Zum Tode von Klaus Kinkel : Im Einklang mit den Nachbarn unsere Rolle finden

Der frühere Außenminister Klaus Kinkel ist im Alter von 82 Jahren gestorben. Eine Erinnerung an einen herzlichen und uneitlen FDP-Politiker.  

Gerd Appenzeller
1997 gab Klaus Kinkel als deutscher Außenminister eine Pressekonferenz mit seiner US-Amtskollegin Madeleine Albright. Kinkel ist am Dienstag im Alter von 82 Jahren verstorben.
1997 gab Klaus Kinkel als deutscher Außenminister eine Pressekonferenz mit seiner US-Amtskollegin Madeleine Albright. Kinkel ist...Foto: AFP/Chris Kleponis

Klaus Kinkel, der am Dienstag im Alter von 82 Jahren starb, verkörperte einen in der Politik eher seltenen Menschentypus. Der Schwabe, geboren 1936 in Metzingen, war völlig uneitel und lebte nach der Devise „Mehr sein als scheinen“. Seine Art des Umgangs mit Menschen, auch mit solchen, die sich sehr wichtig nahmen, war, um seine eigenen Worte zu benutzen, schwäbisch-raubauzig. Er konnte durchaus Abstand wahren, wenn das nötig war, auch sehr burschikos auf Distanz bestehen, wenn sich jemand anbiedern wollte.

In Erinnerung bleibt aber auch seine spontane Herzlichkeit, wenn er in seinem Gegenüber Bereitschaft zum vorurteilsfreien Dialog spürte. Das ganze Gehabe des politischen Betriebes war ihm lästig. Alles zusammen genommen, auch nicht unbedingt die idealen Voraussetzungen für eine politische Karriere – die der FDP-Politiker aber dennoch machte, zwar lange im Schatten seines politischen Ziehvaters Hans-Dietrich Genscher, aber dennoch in wachsender Eigenständigkeit und Souveränität des Urteils.

Kinkels Vater war Mediziner, und diese Berufslaufbahn sollte, mehr als wollte, er dann auch einschlagen. Aber nach nur zwei Semestern stieg er aus dem Medizinstudium aus und wandte sich in Tübingen und Bonn den Rechtswissenschaften zu. Ein Jugendtraum, einmal Bürgermeister von Hechingen zu werden, weil er in Sichtweite der Hohenzollernburg aufwuchs, kam nie zum Tragen. Nach der Promotion ging er in den Staatsdienst bei einer Vorläuferbehörde des späteren Bundesamtes für Zivilschutz. Das gehörte zum Geschäftsbereich des Bundesministers des Inneren.

Dessen Ressortchef, Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher, entdeckte ihn und holte ihn als Persönlichen Referenten zu sich. Später wurde er Leiter des Ministerbüros. Die wohl heikelste Aufgabe in dieser Zeit war es, dem damaligen Bundeskanzler Willy Brandt ein Dossier zu übergeben, das die Nachrichtendienste über sein Privatleben angelegt hatten. Nach Brandts Rücktritt im Zuge der Guillaume-Affäre – sein engster Mitarbeiter war als DDR-Spion enttarnt worden – wurde Hans-Dietrich Genscher 1974 im ersten Kabinett von Bundeskanzler Helmut Schmidt Außenminister. Der machte Kinkel zum Leiter des Leitungsstabes des Auswärtigen Amtes und 1979 zum Leiter des Planungsstabes, der entscheidenden strategischen Stelle des Amtes.

Genscher sorgte auch dafür, dass Kinkel Präsident des Bundesnachrichtendienstes wurde. Den leitete er vier Jahre lang absolut skandalfrei. Bis zu diesem Zeitpunkt galt er zwar als exzellenter Verwaltungsfachmann, aber als Bürokrat ohne jeden politischen Ehrgeiz. Ein Irrtum, wie sich bald herausstellte, denn Kinkel profilierte sich ab 1982 zunächst als Staatssekretär im Bundesjustizministerium und ab 1991 als dessen Ressortchef.

Nach Genschers Rücktritt 1992 übernahm er das Auswärtige Amt, das er bis zum Ende CDU/CSU-FDP-Koalition 1998 leitete. Es war die Phase, in der das wiedervereinigte Deutschland seine Rolle in der Weltpolitik tastend finden musste. Kinkel bestand darauf, dass deutsche Diplomaten im Ausland auch wirtschaftliche Belange Deutschlands im Auge haben sollten. In seine Amtszeit fiel dementsprechend die Stärkung der Wirtschaftsabteilungen der Botschaften. Leichter Karriere im Amt machen konnten von nun an auch diplomierte Volkswirte und nicht nur Juristen.

In seine Amtszeit fiel das deutsche militärische Engagement auf dem Balkan

In Kinkels Amtsjahre fielen weltpolitische Ereignisse wie der Völkermord in Ruanda und vor allem das Massaker an 8000 Bosniaken in Srbrenica und das deutsche militärische Engagement auf dem Balkan. Kinkel hielt nichts von der in Deutschland verbreiteten Tendenz, sich von der weltpolitischen Verantwortung freihalten zu können.

In einem Interview fasste er die Ziele der deutschen Politik 1993 so zusammen: „Zwei Aufgaben gilt es, parallel zu meistern: In Inneren müssen wir wieder zu einem Volk werden, nach außen gilt es, etwas zu vollbringen, woran wir zweimal zuvor gescheitert sind: Im Einklang mit unseren Nachbarn eine Rolle zu finden, die unseren Wünschen und unserem Potential entspricht. Die Rückkehr zur Normalität im Inneren wie nach außen entspricht einem tiefen Wunsch unserer Bevölkerung seit Kriegsende. Sie ist jetzt auch notwendig, wenn wir in der Völkergemeinschaft respektiert bleiben wollen. Unsere Bürger haben begriffen, dass die Zeit unseres Ausnahmezustandes vorbei ist.“

Mit dem zweimaligen Scheitern meinte er Kaiser Wilhelm II und Adolf Hitler, mit dem Verweis auf den „Ausnahmezustand“ die Teilung des Landes bis 1989.  

Als Parteipolitiker bleibt Klaus Kinkel weniger in Erinnerung. Von 1993 bis 1995 war er FDP-Vorsitzender, in seine Amtszeit fielen verlustreiche Landtagswahlen. Nach dem Ende seiner politischen Laufbahn arbeitete er als Rechtsanwalt und bis 2014 als Vorsitzender der Deutschen-Telekom-Stiftung. Er engagierte sich bis zum Schluss in zahlreichen sozialen Projekten.

Auslöser dafür war nicht nur sein katholischer Glaube, sondern auch die wohl nie verwundene Erschütterung durch den Unfall seiner 20-jährigen Tochter, die auf dem Fahrrad von einem Bus erfasst worden war. Er hat später geschildert, wie er, als sie schon hirntot war, an ihrem Krankenbett unter Schock die Erlaubnis zu einer Organspende verweigerte und sich erst später im Gespräch mit seiner Familie und Experten mit der Thematik der Organtransplantation befasste – und zu dem Schluss kam, dass jeder Mensch durch einen Organspenderausweis selber dokumentieren solle, ob er dazu bereit wäre.

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