Wirtschaftskrise im Libanon : Ein Land in der Depression

Seit Monaten erschüttern Massenproteste den Libanon. Was dabei eine große Rolle spielt, ist die desolate Wirtschaftslage – und ihre verheerenden Folgen.

Julius Geiler
Dunkle Wolken begleiten einen Sturm, der während der Weihnachtstage auf die libanesische Küste traf.
Dunkle Wolken begleiten einen Sturm, der während der Weihnachtstage auf die libanesische Küste traf.Foto: Joseph Eid/AFP

Tripoli, im nördlichen Libanon: Eine alte Frau bittet um Geld, fragt mehrere Passanten auf der Straße nach Almosen. Als ihr schließlich aus einem angrenzenden Café ein US-Dollar gegeben wird, kniet sie sich auf den Boden und küsst die Schuhe des Gebers. Sie ruft „Hamdullah“, arabisch für „Gott ist groß“, und bedankt sich überschwänglich.

Beirut, die Hauptstadt des Libanon: ein Taxifahrer gerät in Streit mit einer libanesischen Reisegruppe, die gerade von einem Kurztrip aus Zypern zurückgekehrt ist. Der Fahrer besteht darauf, sich die Strecke vom Flughafen ins Zentrum in US-Dollar bezahlen zu lassen. Erst nach einem intensiven Wortwechsel erklärt er sich missgestimmt dazu bereit, die heimische Währung, die Libanesische Lira, anzunehmen.

Jounieh, zwischen Beirut und Tripoli: die Shell-Tankstelle an der Autobahn ist eine der letzten Quellen für Benzin im ganzen Land. Die Situation dort ist chaotisch. Hunderte Menschen versuchen, ihr Auto voll zu tanken bevor auch hier der Sprit ausgeht. Die Tankstellen haben zu einem landesweiten, unbefristeten Streik aufgerufen. Die Autos stauen sich bis zum angrenzenden Highway. In der Nähe sind einige Wagen bereits liegen geblieben.

Seit Wochen kommt es im Libanon zu Protesten, häufig verbunden mit brennenden Straßenblockaden.
Seit Wochen kommt es im Libanon zu Protesten, häufig verbunden mit brennenden Straßenblockaden.Foto: Bilal Hussein/AP/dpa

Drei Szenen, die verdeutlichen, dass der Libanon in einer tiefen Krise steckt, aus der das kleine Mittelmeerland so schnell nicht wieder herauskommen wird. In den vergangenen Monaten war die internationale Berichterstattung über den Zedernstaat geprägt von einem Thema: der „Libanesischen Revolution“. Seit dem 17. Oktober erhebt sich das libanesische Volk gegen seine führende politische Elite. Misswirtschaft, Korruption und die verhassten Machtstrukturen trieben die Menschen zu Hunderttausenden auf die Straßen und Plätze des Landes. Die seit Jahren anhaltende desolate Wirtschaftslage wurde dabei meist nur am Rande erwähnt. Sie hat sich mittlerweile so sehr verschlechtert, dass kaum jemand im Land zu finden sein wird, der davon nicht unmittelbar betroffen ist.

Das Libanesische Pfund ist an den Dollar gekoppelt

Eine der Ursachen für die gegenwärtige Finanzkrise liegt in der besonderen Währungspolitik des Libanon. So ist das Libanesische Pfund (Lira) seit 1997 direkt an den US-Dollar gekoppelt. Nach Ende des langjährigen Bürgerkriegs versprach man sich von dieser Regelung wirtschaftliche Stabilität. Und tatsächlich stand der US-Dollar jahrzehntelang in einem festen Kurs von einem amerikanischen Dollar zu 1500 Libanesischen Pfund und wurde landesweit als Parallelwährung akzeptiert.

Leisten konnte sich der Libanon den vergleichsweise günstigen Dollar jedoch nur durch ein Tauschgeschäft. Insgesamt leben mehr Libanesen außerhalb des Libanons als im Land selbst. Die weltweit zerstreute Diaspora wurde durch extrem hohe Zinsen von bis zu 20 Prozent dazu verleitet, ihre Ersparnisse bei libanesischen Geldinstituten anzulegen.

Die Schuldenquote ist eine der höchsten weltweit

Die heimischen Banken investierten jedoch einen Großteil des von Auslandslibanesen angelegten Geldes in hoch verzinste Staatsanleihen. So erreicht die Staatsverschuldung des Libanon mittlerweile mehr als 86 Milliarden US-Dollar. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) ergibt das eine Schuldenquote von über 150 Prozent - eine der höchsten Raten weltweit.

Die Folgen der extremen Staatsverschuldung sind seit einigen Monaten überall im Land zu spüren. So wird der Dollar offiziell zwar nach wie vor mit der Quote 1500 Lira zu einem US-Dollar getauscht. Die Realität auf den Straßen sieht jedoch anders aus. Wechselstuben im ganzen Land handeln mit dem US-Dollar zu Schwarzmarktpreisen.

Auf dem Schild vor der Bäckerei in Beirut steht: "Wenn Sie kein Geld haben, schämen Sie sich nicht und verlassen Sie Ihre Familie nicht ohne Essen. Bitte kommen Sie rein und nehmen Sie sich, was Sie brauchen".
Auf dem Schild vor der Bäckerei in Beirut steht: "Wenn Sie kein Geld haben, schämen Sie sich nicht und verlassen Sie Ihre Familie...Foto: Marwan Naamani/dpa

In Beiruts Szene-Stadtteil Hamra erhält man für einen Dollar je nach Tag und Uhrzeit bis zu 2200 Libanesische Lira. Der Run auf den Dollar ist groß. Kein Wunder beim täglichen Verfall der einheimischen Währung.

Um einem möglichen Staatsbankrott vorzubeugen haben die meisten Banken Kapitalkontrollen eingeführt. So ist es vielen Kunden nur möglich, bis zu 150 US-Dollar die Woche abzuheben. Einige heimische Geldinstitute haben nach Kundenberichten sogar das monatliche Limit auf 200 US-Dollar begrenzt.

Angestellte erhalten kein Gehalt, viele werden gekündigt

Für viele Wirtschaftszweige im Land haben die Kapitalkontrollen verheerende Auswirkungen. So streikten Tankstellen und Bäckereien in den vergangenen Wochen teilweise tagelang, da deren Betreiber ihre Importe in US-Dollar bezahlen müssen, aber dazu verpflichtet sind, in der eigenen Währung zu verkaufen. Im Zweifelsfall ist das ein Minusgeschäft, das schnell zur Pleite führen kann.

Auch große Unternehmen sind mittlerweile betroffen. Angestellte einer der größten englischsprachigen Zeitung des Landes, des „Daily Star Lebanon“, erhalten seit mehr als sechs Monaten kein Gehalt. Nachdem mehrere Mitarbeiter aufgrund der ausstehenden Gehälter gekündigt haben, steht eines der unabhängigsten Blätter des Landes vor dem Aus.

Ähnlich ist die Situation bei „MTV Lebanon“, einem der führenden Fernsehsender in der Region. Mitarbeiter bekommen dort seit Ausbruch der Massenproteste nur noch die Hälfte der ihnen zustehenden Entlohnung.

Die Proteste gegen die Wirtschaftskrise verstärken sie gleichzeitig

Die seit Monaten anhaltende Demonstrationen spielen eine ambivalente Rolle. So gehen die Menschen auch auf die Straße, um ihren Protest über die desolate Wirtschaftslage zum Ausdruck zu bringen. Gleichzeitig rutscht das Land durch den wochenlangen Stillstand - herbeigeführt durch Generalstreiks und Straßenblockaden sowie die politische Instabilität - immer mehr in den Staatsbankrott.

Internationale Geldgeber halten sich zurück, solange zumindest nicht etwas Ruhe im Land eingekehrt ist. Darunter leiden vor allem die Libanesen und Libanesinnen.

Im Libanon gibt es eine Suizid-Hotline

Pia Zeinoun ist Psychologie-Professorin an der Amerikanischen Universität Beirut und arbeitet nebenbei ehrenamtlich in der Führungsetage der NGO „Embrace Lebanon“. Die Organisation wurde vor zwei Jahren gegründet, um Hilfe für Menschen mit psychischen Problemen anzubieten. So betreut „Embrace“ unter anderem die einzige Suizid-Hotline des Libanons.

Unter der Telefonnummer 1564 stehen rund um die Uhr geschulte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zur Verfügung, um den Anrufern beratend zur Seite zu stehen.

Dabei handelt es sich bei dem Großteil der Anrufenden um Menschen, die auf der Suche nach professionellem psychologischem Rat sind. Andere sorgen sich um Familienmitglieder oder Freunde und erhoffen sich Unterstützung durch „Embrace“. Die NGO arbeitet eng mit dem Roten Kreuz und staatlichen Behörden zusammen.

Die Zahl der Anrufe hat sich deutlich erhöht

Nach Angaben von Pia Zeinoun hat sich die Anzahl der Anrufe seit Oktober erheblich erhöht. Waren es normalerweise zehn bis 15 Personen am Tag, erhält die Organisation seit der Verschlechterung der politischen und wirtschaftlichen Lage bis zu 150 Anrufe täglich.

Das ist zwar nicht gleichbedeutend mit einem Anstieg der Selbstmordrate, sei aber dennoch ein Alarmzeichen, sagt die Psychologin. „Wir haben bisher keine Suizidzahlen aus der zweiten Jahreshälfte von 2019, nichtsdestotrotz wissen wir, dass die mentalen Sorgen der Libanesen und Libanesinnen aufgrund der verheerenden Situation zugenommen haben. Die Menschen haben regelrecht Existenzängste.“

Selbstmorde werden in den Medien thematisiert

Aus dem Gefühl finanzieller Ausweglosigkeit haben sich in den vergangenen Wochen vermehrt Familienväter das Leben genommen. Der Libanon ist ein kleines Land, jeder einzelne Suizid wird in den nationalen Medien thematisiert. Anders als in Deutschland werden dort auch die Klarnamen der Betroffenen genannt - mit entsprechenden Nachahmungseffekten bei Personen in ähnlicher Situation.

Auch Zeinoun beobachtet einen Anstieg der Faktoren, die zu einem Suizid führen können: „Die Wirtschaftskrise trägt zu einer erheblichen emotionalen Belastung der Menschen bei. Was sehr viel schlimmer geworden ist, ist der Faktor Stress. Der finanzielle und politische Stress kann im schlimmsten Fall zur Selbsttötung führen.“

Viele junge Libanesen planen, auszuwandern

Ein weiteres Phänomen der prekären wirtschaftlichen Situation und der damit zusammenhängenden, stetig ansteigenden Arbeitslosigkeit ist die Tatsache, dass immer mehr junge Libanesen und Libanesinnen ihre Auswanderung planen. In den Straßen Beiruts trifft man derzeit kaum unter 30-Jährige, die nicht von einer geplanten Emigration nach Kanada, in die Europäische Union, Australien oder die Golfstaaten sprechen.

Riad Salame, Gouverneur der Zentralbank des Libanon.
Riad Salame, Gouverneur der Zentralbank des Libanon.Foto: picture alliance/dpa

Der 23-jährige Ahmed ist seit Beginn der Massenproteste auf der Straße. Anfangs hatte er noch Hoffnung auf einen Wandel in der libanesischen Politik. Mittlerweile habe ihn der Optimismus verlassen, so Ahmed.

Die  politische Elite, die starken Parteienblöcke und die konfessionelle Zersplitterung im Land blockierten schnelle Reformen. „Es ist unglaublich traurig, eine ganze gut ausgebildete, mehrsprachige Generation verlässt den Libanon. Alle meine Freunde wollen gehen, dieses Land blutet aus“, sagt der Student.

„Eigentlich müssten wir doch dafür sorgen, dass es mit dem Libanon wieder bergauf geht.“ Aber auch Ahmed will weg. Visa für Kanada und Deutschland hat er bereits beantragt.

Wie in Venezuela, kurz vor dem Staatskollaps

Omar ist Uber-Fahrer und in Venezuela aufgewachsen. Seine libanesischen Eltern sind damals mit Ausbruch des Bürgerkrieges nach Südamerika geflüchtet. Mit der Verschärfung der politischen und wirtschaftlichen Lage in Venezuela entschied er sich dafür, in den Libanon zurückzukehren. Nun erinnere ihn die gegenwärtige Situation in seinem Heimatland an die Situation in Venezuela kurz vor dem Staatskollaps.

Er wird von der Sorge getrieben, sich bald wieder eine neue Heimat suchen zu müssen. „Niemand weiß gerade, wie schlimm es noch wird. Wir leben auf der Spitze eines Vulkans“, sagt er.

Und tatsächlich scheint nicht einmal der Direktor der libanesischen Zentralbank eine Antwort auf die Krise zu haben. Auf die Frage eines Reporters, wie lange der Verfall der Libanesischen Lira gegenüber dem US-Dollar noch anhalten würde, antwortete Riad Salameh am Donnerstag schlicht mit: „Das kann niemand wissen.“

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