zum Hauptinhalt
Lobredner Kevin Kühnert mit Autor Erik Flügge und dessen Buch, das Mut machen soll.
© imago/IPON

Neues Buch über politische Kultur: Wie wir wieder ins Gespräch kommen

Ist der Rechtsdrall der Politik gottgegeben? Keineswegs, meinen Autor Erik Flügge und Juso-Chef Kevin Kühnert: Es fehle nur an politischer Führung.

Von Hans Monath

Juso-Chef Kevin Kühnert wollte den Gedanken nicht so annehmen, wie er gemeint war. "Ich verstehe das als bewusst gesetzte Provokation", wiegelte der Chef des SPD-Jugendverbandes am Montag in Berlin bei der Vorstellung des Buches "Deutschland, du bist mir fremd geworden" von Erik Flügge ab. In der gegenwärtigen SPD sei zudem schlicht "nicht praktikabel", was Flügge vorschlage, warnte Kühnert. Der Autor nämlich will, dass sozialdemokratische Kandidaten künftig eine Mindestzahl von Unterschriften vorlegen müssen, von denen die Hälfte von Nicht-Akademikern kommt.

Was der Juso-Chef als nettes Gedankenspiel abtun wollte, ist für den Kommunikationsfachmann und Buchautor weit mehr. "Ich meine diesen Vorschlag durchaus ernst", korrigierte Flügge seinen Vorredner. Nur so könne sichergestellt werden, dass SPD-Funktionsträger sich nicht nur an der Binnenwelt der eigenen Partei orientierten, sondern zum Beispiel an der sozialen Realität ihres Wahlkreises. Der Prozess der Auswahl etwa von Bundestagskandidaten in der SPD werde auch wegen der minimalen Zahl von Direktmandaten „immer inzestuöser“, klagte der Autor. Diese Selbstbeschäftigung, dieses kommunikative Kreisen um sich selbst, müsse man mit einem "machtpolitisch relevanten Hebe"“ verhindern.

Der Zwist über die Pflicht zur Rückversicherung von Sozialdemokraten mit Nicht-Akademikern aber war die einzige größere Kontroverse, die Kühnert und Flügge bei der Präsentation austrugen. Denn der Juso-Chef zeigte zwar eine gewisse kulturelle Distanz zum Titel des Buches ("Deutschland und Heimatgefühle sind jetzt bei Jusos nicht so besonders ausgeprägt") und fühlte sich als Verbandsvorsitzender auch nicht persönlich angesprochen ("Politische Bücher, die sich an Juso-Vorsitzende richten, gibt es genug").

Doch Kühnert lobte nicht nur das brennende Interesse Flügges für alle die Menschen in Deutschland, die keine Universität besucht haben, nicht im Politik-Betrieb von Berlin-Mitte zuhause sind und auch nicht selbstverständlich das Gender-Sternchen verwenden. Auch insgesamt fiel sein Urteil sehr positiv aus: "Das Schöne an diesem Buch: Es ergeht sich nicht in Polemik oder Schuldzuweisung, sondern fordert heraus."

Orientierung an Meinungsumfragen ist ein Gräul

Das große Thema von "Deutschland, du bist mir fremd geworden" ist der Rechtsdrift von Politik und Gesellschaft in Deutschland, den weder Kühnert noch der Autor für Gott-gegeben halten. Flügge, so referierte, der Juso-Chef nicht ohne kritischen Schlenker ("fragwürdiges Bild") hat für die Mitte der Gesellschaft die Metapher von der Schafsherde gefunden, die von gutmütigen Schäfern und Hunden kontrolliert wird.

Der Politik wirft der Autor laut Kühnert vor, zu häufig nur "auf die Laufbewegung der Herde" zu schauen, anstatt selbst Ziele zu setzen, für sie zu werben und so zu gestalten – und so die Herde zu führen, statt ihr nachzulaufen. Der Juso-Chef, dem die dauernde Orientierung an Meinungsumfragen statt an eigenen Überzeugungen ein Gräuel ist, modifizierte das ihm eigentlich suspekte Bild von den Schafen später dann zu einer eigenen Vorstellung von demokratischen Entscheidungsprozessen: "Die Herde muss umkreist werden von verschiedenen Schäfern, die die Richtung vorgeben", meinte er: "Dann könnten die Schafe entscheiden, wem sie folgen wollen."

"Beherzt optimistisch" sei das Werk von Flügge, meinte Kühnert und macht seinen Zuhörern Mut: Er glaube nicht, "dass die politische Rechte eine Mehrheitsfähigkeit aus sich heraus in der Gesellschaft" habe – die könne sie aber erringen, wenn sich Kräfte der politischen Mitte aus taktischen Gründen mit ihr verbinden würden.

Autor Flügge verriet noch, dass ihn, das SPD-Mitglied, drei große Leidenschaften umtreiben, die "alle mit sterbenden Dingen zu tun haben" – nämlich die SPD, der Buchmarkt und die Bürgerbeteiligungsberatung. Den Vorwurf, den Kühnert schon referiert hatte, bekräftige der Politikberater: "Es ist ein eklatantes Versagen von politischer Führung, da gerade stattfindet." Sein Buch, das auch die Entfremdung unterschiedlicher Milieus voneinander zum Thema hat, macht Vorschläge, wie man wieder ins Gespräch kommt. Wie sagte Kühnert? "Es ist ein sehr wertvolles Plädoyer, mehr Orte des Austausches zu schaffen."

Erik Flügge: Deutschland, du bist mir fremd geworden. Das Land verändert sich – und wir uns mit? Kösel-Verlag, 18,00 Euro

Zur Startseite