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Unterm Hammer. Das Dorf Alwine nahe Domsdorf wird versteigert. Zur Siedlung gehören sechs Häuser mit 15 Bewohnern – darunter auch Erika Kühne und Paul Urbanek.
© Patrick Pleul/dpa

Ganze Siedlung für 125 000 Euro: Dorf in Brandenburg zu verkaufen

Die Siedlung Alwine im Landkreis Elbe-Elster soll versteigert werden. Die Bewohner der sechs in die Jahre gekommenen Häuser nehmen es gelassen.

Alwine (Elbe-Elster) - Wer schon immer mal davon träumte, Besitzer eines Mini-Dorfes zu sein, könnte bald zum Zuge kommen. Mitten in einer entlegenen Region in Brandenburg – viele Großstädter würden wohl „Pampa“ sagen – steht eine kleine Wohnsiedlung mit mehreren Häusern zum Verkauf. Plötzlich kommt Aufregung in einen Ort, an dem doch eines so sehr geschätzt wird: Ruhe.

Erika Kühne steht in Kittelschürze am Fenster ihrer Mietwohnung in Alwine im Landkreis Elbe-Elster und telefoniert. Im Hintergrund läuft der Fernseher. Am Telefon: Interessenten, die sich nächste Woche die kleine Siedlung in Südbrandenburg ansehen wollen, wie die 79-Jährige berichtet, als sie aufgelegt hat. Bis vor Kurzem hätten die Bewohner überhaupt nicht gewusst, dass die Versteigerung von Alwine ansteht, über die zuerst die „Bild“-Zeitung am gestrigen Donnerstag berichtete. Kühne sieht dem Ganzen gelassen entgegen. „Och, die sollen machen, was se wollen“, sagt die Seniorin.

Zwei Autostunden südlich von Berlin liegt das 16 000 Quadratmeter große Siedlungsgelände

Und so kam die geplante Auktion am 9. Dezember in Berlin zustande: Das etwa 16 000 Quadratmeter große Areal wurde nach den Angaben des Auktionshauses Karhausen nach der Wende von zwei Brüdern erworben. Einer von ihnen ist inzwischen gestorben und nun soll das Areal verkauft werden. Es handelt sich um sechs in die Jahre gekommene Doppel- und Mehrfamilienhäuser, die von rund 15 Mietern bewohnt werden, wie Vorstand Matthias Knake sagt. Das Anfangsgebot liege bei 125 000 Euro.

Alwine liegt an der Landstraße 65, umgeben von Wäldern. Von Berlin braucht man ungefähr zwei Stunden mit dem Auto in Richtung Süden. Hier in Alwine kräht zwar kein Hahn, dafür bellt aber ein Hund, wenn man durch die kleine Straße geht. Diese ist als Schleife an der Landstraße angelegt.

Alwine wirkt, als ob die Zeit stehen geblieben ist

Die Glanzjahre hat die kleine Siedlung hinter sich. An den Häusern blättert der Putz ab, zum Teil sind die Häuser, Baracken und Garagen Ruinen. Fenster sind zerschlagen, eine alte Gardine hängt heraus. Aber es gibt auch sehr gepflegte Stellen: Zum Beispiel akkurat rund geschnittene Buchsbäumchen in Kübeln oder ein sauber angelegtes Beet in einem Garten.

Alwine wirkt, als ob die Zeit stehen geblieben ist. Erika Krüger sagt: „Wir haben keine Heizung, wir heizen mit dem Kohleofen.“ Oder mit Holz, das ihr Nachbar für sie in einem der Gärten hackt.

Heute ist Alwine ein Ortsteil von Domsdorf und gehört zur Stadt Uebigau-Wahrenbrück. Deren Bürgermeister Andreas Claus (parteilos) hat wegen der Versteigerung der Siedlung keine Bedenken. „Das ist eine ganz normale zivilrechtliche Angelegenheit“, sagt er. Nach der Wende habe die Treuhand die einstigen volkseigenen Flächen an die beiden Interessenten verkauft. Das sei heute Privatland.

„Der Nachbar ist extra hierhergezogen, damit er seine Ruhe hat“

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts ließen sich Bergleute um die Brikettfabrik „Louise“ – heute ein technisches Denkmal – und den Braunkohletagebau nieder. Ihre Siedlung nannten sie „Alwine“, sagt er. Erinnert wurde damit vermutlich an die Ehefrau oder Tochter des Grubenbesitzers, wie er ergänzt. Auch Erika Krüger arbeitete zeitweise in der Brikettfabrik, wie sie berichtet.

Für Alwine ist Bürgermeister Claus in puncto Versteigerung und Preis zuversichtlich. Er rechne damit, dass in den nächsten Tagen noch viele Interessenten vor Ort das Objekt in Augenschein nehmen werden, um zu sehen, auf was sie sich möglicherweise einlassen.

Angesichts des Trubels, der auf die kleine Mini-Siedlung zukommen könnte, zeigt Erika Krüger auf ein kleines Haus gegenüber und sagt: „Der Nachbar ist extra hierhergezogen, damit er seine Ruhe hat.“ Auch sie wolle hier nicht mehr weg – wegen der Ruhe.

An den Häusern ist viel zu tun, wie Knake vom Auktionshaus betont. Aufgrund der Mängel gingen derzeit nur 16 000 Euro Miete im Jahr ein, statt der vereinbarten 30 000 Euro. Er rechnet trotzdem mit großem Interesse an dem Objekt. „Wer kann schon sagen, mir gehört ein Dorf?“ (dpa)

Anna Ringle, Gudrun Janicke

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