
© Kitty Kleist-Heinrich
Nach Zusammenstoß: Wannsee wird zum Scharmützelsee
Warum rammte eine Fähre eine bei Flaute dümpelnde Jolle auf dem Wannsee?
Stand:
Berlin - Flaute. Auf dem Wasser schwächelte der Wind, Segler dümpelten am Dienstag die meiste Zeit auf dem Berliner Wannsee. Kaum eine Welle. Doch am Ufer, auf den Terrassen der Yachtklubs, schlugen die Wellen hoch. Der Grund: Die Kollision vom Sonntagmittag, bei der auf dem Wannsee die BVG-Fähre „MS Lichterfelde“ auf dem Weg nach Kladow einen Jollensegler rammte. Die „MS Lichterfelde“ hupte zwar zweimal laut, dann fuhr sie nach Berichten von Passagieren und anderen Seglern aber geradewegs auf die Jolle zu, die in einer Flaute mit schlappen Segeln auf dem Wasser dümpelte. Nach geltendem Reglement ein klarer Verstoß. Der Mann an der Pinne sprang in letzter Sekunde ins Wasser - und blieb unverletzt.
Am Steuer der Fähre stand ein Kapitän der „Stern- und Kreisschifffahrt“, die im BVG-Auftrag zwischen Wannsee und Kladow fährt. In einer ersten Stellungnahme erklärte die Reederei, der Fährmann habe den Kurs halten müssen, selbst bei einem sichtbaren Hindernis voraus. Ein Ausweichmanöver könne andere Bootsfahrer gefährden. Deshalb bleibe in einer solchen Situation nur Hupen und Gegenschub. Volle Kraft zurück hätte am Sonntag nicht mehr geholfen; das Schiff hätte nicht schnell genug reagieren können.
Für viele Segler klang das wie eine Ausrede. „Natürlich ist in der Ordnung für die Binnenschifffahrtsstraßen geregelt, wer wem ausweichen muss“, sagt Markus Bachmann, passionierter Segler an der Havel. Aber im Notfall sei doch nur zweierlei wichtig: „Umsicht und Menschenverstand.“ Dann gelte die Regel des letzten Augenblicks: „Sind rechts und links keine anderen Boote, rasch ausweichen.“ (Siehe Kasten unten) Mit einem Schlenker hätte der Dampfer die Nussschale umkurven können. „Im Straßenverkehr hält man ja auch nicht auf ein Auto zu, das mit Schaden auf der Kreuzung steht.“
Es gibt allerdings auch Ruderer und Sportbootkapitäne, die der Meinung sind, es müsse am Sonntag ein rechter Dilettant an der Pinne der Jolle gesessen haben. „Selbst ohne Paddel an Bord hätte er doch mit schnellen Ruderschlägen sein Boot wegwriggen können“, sagt eine erfahrene Seglerin im Klub „Welle Poseidon“. Wie der Unfall genau geschah und wer welche Fehler gemacht hat, klärt jetzt die Wasserschutzpolizei. Erste Ergebnisse lagen am Dienstag aber noch nicht vor.
Die Stern- und Kreisschiffahrt änderte mittlerweile allerdings ihre bisherige Darstellung des Geschehens. Der Segler habe trotz Flaute versucht, mit einer Wende auszuweichen, hieß es auf Anfrage. Darauf habe sich der Dampferkapitän verlassen. „Dann wendete der Segler aber zur falschen Seite und fuhr uns vor den Bug.“
Ein Missverständnis also? Fest steht: Dampferkapitäne schimpfen über die Freizeitkapitäne. „Manche Segler lassen es vor meinem Bug drauf ankommen“, sagt Kapitän Hendrik Jürgensen von der Reederei Lüdicke. Regelmäßig steuert er sein Fahrgastschiff „Heiterkeit“ über den Wannsee. „Was glauben Sie, wie oft ich aufs Horn drücke. Würde ich nicht defensiv fahren, würde ich jeden Sonntag fünf Jollen versenken.“
Bedenken hat Jürgensen, sollten die Führerscheinregeln für Sportboote weiter gelockert werden. Zurzeit darf man in Berlin nur mit Seglerschein eine Jolle steuern und braucht für ein Motorboot ab fünf PS einen Sportbootschein. In Brandenburg sind Segelboote und Hausboote bereits führerscheinfrei. Und derzeit plant die Bundesregierung, die gesamte Sportbootflotte bis zu 15 PS freizugeben. Für Profis auf den Wasserstraßen ein Horror. „Dann sind hier lauter Leute unterwegs ohne jede Ahnung von Schifffahrtsregeln.“Christoph Stollowsky
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