solle die „Heimat der Erinnerungskultur, der Weltoffenheit und der Toleranz“ werden. Das klingt schon anders.

Der "Kartoffel"-Begriff hat zwei Lesarten

Und zum „Kartoffel“-Clash hat sie festgehalten, dass es um Fremdzuschreibungen gehe und wie die wirkten, auf die Beschriebenen und in die Gesellschaft hinein. In dem Zusammenhang stand die „Kartoffel“; und die Reaktion gibt ihr, die selbst mit Fremdzuschreibungen leben muss, ja doch im Wesentlichen recht.Was zu folgendem Schluss führt, gewissermaßen einem Umkehrschluss: Wer gegen Diskriminierung antreten will oder soll, muss sich was trauen. Kann von Amts wegen nicht leise sein, brav, lieb. Da müssen auch schon mal Sachen gesagt werden (dürfen), die anecken. Sonst wird das doch nichts mit dem veränderten Bewusstsein, dem verändertes Handeln folgt.

Außerdem: Im Amt würde Ferda Ataman bestimmt anders formulieren. Das haben offizielle Ämter so an sich. Schon manche:r Grüne hat das vorgemacht, von Joschka Fischer bis heute. Unüblich ist das nicht. Auch das nicht: Posts auf Twitter zu löschen. Und sei es bis auf 66 Posts von mehr als 12.000. Heißt auch: Da wird was passend gemacht. Was wieder so und so gelesen werden kann, negativ und positiv. Oder so: In der Politik wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Sagt eine Kartoffel.

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