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Brandenburg: „Kinder ertrinken leise“

In diesem Sommer gibt es zahlreiche Badeunfälle. Ein DLRG-Retter erklärt, wie man sich schützt

Stand:

Herr Villmow, zurzeit gibt es gehäuft tödliche Badeunfälle. Passiert gerade mehr als im vergangenen Jahr?

Vom Gefühl her ist der Sommer etwas stärker betroffen, ja. Momentan haben wir eine sehr lange Schwimmbadphase. Die Zahl der Badetoten ist wetterabhängig: Je schöner, desto schlimmer. Was in diesem Jahr hinzugekommen ist, sind Unglücksfälle in Flüssen. Die sind mittlerweile sauberer und es sind Badestellen dazugekommen, die wir letztes Jahr noch nicht hatten.

Die Ertrinkungsstatistik der DLRG zeigt, dass Flüsse, Teiche und Seen viel gefährlicher sind als Freibäder. Selbst das Meer mit seinen Strömungen hält statistisch nicht mit. Warum?

Nord- und Ostsee sind gefährlich, aber sehr gut bewacht. Fast alle Strände sind von der DLRG oder anderen Organisationen abgesichert. Binnenseen sind oftmals nicht bewacht. In Freigewässern ist die Strömung unterschiedlich, und auch die Temperaturen wechseln sich ab. Flüsse können ziemlich gefährlich werden. Die Havel fließt zwar langsam, aber die Elbe kann einen schon mal mitreißen.

Wer gerät am häufigsten in Not?

80 Prozent der Ertrinkenden sind Männer, besonders gefährdet sind über 60-Jährige, die sich fitter fühlen, als sie sind. Dann natürlich Kinder und Menschen, die nicht schwimmen können. Es verunglücken auffallend viele Asylbewerber und Flüchtlinge aus arabischen Ländern und Afrika, die Wasser nur aus der Flasche kennen. Aus dem Müggelsee haben wir neulich einen 15-Jährigen aus Somalia gezogen. Er war mit anderen weit reingelaufen, ins Tiefe gekommen und unter Wasser geraten. Dann hat er um Hilfe geschrien. Wenn wir ihn nicht erwischt hätten, wäre er ertrunken. Wir können nicht allen das Schwimmen beibringen, aber wir verteilen in den Asylheimen jetzt die Baderegeln in verschiedenen Sprachen.

Haben Sie Zahlen zu Vorfällen der vergangenen Wochen?

Die Zahl der Verunglückten liegt uns noch nicht vor, aber alleine in den letzten beiden Wochen haben wir vier Kinder im Alter zwischen zwei und sieben Jahren im letzten Moment vor dem Ertrinken in Berliner Seen gerettet. Die waren im Binnengewässer ins Tiefe geraten.

Sie sagten, je schöner es ist, desto mehr Menschen gehen baden. Da müssten solche Unfälle doch gerade auffallen ...

Nein, wann jemand in Lebensgefahr gerät, ist für Außenstehende schwer zu erkennen. Ertrinkungsfälle sind nicht so, wie man sie bei „Baywatch“ sieht: Dass die Leute schreien und mit den Armen klatschen. Viele Leute ertrinken, weil der Kreislauf zusammenbricht. Das passiert lautlos. Kinder ertrinken leise, weil ihr Oberkörper schwerer ist und sie dadurch nach vorne kippen. Die sind dann nicht mehr in der Lage, sich selbst aus dem Wasser aufzurichten und um Hilfe zu rufen.

Und warum geraten Erwachsene in Not?

Da ist viel Selbstüberschätzung und riskantes Verhalten im Spiel: Leider machen Leute oft schlapp, wenn sie versuchen, den See zu überqueren. Wer gerne lange Strecken schwimmt, sollte das parallel zum Ufer tun. Auch erfahrene und geübte Schwimmer können erschöpfen und es nicht mehr rechtzeitig ans Ufer schaffen.

Nach der Hitze ist es nun eher warm und gewittrig. Sollte man da überhaupt in den See?

Ja, man kann ruhig schwimmen gehen, aber wenn es blitzt und donnert, heißt es: raus! Wenn es brenzlig wird, auf keinen Fall Schutz unter Bäumen suchen. Man sollte sich auf einem Feld oder einer Fläche hinhocken und Erhöhungen meiden.

Was raten Sie Badegästen?

Schwimmen ist ein sehr sicherer Sport, wenn man die Baderegeln beachtet: Abkühlen vor dem Baden, nie bei Gewitter und weder mit vollem noch mit ganz leerem Magen ins Wasser steigen. Kreislaufprobleme sind häufigste Ursache für Badeunfälle, besonders an heißen Tagen. Oft ist auch Alkoholeinfluss ein Grund für das Ertrinken. Eltern müssen sich vorsichtiger verhalten und in Reichweite bleiben. Neulich lief ein dreijähriges Kind im Stößensee einem Hund ins Wasser hinterher und ging unter. Wir konnten das Kind retten, aber die Eltern waren nicht in der Nähe. Das geht gar nicht. Schwimmhilfen wie Gummienten sind keine Absicherung, schließlich kann die Luft aus der Schwimmhilfe herausgehen oder das Teil samt Kind abdriften.

Frank Villmow

ist Einsatzleiter bei der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) Berlin und Leiter Verbandskommunikation.

Das Interview führte Franziska Jäger.

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