„Wir schaffen das“ : Angela Merkels Satz hat ihre Schwäche dramatisch verdeutlicht

Am Samstag wird der berühmte Satz der Kanzlerin vier Jahre alt. Sie wollte Optimismus verbreiten, doch scheiterte. Ein Kommentar.

Mathias Müller von Blumencron
Angela Merkel vor Journalisten.
Angela Merkel vor Journalisten.Foto: John MacDougall,AFP

Als Angela Merkel genau vor vier Jahren den Journalisten in der Bundespressekonferenz ihren legendären Appell entgegenwarf, ahnte sie nicht, dass dies die Überschrift über ihrem Eintrag in die Geschichtsbücher werden würde. Sie ahnte ebenso wenig, dass „Wir schaffen das“ ihr umstrittenster Ausspruch werden sollte.

Bis heute spaltet er das Land wie kein anderer ihrer Sätze. Für viele Bürger wird Merkel durch diese Worte definiert, die später so anders wirken sollten als von der Rednerin mit der Anlehnung an Obamas optimistischen Slogan „Yes, we can“ ursprünglich beabsichtigt.

Warum ist es schiefgegangen? Warum kam der Optimismus bei vielen nicht an? Warum hat der Satz die rechte Bewegung mit Energie aufgeladen wie wenig anderes? Und warum empfinden viele Bürger deshalb noch immer tiefe Abneigung, ja nicht selten abgrundtiefen Hass gegen die Kanzlerin?

Sicher, Merkel hat unterschätzt, wie tief bei vielen Deutschen die Abneigung gegen Einwanderer sitzt; und sie hat die Signalwirkung ihrer Worte nach innen überschätzt. Eine säkulare Gesellschaft hat nunmal Schwierigkeiten, sich auf ein „Ich kann nicht anders“ Lutherischer Prägung einzulassen, selbst wenn die Betroffene das für sich so empfindet.

Viele fühlten sich nicht gehört

Doch ganz besonders lag die Kanzlerin mit der Einschätzung daneben, wie viele Menschen rätseln würden: „Warum fragt uns eigentlich keiner?“ Schon zuvor köchelte das Misstrauen, wuchs das Gefühl der Ohnmacht gegenüber den Anführern aus Politik und Wirtschaft, breitete sich das schleichende Gift der Verunsicherung in der Gesellschaft aus.

Seit dem Ende des realen Sozialismus' war die Entwicklung des Westens vom Mantra der „Alternativlosigkeit“ geprägt – auch Merkels Mantra. Die Geschichte hatte angeblich ihr Ende erreicht, die kapitalistische Wirtschaftsordnung strebte der Vollendung entgegen, der Gang der Dinge erschien damit per se nahezu unangreifbar.

Viele Menschen aber empfanden ihren Alltag und dessen Strukturen alles andere als vollkommen. Sie fühlten sich zunehmend verkannt und mit ihren Stimmen nicht gehört. Während die Welt sich schneller drehte, durch die Finanzkrise schlingerte, breitete sich das Gefühl der Ohnmacht bis in die Mitte der Gesellschaft aus.

Der Eindruck, wieder nicht gefragt worden zu sein, ist eine Erfahrung, die bei zu vielen zum Alltag gehört. Veränderungen werden angeordnet, mit Notwendigkeiten der Digitalisierung erklärt und unzureichend vermittelt. Oder so: Gerüste werden an Fassaden aufgestellt, ohne dass je ein Mieter gefragt wurde. Die Dynamik des Unzufriedenwerdens hat sich seitdem eher noch verstärkt – obwohl die Regierung fast monatlich neue Sozialleistungen verspricht und die Integration von Hunderttausenden von Flüchtlingen auf gutem Weg ist.

Erst hören, dann handeln

Mehr denn je hängt der Erfolg politischer Arbeit an der Vermittlungskraft ihrer Sachwalter und dem Willen zur Gestaltung. Das war nie die Stärke der Kanzlerin und leider auch nicht das ihrer neuen Parteichefin. Nie hat sich diese Schwäche aber dramatischer ausgewirkt als im Nachspiel von „Wir schaffen das“.

Ein nicht unerheblicher Teil der Deutschen ist zutiefst verunsichert. Appelle versuchen, Verunsicherung zu überspielen. Es reicht nicht, bei Kriminalitätsangst allein auf die sinkende Zahl der Verbrechen zu verweisen. Politik muss damit beginnen, die Sorgen zu akzeptieren und Mitsprache zu gewähren.

Die Kunst des Kümmerns: Wenn Veränderungen anstehen, muss erst gehört und dann gehandelt werden. So hat es der französische Präsident Macron geschafft, mit unzähligen Bürgerdebatten die Gelbwestenbewegung vorläufig zu beruhigen.

Und so hat es Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer vermocht, den Abstand zur AfD wieder zu vergrößern. Politik wohnt in der Sprache. Aber es gewinnt schließlich derjenige, der sich kümmert. Es darf sich nicht weiter der Eindruck verbreiten, dass sich Populisten daran besser versuchen könnten.

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