Zur Lage der SPD : Weniger Rolex wagen

Wirklich aufregend war an der SPD zuletzt nur die Luxusuhr am Arm einer Berliner Staatssekretärin. Und sogar das steht vor allem für Ideenmangel. Eine Glosse.

Sawsan Chebli,damals stellvertretende Sprecherin des Außenministeriums, steht im Auswärtigen Amt - mit Rolex am Handgelenk.
Sawsan Chebli,damals stellvertretende Sprecherin des Außenministeriums, steht im Auswärtigen Amt - mit Rolex am Handgelenk.Foto: Hannibal Hanschke/dpa

Ich hatte mal eine Zahnärztin, die trug eine Rolex am Handgelenk, während sie mich behandelte. Ich hing hintenübergekippt im Zahnarztsessel, sie hantierte mit ihren Gerätschaften in meinem Oberkiefer herum. Die Uhr hatte ein blaues Armband. Ich dachte: Hier gehst du nie wieder hin.

Warum dachte ich das?

Weil ich so einen Luxusartikel unangemessen fand für eine Ärztin, und sei es einen Zahnärztin? Riskierte sie damit doch zumindest den Verdacht, dass es ihr weniger um das Wohl des Menschen, des Patienten, in diesem Fall um meins gehe, als um die Mehrung von Geld und den Erwerb von Statussymbolen. Und dazu die Gewissheit, dass ihr eben dieser Verdacht, in diesem Fall mein Verdacht, herzlich egal war? In so einer Denkart, dachte ich, könnte ich kaum mehr sein als eine egale Patientin. Und egal wollte ich ihr nicht sein. Schließlich bohrte sie in meinen Zähnen herum. Sie sollte das gut machen wollen, ohne daran zu denken, ob und was sie an mir verdienen würde. So ungefähr dachte ich. Es ist schon sehr lange her.

Was an der Hand liegt: Die Fotos zeigen den neuen Siemens-Chef Klaus Kleinfeld mal mit, mal ohne Rolex.
Was an der Hand liegt: Die Fotos zeigen den neuen Siemens-Chef Klaus Kleinfeld mal mit, mal ohne Rolex.Foto: DPA/DPAWEB

Als Siemens 2005 mutmaßlicherweise ein Foto des neuen Vorstandschefs Klaus Kleinfeld bearbeiten ließ, weil der darauf eine Rolex trug, und man das für nicht opportun hielt, denn es ging in jenen Tagen auch darum, bisherige Angestellte arbeitslos zu machen, dachte ich: Recht so. Man sollte den Menschen keinen Anlass geben, zu denken, dass sie einem egal sind.

Unlängst ploppte wieder eine Rolex auf, diesmal am Handgelenk einer Berliner SPD-Politikerin. Ein altes Foto, neu entdeckt, und von irgendwem via Twitter verbreitet – versehen mit dem Spruch „Alles was man zum Zustand der deutschen Sozialdemokratie 2018 wissen muss“. Interpretiert wurde es in der Art von: Die Sozis kennen ihre Klientel nicht mehr, die einfachen Leute, die in ihrem ganzen Leben nicht halb so viel verdienen, wie eine Rolex kostet, den Sozis sind solche Leute egal undsoweiter.

Viel verdienen, Rolex kaufen, wie einfallslos!

Was folgte: Die SPD-Politikerin verteidigte die Uhr damit, dass sie früher arm gewesen sei und sich das jetzt verdient habe. Andere fühlten sich von der typisch deutschen Neid-Debatte genervt. Es entstand der Hashtag #rolexgate. Irgendwann war dann wieder Ruhe.

Anders interpretiert könnte an dem Spruch, mit dem die Aufregung losging, aber doch etwas dran sein. Denn zum „Zustand der deutschen Sozialdemokratie“ gehört auch, dass der SPD bisher jedenfalls so recht nichts Neues einfällt. Und: Ist es nicht ein Zeichen von Einfallslosigkeit, also komplett un-innovativ, sich nach dem Überschreiten einer gewissen Einkommensgrenze eine Rolex zu kaufen? Genau das aber, einen Innovationsimpuls, einen Aufbruch, hatte die Partei sich vorgenommen.

Nach der Bundestagswahl 2017 wurde höchst offiziell der Hashtag #SPDerneuern ausgerufen, aber passiert ist wenig. Stattdessen verliert die Partie an Zustimmung, messbar zuletzt bei Landtagswahlen, und hängt in der Groko so fest wie in ihrer Rhetorik.

Die Kandidatin für Bayern hatte vor der Bayernwahl angekündigt, das Profil der Partei schärfen zu wollen, der Kandidat für Hessen sagte genau dasselbe nach der dortigen Wahl, auch die Parteichefin und Generalsekretär wollen das Profil schärfen. Wie Papageien, die nachahmen.

Das Motiv des Nachahmens ist auch eins aus der Lehre vom Statussymbol. Die Rolex trug als weltweit erste ihren Namen auf dem Ziffernblatt und machte sich so quasi selbst zur Marke. Dass sie aber ein Statussymbol ist, haben andere als die Heutigen festgelegt. Wer heute eine Rolex trägt, sucht Anschluss an eine Gruppe, die es schon gibt. Die neuen Rolexträger laufen den alten Rolexträgern hinterher. Das heißt auch: Anschluss statt Aufbruch. Vielleicht sollte sich die SPD, so sie Erneuerung sucht, zu dem Slogan „Weniger Rolex wagen“ durchringen. Schöne Uhren gibt es ja auch aus Glashütte.

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