Von Holger Dirks: Heizen mit Wasserstoff
In einem haus in Woltersdorf wird die Energiegewinnung mit Brennstoffzellen erforscht
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Woltersdorf/Berlin - Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) selbst soll sich gewünscht haben, dass die erste Brennstoffzellen-Anlage des Callux-Forschungsprogrammes in Brandenburg aufgestellt wird. So habe sie es jedenfalls gehört, erzählt Elke Rieck, in deren Elternhaus im brandenburgsichen Woltersdorf nun seit wenigen Wochen eine solche Brennstoffzelle unabhängig vom Stromnetz für Strom und Wärme sorgt. Rieck arbeitet bei einem norddeutschen Energieunternehmen, das auch eine Niederlassung in Straußberg hat. „Vor rund zwei Jahren suchte unser Unternehmen intern Interessenten für solche Testprojekte. Da die alte Heizung sowieso erneuert werden musste, habe ich mich gemeldet.“
Das zahlt sich jetzt für die vierköpfige Familie aus. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Brennstoffzelle musste nicht gekauft werden, sondern wurde für 1000 Euro pro Jahr gemietet. Zusätzlich Kosten für Strom oder Gas fallen nicht mehr an – die Testfamilie ist autark. „Früher hatten wir allein einen Gasverbrauch von 1500 Euro pro Jahr“, so Rieck.
Die Brennstoffzelle wird – anders als eine Heizung früher – rund um die Uhr laufen. Jede Kilowattstunde Strom, die dann in dem Ferienhaus selbst nicht gebraucht wird, kann in das allgemeine Stromnetz abgegeben werden. Energieunternehmen sind verpflichtet, den zugelieferten Strom abzunehmen, denn Brennstoffzellen zählen zu den erneuerbaren Energien, die per Gesetz Anspruch auf Abnahme und Vergütung haben.
Rund 5000 Kilowattstunden Strom werde die Brennstoffzelle pro Jahr ins Netz abgeben können, glauben die Riecks. Immerhin rund 250 Euro würde das einbringen, denn laut Gesetz muss die Kilowattstunde mit 5,11 Cent vergütet werden. Und das für eine Dauer von zehn Jahren. Erst danach darf der Preis geändert werden.
Das Wirkungsprinzip einer Brennstoffzelle ist seit dem 19. Jahrhundert bekannt. Ähnlich einer Batterie zählt sie zuden chemischen Energiequellen. Aus der Reaktion der Bestandteile des Wassers – Wasser- und Sauerstoff – miteinander entsteht umweltfreudlicher elektrischer Strom. So die Theorie. In der Praxis sieht es aber noch etwas anders aus. Wasserstoff ist zwar ein natürlicher Stoff, kommt aber nur in Verbindung mit anderen Stoffen vor. Wird er allein benötigt, muss er mit viel Energieaufwand hergestellt werden. Auch der Transport braucht viel Energie, denn Wasserstoff muss ständig gekühlt werden.
In Woltersdorf stellt die Anlage den Wasserstoff vor Ort selbst her – und umgeht somit das Transportproblem –, verbrennt dazu aber Erdgas, was wiederum das Treibhausgas Kohlendioxid freisetzt. Zwar kann mit der beim Verbrennen entstehenden Wärme in Zukunft auch das Haus geheizt werden, absolut umweltfreundlich ist die Technik dadurch aber nicht.
Es bleibe noch einiges zu tun, bis die Technik in Serie gehen könne, sagt auch Chemieprofessor Reinhard Schomäcker von der TU Berlin. „Die Pläne liegen leider nicht fertig in der Schublade. Es bedarf bis zur Serienreife der gesamten Technik noch einiges an Forschung. Im Vergleich zur Entwicklung eines neuen Autos sind wir jetzt in der Phase der allerersten Prototypen.“ Wann die Technik massentauglich ist, sei noch nicht absehbar. „Aber die Anstrengungen lohnen sich, denn die Technik hat das größte Potential für die Zukunft.“
Auch für Schomäcker sind Herstellung und Transport von Wasserstoff die Hauptprobleme der neuen Technik, die es zu lösen gälte. „Der Transport ist noch sehr umständlich, eine durchgehende Kette ist noch gar nicht entwickelt. Zur Zeit wird Wasserstoff noch vor allem mithilfe fossiler Brennstoffe wie Öl und Gas hergestellt, ist also noch nicht nachhaltig. Es gibt aber jetzt Versuche, Wasserstoff aus Biogas beziehungsweise Biomasse herzustellen.“ In Spanien laufen nach Angaben des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) ähnliche Versuche. Dort wollen Wissenschaftler Wasserstoff mithilfe von Sonnenenergie herstellen.
Die Anlage in Woltersdorf gehört nach Branchenangaben zu dem bislang größten Praxistest von Brennstoffzellen für Eigenheime bundesweit. Die Bundesregierung investiert laut Minister Tiefensee rund 40 Millionen Euro in das Testprogramm, dass bis 2016 laufen soll. Die Industrie steuere ebenfalls diese Summe bei. Insgesamt sollen 800 Versuchsanlagen installiert werden. Viele Gelegenheiten auch für alle Beteiligten, ihre Erfahrungen mit der neuen Technik zu machen. In Woltersdorf jedenfalls hakte die Abstimmung aller Beteiligten nämlich noch erheblich. Monatelang etwa wartete die Familie auf den Anschluss der neuen Technik an das Stromnetz. Der Grund: Es fehlte ein spezieller Zähler, um den Strom zu messen, den die Anlage an das Netz des Energieversorgers Eon abgibt.
Holger Dirks
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